«Die Brille wird das Smartphone ersetzen»

Microsoft verfolgt mit der Hololens-Brille ehrgeizige Ziele. Der ETH-Professor und Microsoft-Forscher Marc Pollefeys im grossen Interview.

Noch dominieren PC und Bildschirme: Marc Pollefeys in der Zürcher Microsoft-Niederlassung.

Noch dominieren PC und Bildschirme: Marc Pollefeys in der Zürcher Microsoft-Niederlassung. Bild: Urs Jaudas

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Beschreiben Sie unseren Lesern doch einmal Ihr Büro. Steht da noch ein PC, oder haben Sie nur noch die Hololens-Brille?
Wir haben immer noch Bildschirme. Ich denke, es wird auch noch einige Zeit vergehen, bis die Hololens meinen Laptop ersetzen wird. Aktuell nutzen vor allem Frontline-Workers unsere Brille, um komplizierte Service-Aufgaben zu erledigen, oder Gruppen, die an einem dreidimensionalen Objekt zusammenarbeiten. Wir sind noch nicht so weit, dass wir im Büroalltag den PC durch eine Brille ersetzen können.

Aber das wäre schon verlockend?
Natürlich! Man könnte sich so viele Bildschirme einrichten, wie man will. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir müssen noch an vielen Dingen arbeiten, zum Beispiel, dass man die Brille einen ganzen Arbeitstag lang tragen kann.

Ich komme gerade von der weltgrössten Handymesse, und dort haben alle von faltbaren Bildschirmen gesprochen. Huawei und Samsung haben solche Geräte. Die grossen Fragen waren: Wie oft kann man so was biegen, und wie funktionieren diese Mechanismen? Da dürften Sie nur schmunzeln. Mit einer Brille haben Sie all diese Probleme nicht.
Genau. Sie können so viele Bildschirme nutzen, wie Sie wollen und wo Sie wollen. Man kann sie die ganze Zeit im Blickfeld haben oder an einem bestimmten Ort fixieren.

Bildschirme simulieren ist das eine. Was ist denn mit Zubehör? Wie tippt man denn zum Beispiel? Braucht es noch richtige Tastaturen?
Persönlich glaube ich, dass es noch lange physische Tastaturen geben wird. Ich schreibe zum Beispiel nicht gerne E-Mails auf dem Handy, weil mir das haptische Feedback einer Tastatur fehlt. Darum nutze ich wenn immer möglich eine richtige Tastatur. Mit einer Brille mit Hand-Erkennung könnte man zum Beispiel auch in der Luft oder auf einem Tisch tippen. Oder man kann auch einfach diktieren.

Siri, Alexa und Cortana lassen grüssen.
Spracherkennung ist ein integraler Bestandteil der Hololens. Die Mikrofone auf der Brille sind so platziert, dass wir Umgebungsgeräusche von der eigenen Stimme unterscheiden. Sie könnten also im Tram flüsternd eine SMS diktieren, ohne dabei Ihre Umgebung zu stören.

Aber die Tastatur wird nicht verschwinden?
Wer eine Tastatur will, kann mit einer Hologramm-Brille auch weiterhin eine Tastatur nutzen. Aber die wird man immer weniger brauchen, je weiter die Entwicklung voranschreitet.

Mit all den Sensoren in einer smarten Brille könnte man ja eigentlich auch eine uralte Schreibmaschine als Tastatur nutzen. Die Brille erkennt, welchen Knopf man drückt, und der Text erscheint im Blickfeld. Oder überborde ich da gerade?
Technisch sollte das kein Problem sein. Bei unserer Brille ist das Hand-Tracking zurzeit allerdings optimiert für Gesten und Bewegungen in der Luft und nicht auf Oberflächen oder gar Geräten.

Die Brille ist noch nicht für den Heimnutzer gebaut: eine Besucherin testet die erste Version der Hololens an einer Digitalmesse in Paris 2017. Foto: Getty

Das erklärt, warum an der Präsentation der neuen Hololens jemand in der Luft Klavier gespielt hat. Auf einem Tisch wäre es ja eigentlich intuitiver.
Genau. Oberflächen zu erkennen ist aber komplizierter, als man denkt. Natürlich arbeiten wir auch daran. Unser Fokus lag aber klar darauf, digitale Objekte zu bewegen und zu verändern.

Beispielsweise Schieberegler, die man mit den Fingern packen muss. Da bekommt man das haptische Feedback, wenn sich die zwei Finger berühren. Was sich überraschend real anfühlt. Zusätzlich nutzen Sie auch Töne, um den Eindruck zu erwecken, man berühre ein reales Objekt.
Es ist ganz wichtig, dass man sieht, wie sich ein virtueller Knopf bewegt, wenn man mit der ganzen Hand oder einem Finger darauf drückt. So hat man das Gefühl, einen richtigen Knopf zu drücken. Ich staune jedes Mal, wie real sich das anfühlt, obwohl da eigentlich gar nichts ist.

Ich möchte noch mal kurz auf die Stimme als Bedienungsinstrument zurückkommen. Wenn Sie schätzen müssten, wie viel Prozent machen wir künftig mit der Stimme und wie viel mit den Händen? 20 Prozent Stimme vielleicht?
Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine ist nicht mein Spezialgebiet, deshalb kann ich keine Prozentzahl nennen. Aus meiner Sicht stehen wir hier noch ganz am Anfang und müssen erst lernen, was am besten funktioniert. Es hängt sicher auch stark davon ab, für welche Aufgaben man die Brille nutzt.

Zum Beispiel?
Nehmen wir einen Chirurgen. Der kann während einer Operation nicht mit seinen Händen in der Luft Knöpfe drücken. Und aus hygienischen Gründen darf er sich auch nicht an die Brille fassen, da man sie natürlich nicht sterilisieren kann ...

... oder in Plastik einschweissen ...
Genau, in diesem Fall ist die Stimme die beste Wahl. In anderen Szenarien ist es vielleicht ein Mix von Stimme und Gesten. Ich gehe davon aus, dass die Stimme für die Steuerung immer wichtiger wird.

Aber alles ist damit nicht möglich.
Möglich vielleicht schon, aber es ist viel zu umständlich. Zum Beispiel wenn ich etwas gestalten oder verändern möchte. «Schiebe diesen Punkt etwas nach rechts und den anderen leicht nach unten», ist viel zu aufwendig und auch unpräzis. Das können wir mit unseren Händen schneller und einfacher und genauer.

Und das ist ja einer der grossen Trümpfe Ihrer Brille, wie gut sie Hände erfassen kann. Vor einem Jahr habe ich mich mit einer Virtual-Reality-Brille der Konkurrenz an einer Herzoperation versucht. In beiden Händen musste man einen unpraktischen Joystick halten und klicken, wenn man etwas machen wollte. Mein virtueller Patient hat die Operation dann auch nicht überlebt.
Ja, aus meiner Sicht hat Microsoft aktuell die mit Abstand besten Sensoren, wenn es darum geht, räumliche Tiefe oder eben die Bewegung von Händen zu erfassen und Gesten zu verstehen.

Der Sensor steckte ja ursprünglich in der Kinect-Kamera der Xbox-Spielkonsole.
Nicht genau der, den wir jetzt in der Hololens nutzen. Wir haben die Technologie von damals natürlich kontinuierlich weiterentwickelt.

Derselbe Raumsensor steckt auch im parallel zur neuen Brille vorgestellten Azure Kinect. Eine Art Mini-Sensor, der beispielsweise in Supermärkten erkennt, wer was aus dem Regal nimmt, und so dereinst die Kasse am Ausgang überflüssig machen soll.
Genau. Wir wollten diesen bahnbrechenden Raumsensor nicht nur in der Brille einsetzen. Viele Forscher und Techniker nutzen immer noch unseren alten Xbox-Kinect-Sensor. Mit dem Azure Kinect bieten wir einen Sensor an, der den Entwicklern neue Möglichkeiten bietet. Jetzt können wir gemeinsam experimentieren, wie wir die neue Technologie zum Vorteil der Kunden einsetzen können.

Und sicher auch ein Ökosystem darum herum erschaffen.
Genau. Das ist eine Stärke von Microsoft: Partner an Bord zu holen und gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. Bei der ersten Hololens war das damals ähnlich. Da mussten wir auch komplexe Probleme lösen und ganz neue Technologien entwickeln. Diese können wir nun in ganz neuen Produkte einsetzen, die dem Kunden neue Anwendungsmöglichkeiten bieten.

Wie gross ist denn dieser Sensor? Würde der auch in ein Handy passen?
Theoretisch sollte das möglich sein, da unser Sensor einer Handykamera ziemlich ähnlich ist. Er hat ein normales Objektiv, einen etwas anderen Chip und eine spezielle Infrarot-Lichtquelle.

In dem Bereich wird es sowieso sehr spannend in den nächsten Monaten und Jahren. Samsung hat beim eben gezeigten Galaxy S10 5G auch spezielle Raumsensoren, viele weitere Hersteller werden in Kürze nachziehen. Das dürfte ja gerade Augmented Reality auf Handys deutlich besser machen?
Man kann das Nutzererlebnis einer Hololens nicht mit dem Mobiltelefon vergleichen. Jeder, der eine Hololens getragen und die Demos erlebt hat, wird mir zustimmen.

Revolutioniert diese AR-Brille die Arbeitswelt? Die Hololens 2 von Microsoft zielt auf Unternehmen als Kunden ab. Video: Reuters

Stimmt. Aber zum Beispiel bei Kartendiensten hat das Smartphone durchaus Potenzial. Etwa wenn einem das Handy in einer fremden Stadt direkt zeigt, welche Abzweigung man nehmen muss, und man nicht mühsam überlegen muss, ob die Karte jetzt richtig gedreht ist und ob man in die richtige Richtung läuft.
Ja, das ist sicher nützlich. AR-Apps, bei denen man mit Objekten interagiert, machen für mich auf dem Handy kaum Sinn.

Trotzdem geben sich Konzerne wie Apple und Google schon heute grosse Mühe, uns Augmented Reality auf dem Smartphone schmackhaft zu machen.
Solange Brillen wie unsere Hololens noch nicht für alle Anwendungsfälle Sinn ergeben, ist das sicher ein nachvollziehbarer Zwischenschritt.

Aber wenn man schon einmal die Hololens ausprobiert hat, ist sonnenklar, wohin die Reise geht und was auch bei Google und Apple das Fernziel ist.
Die neuen Raumsensoren werden Augmented Reality auf Smartphones sicher besser machen. Aber mit einer Brille ist das Nutzererlebnis weiterhin um Welten besser.

Wann glauben Sie, sehen wir die erste Person mit eben so einer Brille im Zug, Bus oder Tram?
Das kann heute schon passieren. Meine Studierenden an der ETH und mein Team hier bei Microsoft nutzen die Hololens im Alltag, um Anwendungen auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln.

Aber Ihre Experimentierereien einmal ausgenommen ...
Ich schätze etwa fünf Jahre. Dann könnten die ersten Geräte für den Alltagsgebrauch auf den Markt kommen. Die dazu nötigen Einzelteile sind alle vorhanden.

Aber diese zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen, dürfte das Schwierigste sein.
Genau! Wir könnten jeden einzelnen Aspekt an unserer Brille noch mal deutlich verbessern, aber das hätte immer auch Auswirkungen auf das Ganze. Würden wir zum Beispiel das Blickfeld noch grösser machen, würde auch das Brillengestell grösser werden. Wir könnten sie auch kleiner oder billiger machen, aber das hätte wieder andere Nachteile ...

Oder noch ausdauernder, mit mehr Akku.
Es ist so viel einfacher, wenn man ein Gerät nur in einer Dimension verbessern möchte. Aber das nützt uns nichts, wenn wir irgendwann so weit sein wollen, dass wir diese Brillen im Alltag nutzen wollen. Deshalb müssen wir Schritt für Schritt vorgehen.

Ich habe einmal den damaligen Designer der Virtual-Reality-Brille von HTC gefragt, wann sich Apple denn in den Brillenmarkt wagt. Er meinte: Wenn sie die Technologie in einer normalen Sonnenbrille verbauen können. Da hat er schon etwas übertrieben, oder?
Nicht unbedingt.

Sie halten das also nicht für einen Witz?
Nein. Vielleicht wird das eine etwas wuchtigere Sonnenbrille, aber diese Form ergibt durchaus Sinn und würde mich nicht überraschen.

Und wird die Brille wirklich das Handy ersetzen?
Ich glaube ja, die Brille wird das Smartphone ersetzen. Man wird damit alles machen können, was man mit einem Handy auch kann. Der grosse Vorteil ist, dass man eine Brille nicht jedes Mal aus der Hosentasche ziehen muss und beim Gebrauch die Hände frei hat.

Keine Angst vor dem ständige Geblinke von Benachrichtigungen im Blickfeld?
Nein. Dank künstlicher Intelligenz werden Geräte bis dann noch viel besser verstehen, wann welche Art von Information in welcher Situation nützlich und passend ist.

Wir wollen damit ja das Handy ablösen.

Was mich immer wieder beeindruckt, sind Konzeptvideos, wo jemand so eine Brille trägt und in der Hand ein Smartphone hält oder am Arm eine Smartwatch trägt. Dabei erweitert die Brille den Bildschirm der Geräte. Da sieht man rund um den realen Bildschirm kleine virtuelle Displays mit Zusatzinfos.
Das wird in der Übergangsphase sicher nützlich sein. Längerfristig wird man aber nicht zwei oder mehrere Geräte mit sich herumtragen. Die Brille wird sich durchsetzen.

Da das Smartphone praktisch nur noch aus Bildschirm besteht, lässt sich das ja auch verhältnismässig leicht von einer Brille nachbilden ...
... und wenn man beim Schreiben haptisches Feedback möchte, kann man die eigene Hand als Oberfläche nutzen und mit den Fingern der anderen Hand darauf tippen.

Eine Neuerung der Hololens 2 wurde bei der Präsentation nicht erwähnt und fand sich erst nachträglich in den technischen Details. In der ersten Version steckte ein Intel-Prozessor, nun ist da ein Qualcomm-Prozessor, wie man ihn aus Smartphones kennt. Wie wichtig ist der neue Prozessor?
Ohne zu stark in die technischen Details zu gehen: Der Grossteil von dem, was die Hololens ausmacht, kommt nicht vom Prozessor. Das Herzstück unserer Brille und der Hauptunterschied zu einem Handy ist unser HPU-Chip. HPU steht für «Holographic Processing Unit» und ist eine Entwicklung von Microsoft.

Was macht die?
Es ist ein Echtzeit-immer-an-Computer-Vision-Chip. Der analysiert ständig, wo man gerade ist, wo es Flächen hat, was die Hände machen usw. Zudem sorgt er dafür, dass es keine Verzögerungen zwischen dem realen Bild und den Hologrammen gibt. Mit einem Handy probiert man Augmented Reality vielleicht mal fünf Minuten aus ...

... und dabei wird das Handy schon siedend heiss und der Akkustand saust nach unten.
Schon unsere erste Brille konnte man problemlos über zweieinhalb Stunden am Stück nutzen, ohne dass sie warm wurde. Der HPU-Chip ermöglicht es uns, Dinge zu tun, die ein anderes Gerät wahrscheinlich stark erwärmen würden.

Die neuste Hololens hat nur WLAN und kann nicht selbstständig ins Handynetz.
Man kann die Brille natürlich mit dem Handy-Hotspot verbinden und so unterwegs ins Internet. Aber selbstständig kann Hololens das nicht.

Aber es ist ja klar, dass sich das dereinst ändern wird, ja muss.
Natürlich. Wir wollen damit ja das Handy ablösen. Da müssen wir das früher oder später machen. Aber aktuell wäre das zu aufwendig und auch nicht wirklich nötig. Momentan reicht die Hotspot-Option. Schliesslich hat aktuell auch noch jeder ein Smartphone, und WLAN gibt es auch fast überall. Kommt dazu: Die Hololens ist ein vollkommen unabhängiger Computer. Da kann man auch alle möglichen Programme und Daten darauf speichern. So kann man auch gut ohne Internetanbindung auskommen. Gerade für Fabrikhallen ohne WLAN und Aussendienstmitarbeiter ist das ganz wichtig.

Gerade dieser Aspekt hat viele Leute überrascht. Als ich das letzte Mal über Hololens geschrieben habe, kamen mehrere Anfragen, wo denn der verbundene Computer sei.
Das passiert mir auch immer wieder. Selbst bei Leuten aus unserer Branche. Sie meinen, die Brille sei nur ein Bildschirm. Dabei ist die Hololens ein sehr leistungsfähiger Computer.

Sie haben es im Verlauf des Gesprächs immer wieder betont. Hololens ist für Firmen. Als die Brille Anfang 2015 vorgestellt wurde, klang das alles viel heiterer und mehr nach einem Gerät für die heimische Stube. Gerade die Vorführungen mit Spielen machten mächtig Eindruck. Machen Sie aktuell einfach einen kleinen Umweg über Business-Anwendungen, oder wie ist das zu verstehen?
Es ist sicher kein Umweg. Die Hololens ist auch bei Schweizer Unternehmen im Einsatz und befähigt deren Mitarbeitende, Innovation zu betreiben und Arbeitsschritte zu digitalisieren. Unser Ziel ist es, die Menschen mit unserer Technologie zu unterstützen und zu befähigen, ihre Ziele schneller, einfacher und besser zu erreichen. Die Hololens ist dafür bereits heute ein sehr wirkungsvolles Werkzeug.

Wo Sie schon die Schweiz erwähnt haben, ich könnte mir so eine Brille ja sehr gut in der Uhrenindustrie vorstellen. Uhrmacher müssen so viele winzige Einzelteile in der richtigen Reihenfolge zusammenbauen, da wäre eine Brille sicher hilfreich. Vorausgesetzt, man kann sie mit einer Lupe kombinieren.
Ja, oder die Brille kann auch ein Argument sein, um junge Mitarbeitende, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind, für eine vermeintlich unspektakuläre Arbeit zu begeistern.

Jetzt sprechen wir schon wieder über Arbeit. Spiele und Spass kommen dann aber wieder zurück, wenn die Brille parat ist für den Massenmarkt?
Natürlich. Es wird so ähnlich ablaufen wie mit dem PC. Die standen zuerst auch nur in Büros, während man zu Hause Computer von Texas Instruments oder Commodore zum Spielen nutzte. Erst nach und nach kamen PC auch in die Wohnungen der Leute und machten diese anderen Computer überflüssig. Das wird sich ungefähr so wiederholen.

Also besteht Hoffnung für die Spiele-Fraktion, die sich bei der Präsentation der Hololens schon grosse Hoffnung gemacht hat?
Natürlich. Hololens wird sich weiterentwickeln und eines Tages vielleicht so aussehen (zeigt auf seine Brille). Und irgendwann werden die Leute sagen: «Hey, ich will das nicht nur im Büro haben, ich will das auch für die Freizeit.»

Man kann auf Dinge zugreifen, die andere gemacht haben. Der Nutzen steigt mit der Anzahl der User.

Und Microsoft hatte ja an der Präsentation der Hololens 2 Tim Sweeney, den Gründer von Epic Games, auf der Bühne. Er hat zwar nichts Konkretes gesagt oder gar gezeigt, aber immerhin wurde der Aspekt nicht ganz ausgeblendet.
Für uns ist klar, wohin die Reise geht. Aber es gibt noch einige Probleme, die wir lösen müssen, um dahin zu kommen. Microsoft ist in der glücklichen Situation, dass Kunden und Partner unsere Brille heute bereits in der Praxis einsetzen. So können wir sozusagen in aller Öffentlichkeit experimentieren, lernen und gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern innovative neue Anwendungsgebiete definieren.

Andererseits ist Microsoft dafür bekannt, die Zukunft sehr präzise vorherzusagen und dann doch zu verpassen. Schon Ende der 90er-Jahre produzierte Microsoft Videos, die das heutige Smartphone und das mobile Internet vorhersahen. Genützt hats herzlich wenig.
Microsoft hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Darum bin ich mir sehr sicher, dass sich das nicht wiederholen wird.

Ich möchte auf Ihre Cloud-Plattform Azure und den spannendsten Aspekt der Brille überhaupt zu sprechen kommen. Dank einer Art Cloud-Plattform könne man dereinst überall Hologramme hinterlassen, die andere Menschen dann sehen.
Richtig. Wir nennen das Spatial Anchors, also räumliche Anker.

Für mich klingt das nach virtuellen Graffiti oder, wie es Microsoft nennt, einer Art holografisches Internet.
Das ist eines der Themen, an dem mein Team und ich hier in Zürich arbeiten. Schon bevor ich zu Microsoft kam, war das für mich immer einer der Schlüsselaspekte. Ich versuche das immer so zu erklären: Die erste Hololens war ein PC in der Zeit, als es noch kein Internet gab. Man konnte viele spannende Sachen machen und mit viel Aufwand auch Dokumente mit anderen Leuten teilen. Mit Hololens 2 vernetzen wir uns jetzt untereinander. Der Nutzen und die Möglichkeiten nehmen exponentiell zu. Dank der Vernetzung und der räumlichen Anker wird so viel mehr möglich. Man kann auf Dinge zugreifen, die andere gemacht haben. Der Nutzen steigt mit der Anzahl der User.

Alles wird spannender, wenn man es mit anderen teilen kann.
Genau. Es ergibt zum Beispiel erst Sinn, seine Umwelt mit Notizen zu versehen, wenn andere die auch lesen können.

Das klingt wie eine begehbare holografische Wikipedia für die reale Welt.
Das Netzwerk wird schlussendlich grösser und wichtiger als das Gerät selbst.

Aktuell haben wir die digitale Welt und die reale Welt. Beide sind sauber getrennt. Doch mit Hologrammen könnte das dereinst verschmelzen.
Es gab eine Phase, da waren wir sehr auf Virtual Reality fokussiert. Schon damals habe ich mich aber dafür eingesetzt, dass wir verstärkt im Bereich Mixed Vision, also Augmented Reality, forschen und entwickeln.

Virtual Reality ist lustig als Spielkonsole für zu Hause. Aber Hologramme haben das Zeug dazu, das nächste Internet zu werden.
Das wird die grosse Herausforderung der nächsten Jahre: eine Vernetzung, die über mehrere Gerätetypen hinweg funktioniert. Damit alle auf dieselben Informationen und Hologramme zugreifen können. Das ist auch einer der Gründe, warum ich bei Microsoft bleiben wollte. Ich will bei dieser Entwicklung, die weit über einzelne Geräte und Hersteller hinausgeht, unbedingt dabei sein.

Denn schlussendlich ist die Hololens nur ein Computer und ein Zugang zu diesem neuen Medium oder gar dieser neuen Welt.
Genau. Wir bieten mit unserer intelligenten Cloud Zugang zu Computerpower und stellen Services zur Verfügung, zum Beispiel im Bereich künstlicher Intelligenz. In Bezug auf die Endgeräte sind wir völlig offen. Unsere Spezialität ist die Plattform.

Da wir gerade von Plattformen sprechen: Wie stellen Sie sich dieses Internet der Hologramme denn vor? Wird es eine allumfassende, aber geschlossene Plattform, eine Art holografisches Facebook, oder wird es etwas wie das Internet, wo jeder nach Lust und Laune Inhalte erstellen kann? Oder gibt es am Ende gar verschiedene holografische Welten an denselben realen Orten: eine von Google, eine von Apple, eine von Amazon, eine von Facebook, eine von Microsoft usw.?
Dafür ist es heute noch zu früh. Jetzt müssen wir erst einmal an den Grundlagen arbeiten.

Microsoft hat an der Präsentation immer wieder betont, wie offen alles sein soll.
Das ist sicher unsere Stärke. Wir wissen, wie man Partner an Bord holt. Das wird auch bei der Hololens so sein. Wir werden gemeinsam mit unseren Partnern an Ideen arbeiten und die Möglichkeiten ausloten. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch damit beschäftigen, wie wir die neue Technologie einsetzen wollen, damit sie für uns Menschen Sinn ergibt. Es geht nicht darum, was die Technologie kann, sondern was sie für uns Menschen tun soll.

Ich kann mir schon jetzt allerhand Schabernack und Schlimmeres vorstellen. Aber eben, wie Sie sagen, es ist alles noch sehr, sehr früh.
Ja, aber es ist wichtig, dass wir uns mit diesen Fragen beschäftigen. Wir müssen jetzt gemeinsam diskutieren, was erlaubt ist und was nicht. Wir brauchen jetzt entsprechende Rahmenbedingungen. Wenn man digitale Objekte mit der realen Welt verbindet, werden konkrete Regeln für die Entwicklung und Anwendung sehr wichtig. Unser Ziel ist es hier, sehr vorsichtig und verantwortungsvoll zu sein.

Was wollen Sie denn verbieten?
Neben den grundlegenden Fragen, wie wir diese Technologie weiterentwickeln und anwenden, sind es auch ganz praktische Fragen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein externer Techniker kommt in Ihre Firma. Darf er Ihre Hologramme sehen? Wenn ja, welche? Solche Fragen werden immer wichtiger, je grösser die Verbreitung der Hololens-Brille sein wird.

Das ist ja mit der aktuellen Diskussion um den Einsatz der Hololens beim US-Militär nicht anders. Nur haben hier sogar ein paar Microsoft-Mitarbeiter dagegen protestiert.
Von den internen Protesten weiss ich nichts. Unsere Technologie soll Menschen und Organisationen dazu befähigen, mehr zu erreichen. Dazu gehört auch die Hololens. Wo der Einsatz erlaubt ist und wie sie angewendet werden darf, ist Teil der bereits erwähnten Diskussion, die wir gemeinsam führen müssen.

Microsoft ist da ja auch nicht alleine. Bei Google gibt es ähnliche Diskussionen über das Auswerten von Drohnenvideos.
Dazu will ich mich nicht äussern. Es ist mir aber sehr wichtig, zu betonen, dass wir, gerade was den Umgang mit künstlicher Intelligenz angeht, bereits heute schon sehr strikten und öffentlich zugänglichen Regeln folgen.

Kommen wir zum Schluss noch auf Sie und Ihr Team hier in Zürich zu sprechen. Wie kamen sie als ETH-Professor zu Microsoft?
Es ergab sich die Möglichkeit, bei Microsoft ein grosses Forschungsteam in meinem Spezialgebiet Computer Vision zu leiten. Ich habe in diesem Bereich bereits damals an der ETH Forschung mit Brillen, Autos, Drohnen und Robotern betrieben. All diese Geräte sind darauf angewiesen, ihre Umgebung zu sehen und zu verstehen.

Und so kam Microsoft auf Sie? Schliesslich sind Sie an dem Thema ja schon länger dran.
Sie hatten mich sehr rasch als möglicher Leiter des Teams auf dem Radar. Es hat dann aber sicher noch ein Jahr gedauert, bis sie mich überzeugt hatten, mit der Familie von Zürich nach Seattle zu ziehen. Eigentlich wollten wir lieber hierbleiben. Aber Seattle hat uns dann aber doch auch sehr gefallen.

Ja, es ist viel schöner, als man als verwöhnter Schweizer denkt. Aber was hat den Ausschlag für den Wechsel gegeben?
Ursprünglich wollte ich nur eine Auszeit von der ETH nehmen. Doch dann hat mich Satya Nadella, der CEO von Microsoft, persönlich angerufen ...

Und wenn Nadella anruft, kann man ja nicht mehr Nein sagen.
Es war ein sehr interessantes Gespräch. Satya Nadella hatte eine klare Vorstellung, wohin die Reise gehen sollte. Das machte das Angebot auch so reizvoll. Nach dem Gespräch war mir klar, dass die Entwicklung von Technologien im Bereich Mixed Reality von ganz oben unterstützt wird.

Darin ist Nadella dem Vernehmen nach auch sehr gut. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Chef war es, ein Surface Mini in letzter Minute zu verhindern und stattdessen auf das grössere und für produktives Arbeiten viel bessere Surface Pro 3 zu setzen. Erst so wurde das Surface zum Erfolg, der es heute ist. Und nach der Zusage ging es nach Seattle?
Ja. Ich habe eine zweijährige Auszeit von der ETH genommen und wurde zum Vollzeit-Microsoft-Mitarbeiter. Ich blieb mit meinem Labor in ständigem Kontakt und hatte vollstes Vertrauen in meine Stellvertretung und mein Team. Aber es war von Anfang an klar: Ich komme nur zwei Jahre und dann gehts zurück nach Zürich.

Und zurück sind Sie jetzt seit ...?
Seit dem Sommer. Ich blieb also genau zwei Jahre. Glücklicherweise hat es sich jetzt so ergeben, dass ich meine Arbeit bei Microsoft nicht ganz aufgeben musste. Ich arbeite zur Hälfte in einem 50-Prozent-Pensum als Professor für Computer Vision an der ETH und zur anderen bei Microsoft. Gerade die Arbeit an den räumlichen Ankern war so spannend, dass ich die nicht aufgeben wollte.

Und die Kombination aus Universität und Grosskonzern klingt ja auch sehr spannend. Im Idealfall hat man Theorie und Praxis in einem.
Genau. Das ist das Schöne an dieser Partnerschaft: An der ETH forschen wir, und bei Microsoft entwickeln wir Produkte. Microsoft profitiert davon, dass meine Studentinnen und Studenten das aktuelles Expertenwissen und neue Ideen einbringen. Und die Studierenden profitieren davon, dass sie einen Blick in die Wirtschaftswelt bekommen. Ich nenne das eine Win-win-win-Situation. Aber es ist natürlich auch eine ganze Menge Arbeit.

Den Verdacht hatte ich auch, als ich von Ihrer Doppelfunktion erfahren habe.
Aber es zeigt auch die Offenheit von Microsoft und der ETH, eine solche Partnerschaft einzugehen.

Andere Firmen hätten sich damit deutlich schwerer getan.
Ich bin überzeugt, dass es in Zukunft viel mehr solche Partnerschaften zwischen Bildung und Forschung und Wirtschaft geben wird. Mein Team und ich arbeiten an der Zukunft. An der ETH betreiben wir Grundlagenforschung und lösen Probleme, die uns den Fortschritt in der Praxis überhaupt ermöglichen.

Wir haben noch gar nicht über die ETH und Zürich gesprochen. Alle Grosskonzerne haben inzwischen Computer-Vision-Abteilungen oder Subunternehmen in Zürich: Google, Apple, Facebook, Microsoft usw. Von den vielen Start-ups in dem Bereich ganz zu schweigen. Was macht Zürich so einzigartig?
In meinem Fall sind es sicher die Labors an der ETH, die sich mit Computer Vision beschäftigen. Sie gehören alle zu den weltbesten. An den grossen Konferenzen und bei den wissenschaftlichen Publikationen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, spielt die ETH eine Vorreiterrolle. Dann gibts aber auch sehr viele Start-ups. Es kommt immer wieder vor, dass Start-ups von grossen Unternehmen gekauft werden, oder dass ein ganzes Team zu einem grossen Unternehmen wechselt.

Aber es ist doch erstaunlich, dass die alle in Zürich bleiben oder bleiben dürfen. Computer Vision ist ein derart zentrales Element zukünftiger Produkte, wie Sie ja eben auch ausgeführt haben, dass die Versuchung gerade bei den Techkonzernen doch gross sein muss, diese Abteilung so nah wie möglich ans Machtzentrum zu holen. Aber selbst das notorisch zentralistische und geheimniskrämerische Apple lässt diese Leute weiter in Zürich arbeiten. Wie kann man sich das erklären?
Nun, ich denke, den Leuten gefällt es hier. Und dann hat sich hier über die Jahre ein ganzes Ökosystem rund um das Thema Computer Vision gebildet. Wenn es hier nur ein einziges kleines Team gäbe, das sich mit diesem Thema befasst, wäre das für neue Mitarbeiter ein Risiko, herzukommen, da die Karrierechancen klein sind. Und wenn man Pech hat, landet das eigene Projekt in einer Sackgasse, oder die Firma geht sogar pleite. Mit einem grossen Ökosystem wie in Zürich ist das anders: Je mehr Firmen und Start-ups da sind, desto mehr Möglichkeiten bieten sich. Wenn ich bei einer Firma nicht weiterkomme oder mein Projekt aufs Abstellgleis kommt, kann ich leicht wechseln. Oder wenn ich ein tolles neues Projekt habe und talentierte Leute brauche, dann finde ich die leicht. Das funktioniert in Zürich genauso wie im Silicon Valley oder in Seattle.

Für mich als Aussenstehender ist das schon faszinierend mit anzusehen, wie immer mehr grosse Namen hier auftauchen. Aber für Sie und Ihre Pläne klingt das ja noch viel besser.
Für mich und mein Team ist es hier in Zürich fantastisch. Die ETH, das wachsende Ökosystem im Bereich Computer Vision sowie die hohe Lebensqualität von Zürich haben sicher dazu beigetragen, dass Microsoft in den Standort Schweiz investiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2019, 13:39 Uhr

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