Huawei P9: Das Handy mit der Leica-Kamera im Test

Ist das China-Handy mit der deutschen Kamera das neue Mass aller Dinge? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat es zwei Wochen lang getestet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn unser Junior in den nächsten Wochen seinen ersten Geburtstag feiert, bekommt er von uns ein Fotobuch. Aus den abertausend Fotos, die ich in einem Jahr von ihm geschossen habe, stammen geschätzt neun von zehn von einem Smartphone. Zu meiner Überraschung wird das Verhältnis im Fotobuch genau umgekehrt sein.

Die Fotos, die wir festhalten wollen, stammen fast ausschliesslich von meiner richtigen Kamera (Sony A7). Handyfotos, die für Whatsapp, Hangouts oder SMS gut genug waren, haben es nur ganz wenige in die Auswahl geschafft. Manuelle Einstellungen und spezielle Objektive der Fotokamera haben auf lange Sicht Geschwindigkeit und Bequemlichkeit der Handykamera geschlagen.

Nicht in Stein gemeisselt

Dass dieses Machtverhältnis nicht in Stein gemeisselt ist, habe ich in den vergangenen zwei Wochen mit dem Huawei P9 mehrfach erlebt. Dank dem Handy mit der Leica-Kamera sind mir gleich ein paar Fotos gelungen, die unbedingt noch ins Fotobuch müssen. Ich habe mich sogar dabei ertappt, dass ich meine Fotokamera, die ich sonst überallhin mitnehme, auch mal zu Hause gelassen habe. Seit dem Nokia Lumia 1020 (Nokias Super-Kamera im Test) habe ich nicht mehr so viel mit einer Handykamera experimentiert.

Was macht die Kamera des P9 so speziell? Liegt es daran, dass sie das Leica-Logo trägt? Tatsächlich haben Kameras des deutschen Fotopioniers eine ähnlich treue Fangemeinschaft wie Apple. Andererseits ist nicht ganz klar, wie eng die Partnerschaft zwischen Huawei und Leica bei der Kamera wirklich ist. Huawei spricht zwar von einer Zusammenarbeit. Auffällig ist aber, dass Leica weder auf Facebook, Twitter oder seiner Website die Handykamera erwähnt.

Apple und Samsung haben die Nase vorn

An der Geschwindigkeit und an der Zuverlässigkeit kann es auch nicht liegen, dass ich so viel und so gern mit dem P9 fotografiert habe. Bei Ersterem hat aktuell Samsung mit dem Galaxy S7 klar die Nase vorn – bei Letzterem Apple mit dem iPhone 6S. Wer das Huawei P9 im Automatikmodus verwendet, dürfte häufig von den Bildern enttäuscht sein. Hält man das Telefon nicht ganz ruhig und lässt dem Autofokus Zeit, bekommt man unscharfe Bilder.

Geduld ist zudem beim Öffnen der Kamera-App gefragt. Auch hier ist das P9 kein Turbo. Einen Schnappschuss verpasst man damit schon mal. Was das angeht, erinnert das P9 an meine Fotokamera. Die startet auch eher langsam und schafft es im Automatikmodus selbst mit teuren Objektiven immer wieder, unscharfe Bilder zu schiessen.

Schlimmer noch, im Test ist es zweimal passiert, dass die Kamera-App des P9 den Dienst komplett verweigert hat. Da half nur, sie zu schliessen und die Kamera noch mal zu öffnen. Das sollte sich aber mit einem Update verbessern lassen.

Zwei Kameras besser als eine?

Wenn es nicht Tempo und Zuverlässigkeit sind, bleibt eigentlich nur noch die Doppelkamera, um den Reiz des P9 zu erklären. Das neue Handy hat auf der Rückseite nämlich nicht nur eine, sondern gleich zwei Kameras. Beide verwenden Sensoren von Sony: Der eine macht Farbfotos, der andere Schwarzweissbilder. Daraus errechnet das P9 dann ein Foto. Vereinfacht gesagt, schiesst die Schwarzweisskamera das Foto, und die Farbkamera malt es anschliessend aus.

Wer will, kann aber auch nur die Schwarzweisskamera nutzen. Gerade bei schlechtem Licht gelingen so Fotos, die mit einer Handykamera sonst kaum zu machen sind. Freilich muss man dafür auf Farbe verzichten. Aber lieber ein tolles Schwarzweissfoto als ein verschwommenes Farbbild. Wie gross der Mehrwert der Doppelkamera ist, ist aber auch nach zwei Wochen nur schwer abschätzbar. Mit einer einzelnen Kamera müsste das doch auch zu machen sein?

Was in erster Linie für die Kamera des P9 spricht, sind also weder der prominente Name noch technische Überlegenheit: Es sind ganz einfach die Fotos, die sie schiesst. Die Bilder treffen genau meinen Geschmack. Ich muss nichts nachbearbeiten oder nachbessern. Vorausgesetzt, ich habe alles richtig eingestellt, bekomme ich genau das Foto, das ich wollte.

Keine Angst vor manuellen Einstellungen

Wenn man Freude an Fotografie und keine Angst vor manuellen Funktionen hat, kann man mit dem P9 tolle Fotos schiessen. Die Profieinstellungen (ISO, Verschlusszeit, Belichtungsmesser, Weissabgleich...) lassen sich mit einem einfachen Wisch zuschalten.

Wer sich eine normale Kamera gewohnt ist, wird Rädchen und Knöpfe anfangs vermissen. Doch man gewöhnt sich schnell an den Touchscreen. Leider fehlt aber eine Möglichkeit, Einstellungen zwischenzuspeichern, sodass man sie schnell aufrufen könnte und nicht jedes Mal neu einstellen müsste.

Wischt man in der Kamera nach links, erscheinen die verschiedenen Modi. Nebst dem Schwarzweiss-, Video-, Nachtaufnahme-, Panorama-, Zeitraffer- und Zeitlupemodus findet man da auch eine Option namens Verschönern. Auf einer Skala von 1 bis 10 kann man wählen, wie sehr Gesichter verschönert werden sollen. Mit Faktor 10 sieht man schliesslich aus wie geschminkt. Das war sicher keine Leica-Erfindung.

Die simulierte Blende

Eine weitere Spielerei ist die simulierte Blende. Je weiter sich eine Blende öffnen lässt, desto verschwommener wird der Hintergrund. Tatsächlich haben die beiden Kameras des P9 eine Blende von 2,2 (das Galaxy S7 hat eine Blende mit 1,7 [kleiner ist besser]). Die Software simuliert jedoch eine Blende bis 0,95. Fotos, die in diesem Blendenmodus geschossen wurden, lassen sich nachträglich auch neu fokussieren.

Das klappt bei einfachen Motiven, die sich klar vom Hintergrund absetzen, überraschend gut. Sobald das Bild allerdings komplexer wird, stösst die Software an ihre Grenzen (s. Bildstrecke).

Wischt man in der Kamera nach rechts, erscheinen weitere Optionen. Da kann man etwa zwischen drei Filmvarianten auswählen: Standard, leuchtenden Farben und glattem Farbverlauf. Wem die Möglichkeiten nicht ausreichen, kann in der Bildanpassung Sättigung, Kontrast und Helligkeit auch manuell den eigenen Vorlieben anpassen. Wer will, kann da auch verschiedene Raster oder eine Wasserwaage einblenden lassen.

Ein Wort zum restlichen Handy

Das Spannendste am P9 ist ganz klar die Kamera. Was das restliche Gerät anbelangt, gibt es kaum etwas auszusetzen. Das Design ist hochwertig, der Bildschirm ist gut, wenn auch nicht ganz so hochauflösend wie bei manchem Konkurrenzhandy, der Akku hält einen Tag (ausser man schiesst sehr viele Fotos). Dank USB-C ist das Handy schnell geladen, der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite ist rasend schnell, und auch insgesamt macht das Handy einen schnellen Eindruck.

Überrascht war ich von der Software. Für gewöhnlich bin ich nicht begeistert, wenn Hersteller ihre eigene Software über Android stülpen. Abgesehen vom einen oder anderen hässlichen App-Logo, haben mich die radikalen Änderungen von Huawei aber kaum gestört. Das mag daran liegen, dass ich zuvor ein iPhone SE verwendet habe. Die Benutzeroberfläche des P9 erinnert nämlich stärker an iOS als Android.

Fazit: Die Leica-Kamera des P9 ist alles andere als die perfekte Handykamera. Sie ist langsam und nicht immer zuverlässig. Trotzdem macht es dank der manuellen Funktionen Spass, damit zu fotografieren. Mir sind damit in zwei Wochen gleich mehrere Fotos gelungen, die ich mir noch anschauen werde, wenn das P9 in ein paar Jahren längst zum alten Eisen gehört.

Ähnlich wie vor drei Jahren das Lumia 1020 mit dem 41-Megapixel-Sensor zeigt auch das P9, dass Handykameras noch reichlich Potenzial haben. Smartphones mögen ein Entwicklungsplateau erreicht haben, aber bei den kleinen Kameras gibt es immer noch reichlich Verbesserungspotenzial. Nun, da sie Kompaktkameras überflüssig gemacht haben, beginnen Geräte wie das P9, die Grenzen zwischen Handykamera und Enthusiastenkamera ganz langsam zu verwischen.

Das Huawei P9 ist in der Schweiz ab dem 26. April ab 599 Franken erhältlich.

Haben Sie Fragen zum Huawei P9? Digital-Redaktor Rafael Zeier beantwortet sie gerne in den Kommentaren oder auf Twitter.

Erstellt: 20.04.2016, 06:35 Uhr

Artikel zum Thema

Das Nokia Lumia 1020 im Test

Test Im neuesten Nokia-Smartphone Lumia 1020 steckt eine Kamera mit rekordverdächtiger Auflösung. Tagesanzeiger.ch/Newsnet testete das Hightech-Gerät. Mehr...

Handykamera nimmt das nächste Opfer ins Visier

Gestern haben der chinesische Telecomkonzern Huawei und der deutsche Kamerahersteller Leica ein neues Smartphone vorgestellt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat es ausprobiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...