Huawei auf dem Weg zur Nummer 1

Mit einem Startkapital von nur 5600 Dollar startete der chinesische Handyhersteller – jetzt kämpft er mit Samsung und Apple um den Spitzenplatz

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Gut zwei Dutzend geladene Journalisten aus Westeuropa lauschen konzentriert den stolpernden Worten Richard Yus. Das Englisch des Chefs von Huaweis Smartphone-Geschäft ist nicht ganz leicht zu verstehen: «Wir wollen nicht nur die Nummer 1 werden, das wäre zu simpel, da wir das Geld, die Technik und die Leute haben, die es dazu braucht», sagt er selbstbewusst. «Mein Ziel ist es, die führende Premiummarke zu sein. Wir wollen bei den Highend-Geräten Apple und Samsung überholen.»

Solch markige Ansagen sind typisch für den 48-jährigen Mr. Yu, der eigentlich Yu Chengdong heisst und seit 1993 für den chinesischen Netzwerkriesen arbeitet, den man übrigens «Wa-wei» ausspricht. Das heisst so viel wie «Hallo Welt», und genau davon träumt Mr. Yu: dass die Welt mit seinen Geräten Hallo sagt. Von seinen Smartphones soll auch die westliche Welt schwärmen, wie sie das heute für ein Samsung Galaxy 8 oder ein iPhone X tut. Mit dem Flaggschiff Mate 10, das Yu am 16. Oktober als Antwort aufs iPhone X in München lanciert, will er «das beste Smartphone» liefern, das die Welt je sah.

Ein Drittel der Weltbevölkerung kommuniziert mit Huawei-Technik

Tatsächlich sind die Chinesen auf gutem Weg, an die Weltspitze vorzustossen. Erstmals hat Huawei im Juni und Juli mehr Smartphones abgesetzt als Apple und den iPhone-Hersteller auf den dritten Platz verwiesen. Die Nummer eins bleibt vorerst der südkoreanische Hersteller Samsung. Huaweis Handygeschäft wächst unfassbar schnell, jedes Jahr gehen rund 30 Prozent mehr chinesische Geräte über den Ladentisch, während andere wie Microsoft oder HTC, dessen Handysparte eben an Google ging, die Produktion einstellen.

Was so schnell wächst und aus China kommt, macht Angst und muss allenthalben mit Misstrauen rechnen. So wurde Huawei vom US-Senat beschuldigt, die Firma spioniere im Auftrag der chinesischen Regierung Amerika aus, Beweise blieben allerdings aus. Richard Yus grösste Herausforderung bleibt dennoch, Vertrauen zu schaffen. Wichtige Positionen werden deshalb mit Ausländern besetzt. Ein Coup gelang etwa vor vier Jahren mit John Suffolk, dem Berater für Datensicherheit der britischen Regierung, den Huawei als Chef für Datensicherheit gewinnen konnte. Helfen sollen aber auch Werbeträger wie Schauspielerin Scarlett Johansson, die bei der Lancierung des P9, des ersten mit Leica zusammen entwickelten Handys, in US-Metropolen von den Plakatwänden lächelte. Auch eine offensive Medienarbeit soll Transparenz andeuten, mit ein Grund, weshalb regelmässig Journalisten aus dem Westen an den Hauptsitz nach Shenzhen eingeladen werden.

Die Stadt liegt eine Stunde Autofahrt von Hongkong entfernt und gilt als eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Vor dreissig Jahren ein Fischerdorf mit 30'000 Einwohnern, beherbergt die Metropole heute auf 2000 Quadratkilometern um die zwölf Millionen Menschen. Shenzhen ist eine Planstadt, gebaut um der chinesischen mit High-Tech-Industrie voranzutreiben. Hier kommen Eletronik-Geräte "Made in China" her, zusammengebaut in Firmen wie Foxconn.

In Shenzhen startete im Jahr 1986 auch der frühere Offizier Ren Zhenfei im Auftrag der chinesischen Regierung sein Geschäft mit dem Ziel, die Telekommunikationsinfrastruktur des Landes zu modernisieren. Startkapital: 5600 US-Dollar. Zhenfei importierte Telefonanlagen aus Hongkong und verkaufte sie im ganzen Land. Bald baute er eigene und exportierte sie um die Jahrtausendwende weltweit. «Heute kommuniziert ein Drittel der Weltbevölkerung mit Technik von Huawei», sagt Marketingchefin Glory Zhang.

Marke Huawei gibt es erst seit 5 Jahren

Heute ist Huawei der grösste Netzwerkausrüster der Welt und hat eben die schwedische Ericsson überholt. Manche Internetverbindung läuft über Router oder Server von Huawei, die meisten USB-Sticks stammen aus Shenzhen, und viele Anwender surfen über Huawei-Antennen. Der Riese aus dem Reich der Mitte macht einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar – doppelt so viel wie vor vier Jahren. Er beschäftigt 180'000 Mitarbeiter in 170 Ländern, fast die Hälfte arbeitet in Forschungs- und Entwicklungslabors in 15 Ländern.

Im Jahr 2003 begann Huawei auch Noname-Handys zu bauen, aber erst seit fünf Jahren werden sie unter dem eigenen Namen verkauft. Vor drei Jahren kam die Tochtermarke Honor dazu, die eigens als Pendant zum chinesischen Konkurrenten Xiaomi aufgestellt wurde und sich explizit an ein junges Publikum richtet. Honor-Geräte werden nur online angeboten und sind bekannt für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Zwei Forschungslabors befinden sich in einem hohen Bürogebäude mitten in Shenzhen. Zwanzig Personen testen dort mit ein paar Dutzend Automaten die teuersten Handys auf Herz und Nieren. In einer Maschine fallen sie immer wieder aus einem Meter Höhe auf den Boden, eine andere übt 2000-mal einen Druck von 25 Kilogramm auf das Handy aus. Damit wird sichergestellt, dass das Gerät in der Gesässtasche nicht kaputtgeht, wenn ein Handybesitzer absitzt. In einem anderen Raum stehen Dutzende von mannshohen Metallkästen, in denen die Luxushandys extremen klimatischen Bedingungen ausgesetzt werden. «So prüfen wir, ob alle Handy-Funktionen zwischen minus 70 und plus 50 Grad Celsius funktionieren», sagt der Laborleiter.

Die Löhne der Mitarbeiter hält Huawei geheim

Sicherheit ist gut, aber wer Vertrauen aufbauen will, muss sich in die Fabriken schauen lassen. Das weiss auch Glory Zheng, weshalb sie die Journalisten ein riesiges Fabrikareal mit 21'000 Angestellten besuchen lässt. Allerdings müssen alle Kameras, Handys und Notizblöcke abgegeben werden. In einer hochmodernen Halle stehen zwanzig Produktionslinien von 120 Meter Länge. An jeder wird ein Handy-Modell produziert, für ein Gerät braucht es eineinhalb Tage.

Zuerst setzen Roboter von ABB die zentrale Leiterplatte in die Rückseite ein. Danach werden automatisch verschiedene Tests an Lautsprecher, Akku, Kamera und Display durchgeführt. Für das anschliessende Zusammensetzen und Verpacken kommen Menschen zum Einsatz, insgesamt 22 Mitarbeiter pro Linie, gearbeitet wird in zwei Schichten zu acht Stunden. Sprechen kann man mit keinem von ihnen: Just, als die Journalisten die Halle betreten, stieben alle Arbeiter weg. Mittagspause, lautet die offizielle Begründung.

Pro Monat werden in dieser Fabrik eine Million Handys produziert, nur Premiumgeräte. 90 Prozent der Produktion werden ausgelagert, an Firmen wie Foxconn. Über den Lohn der Arbeiter spricht Huawei nicht. «Solche Fabrikbesuche sind interessant, sagen aber über tatsächliche Arbeitsbedingungen wenig aus», sagt Karin Mader von der Nichtregierungsorganisation Brot für alle. Oft handle es sich um Vorzeigefabriken. Auch dass Nachhaltigkeit und Umweltschutz in Shenzhen kaum ein Thema waren, überrascht sie nicht. Im November publizieren Brot für alle und Fastenopfer erneut ihr IT-Markenrating, das sie bereits mehrmals durchgeführt haben. In diesem Jahr wird Huawei erstmals bewertet.

Am 16. Oktober kommt das Mate 10

Die Platzierung der Chinesen bleibt bis November geheim. Mader sagt nur so viel: «Wir haben die öffentlich zugänglichen Angaben von zehn Firmen analysiert und ihnen die Ergebnisse zur Prüfung vorgelegt. Zwei haben nicht reagiert, eine davon war Huawei. Das hat unser Vertrauen in die Sorgfalt des Konzerns gegenüber Menschenrechten und Umwelt nicht gerade gestärkt.»

Ob das Mate 10 wirklich das Beste sein wird, wie sich Yu das wünscht, können wir sagen, wenn es in den Regalen steht. Vorerst wurde den Journalisten das Schmuckstück nur kurz vom Techniker in weissen Handschuhen hinter verschlossenen Türen präsentiert.

Es sieht wunderschön aus und kann vieles, aber das Smartphone ist nun mal erfunden, daran ändert auch ein rahmenloser Bildschirm nichts mehr, wie ihn das vor zwei Wochen vorgestellte iPhone X haben wird. Ob die künstliche Intelligenz, die der neue, von Huawei gebaute Kirin-970-Chip erstmals ins Smartphone bringen wird, wirklich die Killer-App sein wird, ist zu bezweifeln. Sicher ist: Richard Yu bleibt dran. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.10.2017, 16:37 Uhr

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Seit 2008 ist Huawei auch in der Schweiz präsent und baut Netzwerke für die hiesigen Mobilfunkanbieter. Huawei Technologies Switzerland zählt 330 Mitarbeitende in Liebefeld BE, Dübendorf ZH und Lausanne, Chef ist der Chinese Haijun Xiao. Seit vier Jahren verkauft Huawei in der Schweiz auch Handys. Der Marktanteil liegt laut eigenen Angaben bei rund zehn Prozent, die Wachstumsraten bewegten sich in den vergangenen fünf Jahren «zwischen 30 und 100 Prozent». In drei Jahren sollen neun von zehn Schweizern die Marke kennen, und sie soll oben auf der Wunschliste stehen, heisst es aus der Firmenzentrale. Das passt zur Sicht des Schweizer Markts von Handy-Spartenchef Richard Yu. Diesen schätzt er als wichtig ein: «Es ist ein Highend-Markt. Alle haben das beste Smartphone. Das wollen wir in Zukunft liefern.» Vor fünf Jahren geriet das Unternehmen wegen des Verdachts, mit tiefen Löhnen und Touristenvisa für die Mitarbeiter gegen das Schweizer Arbeitsrecht zu verstossen, in die Schlagzeilen. Die Verdachtsmomente erwiesen sich letztlich als haltlos. (luc) (Bild: Reuters )

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