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Warum Googles Handy-Jacke der falsche Ansatz ist

Der Techkonzern und Levi’s lancieren eine Jeansjacke mit Touchbedienung und Handyverbindung. Doch die Sache hat gleich mehrere Haken.

Eine ganz normale Jeansjacke? Nicht ganz. Schauen Sie genauer hin...
Eine ganz normale Jeansjacke? Nicht ganz. Schauen Sie genauer hin...
Levis's/Google
... die Fäden am Ärmel sind nicht etwa eine spezielle Dekoration. Sie sind berührungsempfindlich und machen...
... die Fäden am Ärmel sind nicht etwa eine spezielle Dekoration. Sie sind berührungsempfindlich und machen...
Levis's/Google
... das Techmagazin The Verge, das die Jacke bereits ausprobieren konnte, zeigt den Bluetooth-Stick der mit dem Knopf verbunden wird und dann die Befehle ans verbundene Smartphone übermittelt. Die Jacke funktioniert mit neueren iPhones und Android-Handys. Der Akku soll bis zu zwei Wochen halten. Um die Jacke zu Waschen, muss man den Stick entfernen. Die smarten Fäden überstehen aber nur zehn Waschgänge.
... das Techmagazin The Verge, das die Jacke bereits ausprobieren konnte, zeigt den Bluetooth-Stick der mit dem Knopf verbunden wird und dann die Befehle ans verbundene Smartphone übermittelt. Die Jacke funktioniert mit neueren iPhones und Android-Handys. Der Akku soll bis zu zwei Wochen halten. Um die Jacke zu Waschen, muss man den Stick entfernen. Die smarten Fäden überstehen aber nur zehn Waschgänge.
The Verge
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Nomen est omen. Hinter dem Namen «Levi’s® Commuter Trucker Jacket with Jacquard™ by Google» steckt mehr als eine Jeansjacke. Das Kleidungsstück ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit des Techkonzerns mit dem Jeansspezialisten. 2015 wurde das Projekt an Googles Entwicklerkonferenz vorgestellt und seither von der Atap-Abteilung (Advanced Technology and Projects) weiterentwickelt.

Zur Erinnerung: Dieses Labor ist ein Überbleibsel der kurzlebigen Motorola-Übernahme. Sie entwickelte schon das gescheiterte modulare Ara-Handy. Auch Googles Tango-Sensoren, die Handys beim Erfassen des Raums helfen, oder Radarchips, die Finger in der Luft verfolgen können, kommen aus diesem Labor. Alles experimentell und nicht massentauglich.

Wie ein Touchscreen

Die Jacke kommt nun Anfang Oktober in den USA für umgerechnet 340 Franken in den Handel. Sie richtet sich vor allem an Leute, die mit dem Velo zur Arbeit fahren. Der Clou: Berührungsempfindliche Fäden machen die Jacke zu einer Art Touchscreen ohne Bildschirm. Wenn man den Ärmel berührt, kann man bestimmte Funktionen auf dem per Bluetooth verbundenen Smartphone fernsteuern.

Das Werbevideo zeigt, wie man Songs pausiert, sich SMS vorlesen lässt oder den Weg erklärt bekommt. Was die Werbefotos und -videos nur am Rande zeigen: Damit das alles klappt, muss man eine Art Bluetooth-Stick mit dem Jackenknopf verbinden. Der übermittelt dann die Befehle ans Handy.

Im Hier und Jetzt

Google und Levi’s bewerben die Jacke als neue Möglichkeit, der ständigen Bildschirm-Glotzerei ein Ende zu setzen. Mit der Jacke sei man stets im Hier und Jetzt und nicht abgelenkt.

Das ist ein löblicher Gedanke. Tatsächlich ist es höchste Zeit, dass die Technologie eine diskretere und elegantere Rolle in unserem Alltag übernimmt. So wie wir heute über die mühsamen und hässlichen PCs der 90er-Jahre lachen, werden wir schon in ein paar Jahren über die ersten Smartphones lachen und uns wundern, wie aufwendig und kompliziert das damals noch war.

Doch ist die Google-Jacke ein Schritt in diese Zukunft? Wenn, dann nur ein winziger. So elegant die Bedienung im Video auch aussieht, wird vorausgesetzt, dass man a) ein Smartphone dabeihat und b) einen Kopfhörer im Ohr. Doch Kopfhörer mit eingebauter Fernbedienung – ja sogar solche ohne Kabel und dafür mit Touchbedienung und Fitnesssensoren – gibt es bereits reichlich von mehreren Herstellern. Wer braucht da noch die Jacke, wenn man sich auch einfach schnell ans Ohr fassen kann?

Ideales Handgelenk

Dass Google und Levi’s die smarten Fäden ausgerechnet zuvorderst am Ärmel über dem Handgelenk verweben, kommt nicht von ungefähr. Dort kann man mit der anderen Hand leicht und diskret hinfassen, um Touch-Befehle auszuführen.

Doch wofür eignet sich das Handgelenk ebenfalls? Uhren. Schon heute können Smartwatches fast unendlich viel mehr als die Google-Jacke und kommen sogar teilweise ohne Smartphone aus. Kommt dazu, dass man eine Uhr auch in der Badi, zum Vorstellungsgespräch an einem Festessen oder mit kurzen Ärmeln tragen kann.

Dereinst dürfte es sogar möglich werden, dass man Smartwatches ähnlich wie die Jacke blind bedienen kann. Möglich machen könnte das ausgerechnet Googles Atap-Labor mit dem eingangs erwähnten Radarchip (Googles Uhren-Chef im Interview).

Ein bisschen geht das sogar schon heute. Mit der Apple Watch kann ich blind die Lautstärke meiner Kopfhörer verändern. Dazu muss ich nur an der Krone drehen, ohne die Uhr eines Blicks zu würdigen. Schon wird die Musik lauter oder leiser.

Fäden sparen

Wenn Smartwatches in dem Bereich noch weiter zulegen, können sich Kleiderfirmen die smarten Fäden und Jacken komplett sparen. In einer Uhr macht solche Technologie deutlich mehr Sinn. Darum wirkt Googles Idee mit der Touch-Jacke schon heute nicht ganz zu Ende gedacht.

Oh, und habe ich schon erwähnt? Die Google-Jacke darf man nur zehnmal waschen. Danach verlieren die smarten Fäden ihren Zauber.

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