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Apple lässt die Apps verschwinden

Die Beta-Version des neusten Apple-Betriebssystems zeigt, wie es mit dem iPhone weitergeht.

Wenn im Herbst iOS 10 an Millionen iPhones und iPads ausgeliefert wird, soll es das grösste Update sein, das Apples Handy-Betriebssystem je gesehen hat. So zumindest die offizielle Formulierung der Marketingprofis aus Cupertino.

Tatsächlich dürfte iOS 10 viel mehr als Aufpolier-Update in Erinnerung bleiben. Die Mehrheit der Veränderungen sind Verbesserungen bestehender Funktionen. Besonders häufig dienen sie dazu, Funktionen, die auf dem Papier schon immer gut geklungen haben, im Alltag aber nie Fuss fassen konnten, doch noch zum Durchbruch zu verhelfen.

Ruhe statt Ruckelei

Die Live-Fotos, kurze Filmchen die parallel zu jedem Foto aufgezeichnet werden, sind eine ruckelige Spielerei geblieben und lassen sich schlecht mit Freunden teilen. Künftig werden die Filmchen digital stabilisiert, und sogar Editieren soll möglich sein.

Erste Versuche mit der Beta-Version von iOS 10 stimmen zuversichtlich. Noch besser macht es aber ausgerechnet eine iPhone-App von Google: Motion Stills (Für diese App sollte sich Apple bei Google bedanken). An deren Funktionen und Komfort sollte sich Apple orientieren. Bis Herbst ist dafür noch reichlich Zeit.

Schneller zur Kamera und Gesichtserkennung

Wenn man die Beta-Version von iOS 10 ausprobiert, fällt auf, dass viele Verbesserungen mit Fotografie zu tun haben. Neu lässt sich die Kamera mit einem einfachen Wisch auf dem Sperrbildschirm öffnen. Man muss dazu kein Symbol unten rechts mehr treffen. Einfach wischen und offen ist die Kamera. Das funktioniert intuitiv, und nach ein paar Versuchen kann mans blind.

Auch die Fotos-App hat Apple grundlegend überarbeitet. Hier hat sich der iPhone-Konzern offensichtlich von Google inspirieren lassen. Google Fotos ist aktuell der beste Cloud-Fotodienst. Doch im Herbst dürfte Apple die Lücke schliessen. Schon jetzt funktionieren Orts- und Personensuche sehr gut. Wer will, kann zum Beispiel Fotos der Familienmitglieder per Gesichtserkennung automatisch sortieren lassen.

Dank Bilderkennung kann man neu auch nach Begriffen wie «Baum» oder «Essen» suchen. Das funktioniert noch nicht so präzise wie bei Google Fotos, aber auch da hat es nicht vom ersten Tag an geklappt. Und eben, fertig ist iOS 10 erst im Herbst.

Kleberli und Kritzeleien

Weniger mit Fotos zu tun hat das überarbeitete iMessage. Damit kann man neu weit mehr als nur Kurznachrichten und Fotos verschicken. Apple hat an seiner Entwicklerkonferenz überraschend viel Zeit darauf verwendet neue Funktionen wie Kleberli, Emoticons, Kritzeleien und ähnliche Spielereien vorzustellen. Die meisten davon sind in der Beta-Version von iOS 10 bereits präsent.

Das Ziel dieser Neuerungen ist klar: die Apple-Nutzerinnen und -Nutzer von Diensten wie Whatsapp, Facebook Messenger oder Snapchat wegzulocken. Was den Funktionsumfang angeht, hat Apple alles richtig gemacht. Das neue iMessage muss sich vor der Konkurrenz nicht verstecken. Dank eigenen Mini-Apps hat es manchen sogar einiges voraus.

Apples Protektionismus

Nur in einem Bereich enttäuscht das Update: Was nützt der beste Messenger, wenn man damit nur die Hälfte der Freunde erreicht. Apple sperrt sich weiter dagegen, iMessage auch auf Android anzubieten. Mit Apple Music war der Konzern nicht so protektionistisch. Aber vielleicht fällt die Blockadehaltung ja doch noch irgendwann.

Noch etwas Zeit brauchen die überarbeiteten Dienste Siri und Homekit. Bei Ersterem setzt Apple auf Entwickler, die nun den Sprachassistenten mit ihren Apps kombinieren können. Bei Zweiterem kommen die Hersteller von smarten Haushaltgeräten wie Überwachungskameras, Thermostaten, Rollläden oder Wetterstationen ins Spiel. Aktuell unterstützen erst wenige Apples Standard.

Doch nun, da es mit Homekit eine zentrale App auf dem iPhone und iPad gibt, könnte sich das ändern. Man darf gespannt sein, ob es Apple gelingt, beiden Diensten im Herbst neuen Schwung zu verleihen. Aktuell sehen beide vielversprechend aus, aber ohne die App-Entwickler und Gerätehersteller, wird das nicht zum Fliegen kommen.

Es hat sich ausgewischt

Die spannendste Neuerung hat aber nichts mit einzelnen Diensten zu tun. Mit iOS 10 hat Apple die Bedienung des iPhones grundlegend geändert. Fast zehn Jahre lang war die Devise «Zum Entsperren streichen». Damit ist nun Schluss.

Wenn man das iPhone nun in die Hand nimmt, geht es automatisch an, und man muss nur noch den Homeknopf drücken und sich damit per Fingerabdruck identifizieren. Was wie eine Kleinigkeit klingt, gefällt im Alltag sehr. Ähnlich wie die Apple Watch, die auch nur angeht, wenn man den Arm zu sich dreht, springt das iPhone nur schon an, wenn man es kurz vom Tisch hochhebt. Man muss keine Knöpfe drücken.

So entsperrt man neu das iPhone künftig: Einfach hochheben und Finger scannen.

Das ist wirklich elegant gelöst. So kann man etwa das Telefon aus der Tasche nehmen und blind schon mal nach links streichen und hat mit etwas Übung die Kamera offen, noch bevor man den Bildschirm im Blick hat (Der Doppelklick auf den Homeknopf bei Samsung-Telefonen ist aber weiterhin die einfachere Variante.).

Schluss mit Notification-Neid

Mit dieser Neuerung geht ein Rundum-Umbau der Benachrichtigungen und des Sperrbildschirms einher. Gerade was das anging, musste man als iPhone-Nutzer in der Vergangenheit neidisch ins Android-Lager schielen, wo Benachrichtigungen nicht nur besser aussahen, sondern auch der Sperrbildschirm schlauer war. Damit wird im Herbst Schluss sein.

Ähnlich wie auf der Apple Watch sehen Benachrichtigungen nun besser aus und können auch mehr. Das geht so weit, dass man für viele Sachen den Sperrbildschirm nicht mal mehr verlassen muss.

Apps verschwinden

Der Evernote-Chef Phil Libin sagte im Interview mit dem «Tages-Anzeiger»: «Apps werden verschwinden. Die Idee einer App ist eine altmodische Idee.» Der neue Sperrbildschirm des iPhones weist in genau diese Richtung. Apps laufen im Hintergrund. Statt Apps zu öffnen, sind deren Inhalte immer schon da.

Bis das tadellos funktioniert und die mit Apps vollgepflasterten Handybildschirme der Vergangenheit angehören, wird es noch Jahre dauern. Aber mit iOS 10 macht Apple einen grossen Schritt in diese Richtung.

Erfahrungsgemäss brauchen App-Entwickler ein halbes bis ein ganzes Jahr bis sie sich an solche Änderungen angepasst haben. Aber wer weiss, wenn das tatsächlich alles funktioniert und Apple dieses neue Konzept den nicht immer änderungsfreudigen Nutzerinnen und Nutzern schmackhaft machen kann, spricht man in ein paar Jahren vielleicht von iOS 10 immerhin als grossem Update.

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