Vielleicht will Apple den Verkehr revolutionieren

Schon lange wird über die Pläne von Apple im Automarkt spekuliert. Nun gibt der Konzern erstmals Hinweise.

Mit Carplay hat es Apple immerhin schon einmal ins Autoradio geschafft.

Mit Carplay hat es Apple immerhin schon einmal ins Autoradio geschafft. Bild: Robert Galbraith

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Wird Apple zum Autohersteller? Offiziell nicht – zumindest gibt es keine Ankündigung, keine Produktstrategie und keinen Hochglanzkatalog mit Vorbestellmöglichkeit. Anzeichen für das «Projekt Titan» waren bisher Personalrekrutierungen vor allem bei Tesla- und Apple-Mitarbeitern, die auf einem Testgelände für selbstlenkende Fahrzeuge gesichtet wurden. Und es gab im September 2016 einen Bericht der «New York Times» über Entlassungen, der darauf hindeutete, dass Apple mit seinen Autoplänen in eine Sackgasse gefahren war.

Doch nun hat Apple sich zum ersten Mal aus der Deckung gewagt. In einem Schreiben an die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) fordert Apple eine faire Chance für Neueinsteiger: Die US-Behörde soll Unternehmen, die neu in diesen Markt einsteigen, nicht zu sehr zurückbinden und ihnen Fahrtests erlauben. Das «Projekt Titan» scheint nicht tot, denn Apple hat in Kanada mindestens zwei Dutzend Mitarbeiter eingestellt, die zuvor für Blackberrys Tochterunternehmen QNX gearbeitet hatten. Es entwickelt ein Echtzeitbetriebssystem, das sich für Fahrzeuge eignet, die mit dem Internet vernetzt sind.

Connected Cars ist das Stichwort dazu. Das sind Automobile, die vielerlei smarte Funktionen zur Verfügung stellen. Sprachsteuerung, Head-up-Displays bzw. Informationseinblendungen auf der Windschutzscheibe, Kommunikationsmöglichkeiten mit Fahrzeugen in der Nähe – Kollisionswarnung, Spurwechsel, Hinweise auf Bauarbeiten und vieles mehr. Vernetzte Autos wären auch in der Lage, Strassen effizienter zu nutzen, indem sie dichter auffahren.

Apple sieht das Auto der Zukunft als neues Standbein und als Möglichkeit für weiteres Wachstum – nachdem absehbar ist, dass bei iPhone, iPad und Mac ein Plafond erreicht ist. Doch ob es den iCar jemals geben wird, ist weiterhin offen. Folgende Szenarien sind denkbar:

Szenario 1: Apple als Hersteller des Auto-Betriebssystems

Apple sieht sich als Softwarelieferant und stellt das Betriebssystem des Autos der Zukunft her. Da Apple sich bei NHTSA für Fahrtests ins Zeug legt, ist anzunehmen, dass ein solches Betriebssystem auch eine Fahrsteuerung beinhalten soll – ob als Lenkassistent oder Autopilot, bleibt abzuwarten. Gegen diese Theorie spricht, dass Apple sich in der Rolle des Softwarelieferanten nicht gefällt. Wir erinnern uns an Steve Jobs: Als er 1997 zu Apple zurückkehrte, war eine seiner ersten Handlungen, die Vergabe des Betriebssystems an die Hersteller von Macintosh-Klonen zu stoppen.

Andererseits entwickelt Apple schon heute Car OS. Dieses System ermöglicht es, ein iPhone über das Autoradio beziehungsweise via Armaturenbrett zu steuern. Carplay stellt die Verbindung zu Siri, Apple Maps, iMessage und anderen Apps her und wird in diversen Autos verbaut, unter anderen Citroën, Audi, Ford, Nissan, Mercedes-Benz und VW. Und: 2005, also zwei Jahre vor dem ersten iPhone, hat Apple Motorola geholfen, ein Mobiltelefon mit Multimedia-Fähigkeiten auszustatten. Das ROKR E1 verwendete den iTunes-Musikplayer.

Szenario 2: Apple übernimmt einen Autohersteller

Apple übernimmt einen Automobilhersteller. Letztes Jahr gab es Gespräche zwischen Apple und dem Sportwagenhersteller McLaren, wie der Chef Mike Flewitt damals gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte. Ein Gebot hat Apple damals aber nicht abgegeben. Auch bei BMW ist Apple schon vorstellig geworden.

Bei den Übernahmekandidaten denken viele noch mehr als an McLaren an den «grössten Visionär unserer Zeit» («Die Welt»), der mit seinem kalifornischen Start-up die Elektromobilität fast im Alleingang zu einer echten Alternative gemacht hat. Allerdings wäre auch genau dies das Problem: Die Verbindung mit Tesla wäre nach Expertenmeinung «hochkreativ, aber auch hochexplosiv» – Apple-Chef Tim Cook würde sich auch von einem Wunderkind wie Elon Musk die Entwicklung eines gemeinsamen Modells nicht diktieren lassen, und eine Komplettübernahme wäre selbst für Apple sehr teuer. Im Vergleich dazu wäre es billiger für Apple, ein Auto von Grund auf neu zu entwickeln. Doch genau diese Option scheint Apple im September vom Tisch genommen zu haben.

Szenario 3: Apple denkt grösser

«Business Insider» brachte im Sommer eine weitere Option ins Spiel: Apple soll doch Uber kaufen. Der Fahrdienstvermittler zeigt auf, dass es in Zukunft bei der individuellen Mobilität nicht mehr um den Besitz eines Autos geht. Wenn Apple das Verkehrswesen revolutionieren will, dann womöglich nicht auf der Ebene des Einzelfahrzeugs, sondern eine Stufe höher: Bei der Art und Weise, wie sich die Verkehrsströme organisieren. Das einzelne Fahrzeug wäre ein nachrangiges Element in diesem globalen Verkehrsnetzwerk – dessen Organisator Apple womöglich werden möchte. Die grosse Nutzerbasis wäre da auf alle Fälle hilfreich, ebenso die Versuche von Uber mit selbstlenkenden Fahrzeugen, die Uber inzwischen durchführt.

Und wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? Nicht total unwahrscheinlich, zumal Apple im Mai eine Milliarde in den chinesischen Uber-Konkurrenten Didi-Chuxing investiert hat.

Erstellt: 05.12.2016, 16:00 Uhr

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