In Lauerstellung

Während bei Huawei wegen des Handelsstreits zwischen den USA und China vieles im Unklaren ist, könnten andere in die Bresche springen. Wir stellen drei mögliche Profiteure vor.

Auch abseits von Apple, Samsung und Huawei gibt es gute Smartphones.

Auch abseits von Apple, Samsung und Huawei gibt es gute Smartphones. Bild: zei

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Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, der so ehrgeizige wie aufstrebende Handyhersteller Huawei hat ein Problem. Die USA haben ihn auf eine schwarze Liste gesetzt und ihm den Zugang zur Android-Software und allen Google-Diensten verwehrt. Seither ist der Konzern am Gängelband der US-Behörden.

Alle paar Monate läuft eine Ausnahme- und Übergangsbewilligung aus, und jedes Mal muss der Konzern auf eine Verlängerung hoffen. Ein eigenes Betriebssystem und App-Ökosystem sind in Arbeit (siehe Box). Doch die Situation ist verfahren, mühsam und unberechenbar. Aber das Unglück des einen, ist bekanntlich das Glück des anderen.

Aufatmen in Seoul

Einerseits dürfte Samsung merklich aufatmen. Der Weltmarktführer war zuvor von Huawei arg bedrängt worden. Nun bekommt er dank Trump mindestens eine Verschnaufpause. Aber auch kleinere Hersteller wittern eine Chance.

Kurzfristig kann man Huawei vielleicht ein paar Kunden abjagen. Aber sollte Huaweis Handygeschäft (mindestens in der westlichen Welt, denn in Asien spielt Google keine so bedeutende Rolle) zusammenbrechen, könnte man – Jackpot! – in die lukrative Lücke springen.

Schauen wir uns drei mögliche Profiteure und jeweils eines ihrer Handys genauer an.

Da ist zum einen HMD Global. Die Firma mit dem sterbenslangweiligen Namen hat einen entscheidenden Trumpf im Ärmel: Sie besitzt die Nokia-Markenrechte. Sie kann also Handys mit dem einst strahlenden und nach dem Windows-Fiasko verschwundenen Markennamen auf ihre Smartphones und Featurephones (Retro-Handys mit kleinen Bildschirmen und vielen Tasten) verkaufen. HMD selbst hat seinen Firmensitz im finnischen Espoo, wie das richtige Nokia auch.

Bei der Firma sind zahlreiche ehemalige Nokia-Mitarbeiter untergekommen. Hergestellt werden die Handys allerdings, wie inzwischen üblich und unvermeidbar, in Asien. Trotzdem dürfte das europäische HMD Global anders als die Konkurrenten aus Fernost kaum ins Visier der US-Regierung geraten.

Anders als fast alle Konkurrenten setzt HMD nicht auf eine eigene Benutzeroberfläche. Auf den Nokia-Smartphones läuft das unveränderte Android. Das ermöglicht es der Firma, Updates im Rekordtempo auszuliefern. Während man bei anderen Herstellern Monate oder gar Jahre wartet, geht das bei HMD fix. Die Firma hat sich in den letzten Jahren einen Namen mit preiswerten Smartphones mit dem klingenden Markennamen gemacht.

Der aktuelle Star im HMD-Sortiment ist das neue Nokia 7.2 für rund 280 Franken. Wer ein Handy in der Preiskategorie sucht, kann damit nichts falsch machen. Ja, man hätte es HMD nicht verübeln können, hätten sie 100 Franken mehr für dieses Handy verlangt.

Kamera, Bildschirm, Akku und Design sind mehr als gut genug. Dass das Gerät aus Plastik statt Glas, Alu oder Stahl ist, fällt im Alltag kaum negativ auf. Ja, das Handy dürfte bei Falltests sogar davon profitieren. Ein charmantes Detail ist das LED-Licht im Power-Knopf. Schaut man ins Sortiment der Onlinehändler, gibt es immer wieder Wartezeiten. Ein eindeutiger Hinweis auf die Popularität dieses Modells.

Zwei Firmen, ein Konzern

Die zwei anderen möglichen Profiteure des Huawei-Trump-Banns, die wir uns genauer anschauen wollen, kommen aus China und heissen Oppo und Oneplus. Beide gehören zum Grosskonzern BBK Electronics, und beide drängen auf den europäischen Markt.

Oneplus hat sich in den letzten Jahren mit Hightech zu Mittelklassepreisen im Android-Lager eine treue Fangemeinde erarbeitet. Gerade ein technik-affines Publikum schätzt die Hardware, die der Konkurrenz immer wieder mit dem einen oder anderen Feature voraus ist, und die Software, die ohne Bombast und Ballast daherkommt.

Das neueste Oneplus-Handy ist das 7T (rund 650 Franken). Es bietet, abgesehen von drahtlosem Laden, alles, was man von Handys der höchsten Preisklasse erwarten würde. Das Design ist elegant, der Bildschirm dank hoher Bildwiederholfrequenz äusserst angenehm für die Augen, und auch bei der Leistung muss man keine Abstriche machen.

Besonders gefällt die so flinke wie elegante Bedienung per Gesten. Diese erinnert in Sachen Komfort eher an die Bedienung der neusten iPhones als die etwas umständliche Variante der aktuellen Android-Version. Apropos iPhone: Ähnlich wie das Apple-Telefon hat das 7T einen Schiebregler. Anders als beim iPhone hat der aber drei Stufen. Eine für lautlos, eine für Vibrieren und eine für Klingelton.

Überraschend gut gefällt die Software-Benutzeroberfläche, die OnePlus über dem neusten Android laufen lässt. Man gewöhnt sich schnell daran und es wirkt auch nicht unnötig überladen.

Smartphones statt DVD-Spieler

Der Dritte im Bunde schliesslich ist Oppo. Die Firma kennt man hierzulande höchstens noch als Hersteller von DVD-Spielern, doch dieses Frühjahr gab die Firma ihr Comeback mit dem ersten 5G-Handy im Swisscom-Sortiment. Das Oppo Reno (so heisst das Handy) überraschte nebst 5G mit Toptechnik und vor allem einer Kamera, die sich damals nicht vor dem damaligen Kamera-Primus Huawei verstecken musste.

Anders als das teure Oppo Reno mit 5G ist das Oppo Reno 2 (Ja, die Namenspolitik bei Oppo ist noch etwas ungewohnt und verwirrlich.) mit 490 Franken deutlich erschwinglicher. 5G kann es aber nicht. Trotzdem muss man ganz genau hinschauen, um Unterschiede zu doppelt so teuren Handys zu finden. Das Glasgehäuse ist elegant, und die Kamera lässt keine Wünsche offen. Ähnlich wie Huawei bietet Oppos Kamera das Neuste vom Neuen in Sachen Hardware.

Der Hingucker ist aber der frontfüllende Bildschirm – ganz ohne Aussparungen oder Löcher für die Selfie-Kamera. Möglich macht dies ein ausgeklügelter Mechanismus, der die Selfie-Kamera automatisch ausfährt, wenn sie gebraucht wird. Fällt das Handy runter, wird die Kamera automatisch eingezogen. Wasserdicht ist es allerdings nicht, und wie langlebig oder fehleranfällig der Mechanismus ist, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen.

Den ansonsten guten ersten Eindruck trübte einzig der schluddrige Vibrationsmotor. Bei jedem Tastendruck vibriert das Handy zu spät und ausgesprochen unpräzise. Zum Glück kann man das ausschalten.

Viel besser als bei einem hierzulande weitgehend unbekannten Hersteller zu befürchten war, gefällt auch die eigene Android-Benutzeroberläche. Die erinnert in vielen Aspekten an Huaweis Software. Wer von einem anderen Android-Hersteller oder einem iPhone kommt, findet sich schnell zurecht.

Keine Verschnaufpause

Insgesamt zeigen die drei Android-Handys, dass sich die aktuellen Marktanteils-Könige nicht zu sehr auf ihren Lorbeeren ausruhen sollten. Der Preiskampf im Android-Lager wird in den nächsten Jahren nur noch brutaler werden. Und sollten sich die USA und China doch noch einigen, kommt es vielleicht zusätzlich zu einer Handy-Schwemme. Nämlich dann, wenn Huawei zurück im Geschäft ist und übermütige Konkurrenten in der Hoffnung auf ein Huawei-Vakuum zu viele Geräte vorbereitet haben.

Andererseits kann das Pendel auch in die entgegengesetzte Richtung schlagen. Nämlich dann, wenn andere chinesische Hersteller und vielleicht gar Fabrikanten ebenfalls auf eine schwarze Liste gesetzt würden. Dann wäre das Chaos perfekt.

Haben Sie Fragen zu den erwähnten Android-Smartphones – unser Autor beantwortet sie gern auf Twitter und Telegram:

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Erstellt: 26.11.2019, 21:28 Uhr

Mate 30 Pro
Ausgebremster Android-Primus

In Asien ist das neue Top-Handy von Huawei bereits erhältlich. Hierzulande soll es noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Huawei hat uns vorab ein Gerät ganz ohne Google-Software zum Testen ausgeliehen. Ein ausführlicher Test folgt, wenn das Gerät auch wirklich auf den Markt kommt.

Bei der Hardware trumpft Huawei mit den gewohnten Stärken auf. Der Akku ist sehr ausdauernd, und die Kamera ist einmal mehr ein Highlight. Auch sonst bietet das Handy alles, was man aktuell von einem Top-Modell erwarten kann.

Weniger gefällt, dass Huawei die Lautstärke-Knöpfe weggelassen hat. Stattdessen muss man den über die Kanten reichenden Touchscreen verwenden. Das klappt, wenn man das Gerät vor Augen hat, halbwegs. In der Tasche schnell die Lautstärke zu ändern, kann man vergessen.

Was die Software angeht, fällt einem auf den ersten Blick nicht auf, dass alle Google-Dienste fehlen. Doch wenn man Apps installieren möchte, merkt man schnell, dass im Huawei Store fast alle grossen Namen fehlen.

Man muss sich wenig vertrauenserweckende alternative App-Stores wie Apk-Pure installieren oder die Installationsdateien einzeln herunterladen. Aber selbst dann funktionieren weit nicht alle Apps.

Hier hat Huawei noch viel Arbeit vor sich. Sollte Huawei der Alleingang aber gelingen, stünden Google und die US-Regierung sprichwörtlich im Regen. (zei)

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