Täglich 88-mal aufs Smartphone gucken

Wir sind im digitalen Dauerstress. Das ginge aber auch ohne.

Immer online: Junge Menschen beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Foto: Keystone

Immer online: Junge Menschen beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Foto: Keystone

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Ein Abend mit Freunden. Dass die Diskussion mitten im Satz abbricht, weil jemand gerade ein echt witziges Foto geschickt bekommen hat, sind alle längst gewohnt. Doch diesmal ist auch Siri dabei. «Wo bin ich und wie komme ich am schnellsten nach Hause», fragt eine Freundin. «Ich habe dich nicht verstanden», sagt die Stimme des iPhones. «Siri, wie wird das Wetter», fragt die Freundin. Wir reden über einen möglichen Ausflug am nächsten Tag. Diesmal antwortet Siri sofort: «Karla, morgen scheint die Sonne.» Das Wetter sage ihr das Smartphone jeden Morgen als Erstes an, erzählt sie.

Das Smartphone muss nicht gleich zum neuen Partner werden. Es reicht schon, dass wir damit Uhr, Kalender, Bücher ersetzt haben und dabei süchtig geworden sind. Ständig schauen wir auf den Bildschirm, obwohl wir gerade nichts brauchen. Aus Gewohnheit. Aus Langweile. Um uns noch einmal zu versichern, wie viele Bekannte wir haben. Und oft ist nicht der Partner, sondern das kalte Display das Erste und das Letzte, was wir jeden Tag berühren. Längst sind wir nicht mehr auf reale Konkurrenten eifersüchtig, sondern auf die Zeit, die unser Partner mit seinem Handy verbringt.

Alle 18 Minuten

Wir leben im digitalen Dauerstress. Und je mehr Aufgaben das Smartphone für uns übernimmt, desto unersetzlicher wird es. Auch unsere Verabredungskultur hat das Smartphone verändert. Einmal ausgemachte Dates sind lange nicht mehr so verbindlich wie früher. Kurz vorher checkt jeder noch mal, ob sich nicht doch vielleicht Zeit und Ort geändert haben. Es ist kaum noch vorstellbar, dass Verabredungen mal halbwegs pünktlich am verabredeten Ort stattfanden. Dass man Artikel zu Ende gelesen hat und nicht nach drei Absätzen zum nächsten wischt. Oder dass man nicht minutenlang überlegt hat, welches Selfie oder Kinderfoto die meisten Likes bei Facebook bringt.

Forscher des deutschen «Menthal Balance»-Projekts, die über eine App das Verhalten von 60'000 Smartphone-Nutzern beobachten, haben herausgefunden, dass jeder Nutzer 88 Mal das Smartphone einschaltet, pro Tag. 35 Mal, um die Uhrzeit zu checken oder nachzuschauen, ob man eine neue Nachricht bekommen hat. 53 Mal zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Vielleicht reicht es, beim Treffen mit Freunden einfach mal das Smartphone in der Tasche zu lassen.

Was also tun? Manche schaffen ihr Smartphone ab und kaufen sich wieder ein normales Handy, mit dem man telefonieren und höchstens noch SMS verschicken kann. «Entschleunigt», fühle er sich, erzählt einer, der diesen Schritt gewagt hat. Sein Alltag sei nicht mehr so zerstückelt, er könne sich wieder konzentrieren. Ab und zu verpasse er eine Einladung, weil er nicht mehr Mitglied in der entsprechenden Gruppe sei.

Dafür spreche er wieder mehr mit seinen realen Bekannten, erzählt er. Zumindest, wenn die zuhören. Denn oft sitzt er jetzt in der Kneipe vor seinem Bier und wundert sich, wie vertieft seine Freunde in ihr Smartphone sind. Manchmal sei minutenlang keiner ansprechbar. Ein Trend ist die radikale Abkehr vom Smartphone wohl noch nicht, aber auch Menschen mit Handy wünschen sich inzwischen wieder mehr Aufmerksamkeit. Einer Befragung zufolge fühlt sich jeder Zweite gestört, weil sein Gegenüber ständig auf sein Telefon starrt. 45 Prozent haben den Eindruck, ihre Unterhaltungen würden darunter leiden.

Ähnliches berichtet eine Mutter, die ihrem Sohn eine Smartphone-Pause verordnete, weil die Noten immer schlechter wurden. Das Verrückte daran: Nicht nur sie war glücklich, dass die gemeinsamen Gespräche beim Essen nun wieder länger dauerten. Auch der Sohn war zufriedener. Schon am dritten Tag bedankte er sich für das Verbot. Er hatte festgestellt, wie viel mehr Zeit er ohne Smartphone hat.

Halten wir es mit uns selbst so wenig aus?

Experten bestätigen diesen Eindruck: Sarah Diefenbach, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der LMU München, verfasste mit einem Kollegen ein Buch über die «Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern». Soziale Medien und Kommunikationswerkzeuge verhelfen keineswegs immer zu Glück und sozialer Nähe, heisst es dort.

Diefenbach sieht die Dinge anders als beispielsweise der Psychiater und Autor Manfred Spitzer, der sich sicher ist, dass Internet und Smartphones Teufelszeug sind, die wahlweise dick, dumm oder doof machen. Vielmehr sagt sie: «Auch Digital Natives, die diesen Weg von klein auf gegangen sind, haben Schwierigkeiten bei der Bewältigung der ständigen Verbundenheit.» Jeder Einzelne sei gefordert, gesunde Nutzungspraktiken zu entwickeln. Bei der steigenden Zahl von neuen Diensten und Technologien könne das aber schnell zu einer lebensfüllenden Aufgabe werden, warnt Diefenbach.

Ständig schauen wir auf den Bildschirm. Das Smartphone muss aber nicht gleich zum neuen Partner werden.

Warum greifen wir sofort zum Handy, wenn wir gerade nichts zu tun haben? Halten wir es mit uns selbst so wenig aus? Brauchen wir noch mehr Technik, um die Technik zu kontrollieren? Studenten aus Singapur haben die App «Apple-Tree» entwickelt, die – wenn sie auf einen anderen Apple-Tree trifft – die Telefone blockiert. Die Nutzer werden dafür belohnt: Je länger das Handy unberührt bleibt, desto grösser wächst der Baum auf dem Bildschirm.

Vielleicht ist die Lösung aber auch simpler. Vielleicht reicht es, beim Treffen mit Freunden einfach mal das Smartphone in der Tasche zu lassen. Oder es beim Essen mit der Familie aus der Küche zu verbannen. Und wieso nicht wieder einen Wecker benutzen? Oder eine Armbanduhr? Oder einen Notizblock? Das spart einige der 88 Blicke aufs Smartphone. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 16.01.2017, 08:47 Uhr

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