Microsofts Chefdesigner über seinen grössten Erfolg

Ralf Groene musste mit dem Surface-Tablet einen Milliarden-Abschreiber verdauen und eine Tastatur-Revolution beerdigen. Dann kam der Wendepunkt.

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Es heisst immer, für Designer sei es ein grosses Kompliment, kopiert zu werden. Mit dem Surface erleben Sie das seit Jahren. Freut Sie das?
Natürlich freut es mich. Wir betreiben einen grossen Aufwand, unsere Geräte so hinzubekommen, wie sie sind. Aber hin und wieder frage ich mich beim Anblick eines anderen Geräts schon: «Ist das jetzt ein Surface?» Manchmal muss man wirklich ganz genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen. So gesehen, ist es ein Wechselbad der Gefühle. Aber schlussendlich zeigt es einem auch, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Gerade mit dem Surface, das ja mit dem Milliarden-Abschreiber einen mehr als holprigen Start hingelegt hat, muss das schon genugtuend sein. Ich kann es mir nur vorstellen, aber die ersten zwei Jahre waren sicher nicht einfach.
Wir wussten das natürlich alles. Ich sass mit in den entsprechenden Sitzungen. Aber im Kopf war ich damals bereits mit dem Surface Pro 3 beschäftigt. Wir arbeiten immer 3, 4 oder gar 5 Jahre voraus. Als das passierte, hatten wir zum Glück schon unsere Prototypen für die nächsten Jahre. Natürlich ist es nicht leicht, wenn man einen holprigen Start hinlegt. Aber wir wussten schon damals, wo wir hinwollen, und alle bei Microsoft waren sehr optimistisch, dass wir die richtigen Puzzlesteine für einen Erfolg hätten.

Der kam ja dann mit dem Surface Pro 3.
Das war für uns ein Wendepunkt. Da hatten wir das Erfolgsrezept zusammen: ein grösserer Bildschirm im 3:2-Format, ein Ständer mit unendlich vielen Winkeln usw. Ja, und dann kamen die ersten Reaktionen, und den Leuten gefiel es. Darum konnten wir uns gar nicht allzu lange mit negativen Gedanken aufhalten. Sollte man sowieso nicht. Man muss immer nach vorne schauen.

War denn der grössere Bildschirm des Surface Pro 3 ein Kundenwunsch?
Ja. Aber wir hatten da bereits mit anderen Bildschirm-Formaten experimentiert. Das Pro 3 war unser erstes Gerät mit einem Bildschirm im 3:2-Format. Die früheren Geräte hatten einen breiteren 16:9-Bildschirm. Da gab es spannende Debatten und zahlreiche Untersuchungen, welches Bildschirmseitenverhältnis nun ergonomischer ist. 16:9 ist fürs Filmeschauen besser. 3:2 stellte sich dagegen als guter und ausbalancierter Allrounder heraus.

Es ist ja auch das Bild-Format vieler Fotokameras.
Auch Dokumente passen gut auf 3:2. Inzwischen haben wir dieses Format überall. Selbst im grossen Surface Hub. Hätten wir da 16:9, sähe es im Hochformat seltsam aus.

Dieses lang gezogene 16:9 hat mich an den ersten Surface-Modellen immer gestört. Gerade zum Lesen war es ziemlich komisch.
Das haben wir in unseren Tests auch herausgefunden. Es scheint eine ziemlich weitverbreitete Vorstellung darüber zu geben, was gute Proportionen für Bildschirme sind.

Ein anderes Überbleibsel der Surface-Vergangenheit, das mich bis heute fasziniert, ist das Touch-Cover. Eine Tastatur ganz ohne bewegliche Tasten.
Oh ja. Die hatte Drucksensoren statt Tasten. Jede Taste konnte Kräfte zwischen 10 Gramm und einem Kilo unterscheiden. Wir konnten entscheiden, bei wie viel Druck ein Buchstabe auf dem Bildschirm erscheinen sollte. Für jede Tastenreihe haben wir eigene Druckkurven bestimmt und haben sehr viele Nutzungsstudien dazu gemacht.

Microsoft-Manager Steven Sinofsky zeigt 2012 das erste Surface mit dem Touch Cover.

Aber bei den Kunden fiel es durch.
Ich war überzeugt, das würde die Tastatur revolutionieren.

Ich auch. Als ich die Präsentation des ersten Surface kürzlich noch mal schaute, fiel mir auf, dass auf der Bühne fast nur vom Touch Cover gesprochen wurde. Die zweite Tastatur mit richtigen Tasten wirkte wie eine Notlösung für die Ewiggestrigen.
Und dann wurde nichts aus der Revolution. Wir fingen noch mal von vorne an und konzentrierten uns ganz darauf, die bestmögliche Tastatur mit mechanischen Tasten zu machen – für unsere Tablets, aber auch für unsere Laptops. Der richtige Tasten-Hub, die richtige Beschichtung, die richtige Form, die richtigen Materialien: Das alles ist unglaublich wichtig. Wir machen sehr viele Nutzertests. Wir fragen Leute, was ihnen besser gefällt, und versuchen dann mit Hochgeschwindigkeitskameras und Sensoren herauszufinden, warum eine Tastatur beliebter ist als eine andere.

Was haben Sie dabei herausgefunden?
Dass wir unsere Laptops dünner machen könnten, wenn wir dünnere Tastaturen verwenden würden. Aber wir wollen keine dünneren Tastaturen machen. Wir wollen tolle Tastaturen machen.

Beim Klapp-Tablet Surface Neo kann man die eine Bildschirmhälfte als Tastatur nutzen ...
... man kann aber auch eine mechanische Tastatur darauflegen.

Aber es ginge auch ohne?
Ja, klar. Dann würde die Touchscreen-Tastatur eingeblendet. Aber die Debatte, ob eine Software-Tastatur eine mechanische ersetzen kann, ist noch nicht entschieden. Heute gefällt der Mehrheit eine mechanische Tastatur besser. Darum haben wir auch so eine fürs Surface Neo. Wir entwickeln unsere Produkte nicht um technische Möglichkeiten herum, sondern um Menschen. Mit dem USB-C-Anschluss, den wir beim Surface Pro erst jetzt eingeführt haben, war das ähnlich. Die meisten Menschen haben noch USB-A. Darum warten wir jeweils, bis wir als Menschen für eine neue Technologie parat sind. Vielleicht werden wir mit Fortschritten in der künstlichen Intelligenz in Zukunft neue Mensch-Computer-Schnittstellen sehen. Unser Ziel ist es nicht, so etwas vorwegzunehmen. Wir wollen die richtigen Produkte für den richtigen Moment machen. Technologie entwickelt sich viel schneller weiter, als wir Menschen das tun. Neue Technologien können so überwältigend sein, dass wir Menschen lieber bei unseren bewährten Methoden bleiben.

Ich sah dieses Touch-Cover als genau so einen Paradigmenwechsel. Ich stellte mir schon vor, wie ich auf der flachen Tastatur wie auf dem Touchpad eines Laptops die Maus bewege oder Multitouch-Gesten mache.
Wir hatten damals so viele Ideen und viele verschiedene Funktionen in Planung, aber ...

... zurück zu den Basics.
Exakt. Die Basics haben immer Vorrang.

An der Podiumsdiskussion im Vorfeld dieses Interviews haben Sie einen interessanten Punkt erwähnt: Zwei separate Bildschirme seien nützlicher als ein einzelner, grosser und vielleicht sogar faltbarer Bildschirm.
Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Leute im Büro lieber zwei getrennte Bildschirme als einen grossen haben. Es ist anscheinend komfortabler, Sachen links und rechts zu haben. In unseren Untersuchungen haben wir dann herausgefunden, dass es für unser Hirn weniger anstrengend ist, zwei getrennte Bildschirme zu haben als einen grossen.

Ich sehe das Surface Duo und das Surface Neo auch als Vehikel, um den Menschen beizubringen, zwei Apps parallel zu nutzen ...
Absolut. Unsere Studien haben gezeigt: Mit einem grossen Bildschirm nutzen die Menschen auch hauptsächlich eine App.

Ich beobachte das häufig beim iPad. Da staunen die Leute immer, wenn sie sehen, dass ich mehrere Apps parallel geöffnet und nebeneinander habe.
Genau diese Erkenntnis, kombiniert mit dem Wissen, wie fragil faltbare OLED-Bildschirme heute noch sind und was für komplizierte Mechanismen es braucht, um sie sicher falten zu können, hat uns zu den 2-Bildschirm-Geräten gebracht. Kommt dazu, dass wir das Gerät so viel dünner machen können. (legt das Surface Duo neben mein Galaxy Fold, auf dem ich das Interview aufzeichne. Und Überraschung: Das Duo ist deutlich dünner) Zudem kann man das Duo nicht nur aufklappen, sondern komplett umklappen.

Wie wichtig das Scharnier ist, ist mir erst bei meinen Tests solcher Faltgeräte aufgefallen. Ich habe das komplett unterschätzt.
Das Scharnier und wie man die zwei Hälften verbindet, ist tatsächlich entscheidend. Da gehen so viele Kabel durch. Wir mussten eigene Legierungen dafür entwickeln, damit sich das Gerät hunderttausende Mal falten lässt. Das ist eine grosse Ingenieursleistung und hat Jahre gedauert. Aber für unsere Kunden muss es natürlich einfach funktionieren. Sie sollen nicht sehen, wie viel Aufwand dahintersteckt.

Bis anhin waren Surface-Geräte für ihre Magnesium-Gehäuse bekannt. Nun setzen Sie beim Surface Pro X und bei den Laptops auf Aluminium. Warum?
Wir haben ursprünglich auf Magnesium gesetzt, weil unsere Tablets etwas übergewichtig waren. Das lag an den grossen Akkus und den leistungsfähigen Prozessoren, die wir einbauen wollten. Wir wollten kein ultraleichtes System bauen. Wir wollten ein Tablet, das das volle Windows nutzen konnte. Daher mussten wir einen normalen PC schrumpfen. Da war Magnesium ideal. Es ist 35 Prozent leichter als Aluminium, aber hat sonst ähnliche Eigenschaften. Bei den Laptops war es nicht so wichtig, das Gewicht zu reduzieren. Da erlaubte es uns das Aluminium, die Oberfläche zu oxidieren und zu anodisieren. Das macht sie ausgesprochen hart und ermöglicht die schönen Farben.

Mit Magnesium ginge das nicht?
Nein. Da braucht es eine Beschichtung mit Pigmenten. Da wir beim Surface Pro 7 das Gewicht reduzieren wollten, nutzen wir Magnesium. Beim Surface Pro X, das ein deutlich leichteres System verwendet, konnten wir Aluminium nehmen.

Und was ist denn mit den Faltgeräten?
Beim Neo und dem Duo ist es vor allem wichtig, dass die Funkwellen nicht gestört werden. Darum nehmen wir Glas. Wir verwenden sehr kratzfestes Gorilla-Glas. Wenn wir Geräte entwickeln, wählen wir immer das Material, das den Zweck am besten erfüllt. Haben wir uns für ein Material entschieden, schauen wir, welche Formen am besten dazu passen. Form folgt dem Material. Material folgt dem Zweck. (Form follows materials. Materials follow purpose.)

Die Surface-Geräte sind bekannt für ihre bunten Tastaturen und Gehäuse. Das neue Surface Pro X dagegen gibt es nur in Schwarz. Warum?
Es ist ja auch nur unser erstes X. Irgendwo mussten wir anfangen. Erst macht man ein Produkt so gut, wie es möglich ist, ehe man ein weiteres macht. Aber klar, niemand hindert uns daran, uns Gedanken über andere Farben zu machen.

Haben Sie Fragen zum Surface-Interview oder zu Surface-Geräten im Allgemeinen – unser Autor beantwortet sie gern auf Twitter und Telegram:

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Erstellt: 11.12.2019, 17:31 Uhr

Der im deutschen Niedersachsen aufgewachsene Ralf Groene studierte in Kiel Industriedesign. Seit 2006 arbeitet er bei Microsoft in den USA. Er war massgeblich an der Entwicklung des ersten Surface beteiligt und trägt seit 2015 den Titel «Head of Industrial Design Microsoft Devices». In der Funktion ist er nicht nur für die Surface-Geräte, sondern auch für das Design der Xbox verantwortlich. Wir trafen ihn Ende Oktober in Berlin am Rande der Präsentation neuer Surface-Geräte zum Interview. (zei) (Bild: Microsoft)

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