Jetzt kommen die spiegellosen Kameras für Profis

Fotoapparate ohne Spiegel gibt es jetzt auch mit Vollformat-Sensoren. Die meisten Hersteller haben den Trend verschlafen – ausser Sony.

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Spiegellose Vollformat-Kameras sind das Beste, was die Fotowelt derzeit zu bieten hat. In ihrem Gehäuse steckt allerfeinste Technik; gleichzeitig sind sie kompakter gebaut als die bisherige Königsklasse der Spiegelreflexkameras. Die Hersteller hoffen, damit die Handy-Generation doch noch zu ihren Kunden zu machen. Leider etwas spät.

Was aber verbirgt sich hinter dem Begriff der «spiegellosen Vollformat-Systemkamera» genau? Eine Systemkamera hat im Gegensatz zur simplen Digitalkamera ein austauschbares Objektiv, wie wir das von der Spiegelreflexkamera (englisch DSLR für Digital Single Lens Reflex) her kennen. Eine «spiegellose Systemkamera» nun ist ebenfalls eine Kamera mit Wechselobjektiv – aber ohne Spiegel.

Präzis der Spiegel fehlt, der bei der Spiegelreflexkamera das durch das Objektiv einfallende Licht auf den optischen Sucher lenkt und es dem Fotografen ermöglicht, quasi durchs Objektiv zu blicken. Stattdessen arbeitet bei dieser Technik ein elektronischer Sucher, der das vom Bildsensor aufgenommene Bild auf einen kleinen Monitor überträgt.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Kameras ohne Spiegel können kompakter gebaut werden. Sie sind auch leichter und günstiger als DSLRs, weil teure Mechanik wegfällt. Andererseits zeigten sie lange auch Schwächen. Besonders die ersten Generationen, die mit kleinen Sensoren vor gut zehn Jahren von Panasonic und Olympus kamen, lieferten eine im Vergleich zur DSLR schwache Bildqualität. Auch in Sachen Geschwindigkeit konnten sie nicht mithalten, weshalb sie für Profis kein Thema waren.

Erst Leica, dann Sony

Mit den Jahren wurden die Bildsensoren indes grösser, und mit ihnen Bildqualität und Geschwindigkeit rasant besser. Bereits 2009 baute die deutsche Leica die erste Spiegellose mit Vollformat, die mit einem Preis von 8500 Franken aber ein absolutes Nischenprodukt blieb. Spätestens als dann der japanische Elektronikhersteller Sony im Jahr 2013 mit seiner Alpha 7 mit «Vollformat» (24 x 36 mm) den Angriff auf die Königsklasse startete, war klar, dass dieser ernst zu nehmende Konkurrenz gewachsen war.

Das zeigt sich auch in Zahlen der Cipa, des Branchenverbandes der japanischen Kamerahersteller. Der weltweite DSLR-Markt schrumpft, seit 2013 nach Umsatz und Absatz um die Hälfte. Die spiegellosen Systemkameras indes konnten sich als einzige Sparte im sonst dramatisch schwindenden Kameramarkt halten.

Während Sony seinen Vorsprung mit jeder neuen A7-Generation stetig ausbaute, zögerten Nikon und Canon lange, aufs selbe Pferd zu setzen. Sie befürchteten, ihr Kerngeschäft zu kannibalisieren. Letzten Herbst dann sind beide mit spiegellosen Vollformat-Kameras doch noch nachgezogen, Canon mit der EOS R (ab 2000 Fr.), und Nikon brachte die Modelle Z6 (ab 2000 Fr.)und Z7 (ab 3000 Fr.). Canon hat inzwischen mit der EOS RP (ab 1300 Fr.) auch ein günstigeres Modell nachgelegt.

Alle können preislich und technisch mit Sonys zahlreichen Alpha-Kameras mithalten, sind handlich und relativ klein. Im Test vermochte die Nikon Z6 über weite Strecken zu überzeugen. Ihr Stärken spielte sie vor allem nachts und bei wenig Licht aus. Manchmal hatte der ansonsten fixe Autofokus auch Schwierigkeiten, scharf zu stellen. Verbesserungsfähig ist nach wie vor die App, mit der sich Bilder von der Nikon aufs Handy übertragen lassen. Noch sind erst drei Objektive verfügbar. Wer derzeit etwa ein 70–200mm-Zoom einsetzen will, kommt an einem Adapter für die Objektive der DSLR nicht vorbei.

Dass diese Spiegellosen mit Vollformat-Sensor den besten Spiegelreflexkameras das Wasser abgraben, zeigt auch eine Analyse des Magazins «Heise». Die Redaktoren haben untersucht, welche Kameras im letzten Jahr über das Preisvergleichsportal Geizhals.de nachgefragt wurden: mehr spiegellose Vollformatige oder herkömmliche DSLRs? Vor einem Jahr wurde noch nach beiden Geräteklassen gleich häufig gesucht, aktuell indes entfallen mehr als 70 Prozent der Anfragen auf die spiegellosen Vollformat-Apparate. Die DSLRs mit grossem Sensor kommen auf knapp 30 Prozent. Am beliebtesten sind Sonys A7 III mit 26 Prozent, vor Nikons Z6 (14 Prozent).

Auch wenn die neuen Top-Shots ohne Spiegel Aufwind ins Kamerageschäft bringen, können sie den Sinkflug der Branche nicht aufhalten. Die aktuellen Zahlen liegen einmal mehr unter dem Vorjahresniveau. Insgesamt lieferten die japanischen Hersteller von Januar bis Juni dieses Jahres 25 Prozent weniger Kameras als im selben Zeitraum vor einem Jahr. Dabei wurden mit 1,7 Millionen Stück 15 Prozent weniger Spiegellose ausgeliefert als im Vorjahreszeitraum. Noch krasser ist der Rückgang um 36 Prozent bei der Königsklasse auf rund 2,2 Millionen Stück.

Dass Nikon und Canon mit dem späten Eintritt in die spiegellose Meister-Klasse nochmals aufholen können, dürfte kaum der Fall sein. Man wolle nebst ambitionierten Fotografen und Profis auch Vlogger und Influencer ins Boot holen, heisst es bei Nikon. Aber die fotografieren mit dem Handy, seit sie die Finger bewegen können. Handy-Kameras liefern heute schon Bilder, wie man es bis vor wenigen Jahren nicht für möglich hielt. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht.

Erstellt: 04.09.2019, 15:20 Uhr

Gehören mit zum besten (und teuersten) was man aktuell kaufen kann: Die Sony A7R IV und die Nikon Z7. (Bild: Andrea Zahler)

Es muss nicht immer Vollformat sein

Wir schwärmen hier gern von Vollformatkameras. Doch die sind gross und vor allem teuer. Von den ebenfalls teuren und grossen Objektiven ganz zu schweigen. Die pragmatischere Alternative sind Kameras mit einem kleineren (aber verglichen mit einem Smartphone immer noch grossen) APS-C-Sensor. Die sind in der Regel kleiner, handlicher, günstiger, und die Objektive kosten kein Vermögen. Kurz, ideal für alle, die noch etwas mehr Bildqualität oder Foto-Vergnügen suchen, als es die inzwischen hervorragenden Smartphone-Kameras bieten.

Letzte Woche haben Canon und Sony fast zeitgleich drei neue Kameras mit APS-C-Sensoren vorgestellt. Die spannendste der drei ist die Sony A6100. Sie hat das Zeug dazu, die bisherige Budget-Empfehlung des Autors, die inzwischen fünfjährige und für unter 500 Franken erhältliche Sony A6000 dereinst abzulösen. Der empfohlene Verkaufspreis von 1000 Franken mag auf den ersten Blick abschrecken. Doch Sony führt auch für die A6000 auf der eigenen Website immer noch den Preis von 850 Franken. Es wird sich zum Verkaufsstart ab Mitte Oktober zeigen, wie weit die Händler den Preis drücken.

Wir hatten die Gelegenheit, die Kamera an der Präsentation kurz auszuprobieren. Besonders gefiel das von Sonys deutlich teureren (ja Profi-)Kameras übernommene Autofokussystem. Die Kamera ist flink und stellt zuverlässig scharf. Wie die teuersten Kameras für mehrere Tausend Franken hat auch die A6100 den sogenannten Augen-Autofokus. Das bedeutet: Die Kamera erkennt Augen und stellt automatisch darauf scharf.

Diese Funktion hat erst Porträtfotografen begeistert, ist aber für Anfänger noch viel praktischer. Man braucht nur den Auslöser halb zu drücken, und schon stellt die Kamera präzise auf das Auge einer Person (oder eines Tieres) scharf. Man braucht dazu keine komplizierten Menüs oder Knöpfe. So gelingen selbst den ungeübtesten Fotografinnen und Fotografen tolle Familien- oder Kinderfotos.

In ähnlichen Preisregionen bewegt sich die Canon EOS M6 II (ab 970 Fr., ab September). Die Kamera macht auf dem Papier mit ihrem 32-Megapixel-Sensor einen sehr vielversprechenden Eindruck. Sollte der Preis noch etwas fallen, könnte auch diese Kamera eine gute Einsteiger-Option werden. Da per Adapter fast alle Canon-Objektive damit harmonieren, dürfte sie auch eine gute Zweit- oder Reise-Kamera für Canon-Fans werden.

Die Sony A6600 schliesslich kostet mit 1750 Franken mehr als manche Vollformatkamera. Die Kamera hat abgesehen vom kleineren Sensor fast alles, was doppelt so teure Profi-Kameras von Sony an Funktionen haben. Pragmatische Kenner wirds freuen. (Rafael Zeier)

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