Sechs Tage mit dem iPhone XS

Am Freitag kommen Apples neue Smartphones in die Läden. Wir haben sie ausprobiert.

So sehen die neuen Apple-Telefone aus. Video: Lea Koch

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Auf der Bühne des «Steve Jobs Theater» schwärmt Apples Marketing-Chef von den neuen iPhones XS und XS Max. In der hintersten Reihe hadere ich noch etwas mit den komplizierten Namen und frage ich mich vor allem, was an den zwei Handys denn eigentlich neu ist.

Klar, das eine ist grösser und hat einen riesigen Bildschirm. Aber sonst? Nach den vielen revolutionären Neuerungen vom Vorjahr – Bedienung per Wischgesten, Entsperren per Gesichtserkennung und natürlich dem randlosen Bildschirm mit der demonstrativen Kamera-Aussparung an der oberen Kante – muss man sich heuer auf der Suche nach Neuerungen schon etwas mehr anstrengen.

Willkommen im S-Jahr

Apple-Fans sprechen bei iPhones mit einem S am Ende des Namens jeweils von einem S-Jahr. Ein Jahr also, in dem Apple das Handy des Vorjahrs verbessert und keine grossen Sprünge macht.

So ganz korrekt ist das allerdings nicht. Ein paar der wichtigsten Neuerungen kamen in S-Jahren: Etwa der Fingerabdrucksensor im Home-Knopf oder Siri. Aber so etwas sucht man heuer vergebens. Kein Wunder dürfte vielerorts daher wieder die Rede von einem S-Jahr sein.

S-Jahr hin oder her, könnten wir es uns jetzt einfach machen und schreiben: Mit dem iPhone XS und dem XS Max wird das aktuell beste (und ab 1200 resp. 1300 Franken teuerste) Handy noch mal ein bisschen besser.

Das wäre so zwar korrekt, denn es gibt aktuell kein anderes Handy, das ähnlich bequem, zuverlässig und komplett daherkommt wie das iPhone X. In einzelnen Kategorien – gerade bei den Kameras – mögen andere Hersteller Vorteile haben. Aber das rundeste Paket gibts bei Apple.

Man muss sehr genau hinschauen, um das XS vom X zu unterscheiden.

Das dürfte mit ein Grund sein, warum es Apple heuer etwas ruhiger angehen lässt. Diversifizieren statt das Rad neu erfinden, dürfte die Devise in Cupertino gewesen sein. Schliesslich folgt im Oktober mit dem iPhone XR noch ein drittes, etwas günstigeres Modell mit ähnlichem Design und fast identischen Funktionen zu einem tieferen Preis.

Doch wo bliebe da der Spass, wenn wir es uns so einfach machen würden. Schnappen wir uns eine Lupe und machen wir uns auf die Suche nach Verbesserungen und Neuheiten.

Man muss schon sehr genau hinschauen, um das neue XS vom alten X zu unterscheiden. Abgesehen von der Gold-Option (übrigens ein sehr dezentes Gold, das je nach Licht auch mal Kupfer oder Bronze sein könnte) unterscheiden sich die zwei nur noch bei den Lautsprechern.

Schluss mit Symmetrie

Hatte das iPhone X links und rechts des Lightning-Anschlusses je sechs Öffnungen, hat das XS auf der einen Seite sechs und auf der anderen drei. Symmetrie-Fans werden aufschreien, aber so oft schaut man da nun wirklich nicht hin.

Ein Wort noch zum grösseren XS Max: Das ist tatsächlich einfach grösser. In der Hand liegt es für die schiere Grösse überraschend gut, aber man muss schon ein Fan grosser Handys sein, um sich dafür zu begeistern. Zumal das XS ja auch nicht gerade klein ist. Da gäbe es also durchaus noch Platz für ein iPhone Mini im nächsten Jahr – zumal das bis dato kleinste, das iPhone SE, aus dem Sortiment geworfen wurde.

Aber wo sind nun die wirklichen Verbesserungen?

Fangen wir mit der Kamera an. Die hat auf der Rückseite hinter dem Weitwinkelobjektiv einen neuen Bildsensor, dank Smart HDR und noch mehr Rechenleistung soll sie schlauer belichten, und bei Porträtfotos lässt sich nachträglich die simulierte Blende verstellen.

Um die ersten beiden Neuerungen zu sehen, nahm ich das iPhone XS und das iPhone X mit auf einen Waldspaziergang. Der ideale Ort, um zu testen, ob das Belichten nun anders funktioniert. Schliesslich gibt es dort mal wenig Licht, mal grelles Licht und meist alles in einem Bild.

Mit geübtem Blick erkennt man durchaus, dass es auf Fotos weniger überbelichtete Highlights hat und dass die Fotos bei wenig Licht etwas schöner werden. Aber man muss schon sehr genau hinschauen. Ausser bei Aufnahmen in der Nacht wurde das iPhone X in keiner Kategorie deutlich geschlagen. Ja, es gab mehrere Fälle, wo das schönere Foto vom iPhone X stammte.

Die Möglichkeit, bei Porträtfotos nachträglich die Blende zu verstellen und so zu entscheiden, wie verschwommen der Hintergrund sein soll, ist eine lustige Spielerei und leicht zu bedienen. Allerdings gibt es das bei der Konkurrenz schon lange.

So funktioniert die nachträgliche Blende. Die dabei entstandenen Fotos und einen Vergleich mit einem Profiobjektiv gibts im Blog des Autors.

Im iPhone-Appstore finden sich mit Slor oder Focos Apps, die nicht nur das können, damit kann man nachträglich sogar den Fokus verschieben. Auch auf älteren iPhones.

Denn Apple behält die Blendenfunktion den neuen XS-Modellen vor. Als Argument führt Apple den schnelleren Prozessor des neusten Telefons ins Feld. Tatsächlich merkt man, dass sich die Kamera etwas flinker anfühlt. Aber findige Entwickler werden sicher bald vorführen, dass die Blendenfunktion auch auf einem älteren iPhone funktionieren würde.

Freude bei den Selfie-Fans

Selfie-Fans dürfen sich übrigens ebenfalls über eine verbesserte Kamera freuen. Selbst als untalentierter Selfie-Fotograf ist mir nicht entgangen, dass die Fotos selbst im Vergleich zum iPhone X besser wurden.

Nach den paar Tagen mit dem iPhone XS steht fest, wegen der Kamera wird niemand vom iPhone X aufs XS wechseln. Wer dagegen von einem älteren iPhone oder von Android herkommt, bekommt eine sehr ausgewogene und dank Apps äusserst flexible Kamera. Den derzeitigen Kameraprimus, das Huawei P20 Pro, kann das neue iPhone jedoch aktuell nicht vom Thron stossen.

Warten auf Updates

Aber etwas sei noch gesagt: Da ein neuer Sensor in der iPhone-Kamera steckt, sollte man mit abschliessenden Urteilen vorsichtig sein. In der Regel erfahren neue iPhone-Kameras mindestens im ersten Jahr noch ziemliche Verbesserungen per Software-Update. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.

Dasselbe gilt auch für den neuen Prozessor, den A12 Bionic. Auf den ist Apple besonders stolz und verwendete viel Zeit an der Präsentation, um zu zeigen, wie leistungsfähig er ist. Tatsächlich steckt reichlich Leistung in dem ersten im neuen 7nm-Verfahren hergestellten und bereits erhältlichen Chip.

Das ist nicht nur für grafisch aufwendige Spiele praktisch, sondern auch für Augmented-Reality-Anwendungen oder die bereits erwähnte Smart-HDR-Funktion. Doch wie gut die neuen Chips sind, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen, wenn neue Anwendungen sie bis an die Grenzen strapazieren.

Leistung und Ausdauer

Aktuell dürfte der A12 Bionic mehr als genug Leistung mitbringen. Doch was ist mit der Ausdauer? Ein Stromfresser scheint er auf jeden Fall, soweit man das nach sechs Tagen schon sagen kann, nicht zu sein. Apple verspricht beim XS 30 Minuten und beim XS Max anderthalb Stunden mehr Akku als beim iPhone X.

Bei normaler Verwendung ist mir bis jetzt mindestens beim XS nicht aufgefallen, dass es spürbar länger hält als das iPhone X. Akkuwunder sind beide Handys nicht. Aber man kommt durch den Tag, und wenns doch mal knapp wird, rettet einen der Stromsparmodus bis zur nächsten Steckdose oder Drahtlos-Ladestation.

Trotzdem wünschte man sich, Apple würde beim Akku mehr als einen guten Blick auf die Konkurrenz werfen. Huawei und jetzt auch Samsung verbauen vermutlich deutlich grössere Akkus als Apple. Die genauen Zahlen zu den Apple-Akkus werden wohl erst publik, wenn iFixit in den nächsten Tagen die neuen Handys aufschraubt.

SIM und eSIM

Der Konkurrenz voraus ist Apple dafür in einem anderen Bereich. Alle neuen iPhones haben nebst dem SIM-Einschub auch eine eSIM. Damit wird es – vorausgesetzt die Telecomfirmen machen mit – dereinst möglich, bequem den Anbieter zu wechseln, ohne sich über die friemeligen Plastikkärtchen zu ärgern.

Das ist gerade auch im Ausland praktisch. Aktuell hat diese eSIM zur Folge, dass man die neuen iPhones nun auch in Betrieb nehmen kann, ohne erst eine SIM-Karte einzustecken. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser für professionelle Gerätetester.


Fazit: Das bis dato beste iPhone ist nicht nur grösser, sondern auch etwas besser geworden. Da die Konkurrenz auch ein Jahr nach der Präsentation des iPhone X kein vergleichbares Paket aus Komfort, Wischgesten, Gesichtserkennung und Randlosbildschirm im Angebot hat, kann es Apple etwas ruhiger angehen lassen und braucht im höchsten Preissegment kaum Konkurrenz zu fürchten. Wer sich mehr Flexibilität bei der Kamera und einen grösseren Akku wünscht, sollte sich das kostengünstigere P20 Pro von Huawei genauer anschauen.

Ausblick: Spannend wird es Ende Oktober, wenn mit dem iPhone XR (ab 880 Franken) die günstigere Variante des XS auf den Markt kommt. Technisch muss man kaum Abstriche machen. Im Gegenteil: Mit dem XR am Horizont sollte man sich selbst als Apple-Fan gut überlegen, ob einem das Stahldesign, der Oled-Bildschirm und die Doppelkamera den Aufpreis zum XS wert sind.

Haben Sie Fragen zu den neuen iPhones? Unser Autor beantwortet sie gerne auf Twitter. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.09.2018, 12:03 Uhr

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