Wenn einem der Firmenchef das geheime Falthandy zeigt

Eigentlich darf man das Mate X nicht anfassen und schon gar nicht selber ausprobieren. Doch dann trafen wir zufällig den CEO.

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Im Krieg und in der Liebe ist bekanntlich alles erlaubt. Aber auch im Kampf um Marktanteile im Smartphone-Geschäft. Da kommt es schon mal vor, dass ein aufstrebender Konzern einen faszinierenden Prototyp präsentiert, nur um den etwas langsam gewordenen Weltmarktführer alt aussehen zu lassen. Dass das Gerät dann nur toll aussieht, aber nicht wirklich funktioniert und nur hinter Glas bestaunt werden darf, gehört dazu.

Als Huawei an der weltgrössten Handymesse in Barcelona, die diese Zeitung auf Einladung besuchte, das faltbare Mate X vorstellte, sah es ganz nach diesem bewährten Muster aus.

Nur 8 Stück

Dem Vernehmen nach soll es weltweit nur 8 Geräte geben, das Verkaufsdatum wird wolkig mit «ab Sommer» angegeben, und der Preis ist mit 2500 Franken so hoch angesetzt, dass es sich wohl kaum jemand ernsthaft auf die Wunschliste setzen wird. Aber der endgültige Beweis, dass das Gerät mehr Show als Realität ist, lieferte Huawei gleich selbst. Niemand durfte es anfassen, und man durfte, wenn man Glück hatte, nur zuschauen, wie es jemand auf- und zufaltet. Ein klarer Indikator, dass es gerade bei der Software noch viel zu tun gibt.

Und dann trifft man an einer unspektakulären Präsentation zu künstlicher Intelligenz, für die man sich aus Versehen angemeldet hat, völlig unerwartet und ganz ohne Bodyguards und PR-Profis den Handy-Chef von Huawei, Richard Yu. Er posiert für Selfies mit Mitarbeitern, und dann zückt er sein Mate X. Voller Begeisterung schwärmt er von seinem Gerät, und ja, klar dürfe man es selber mal ausprobieren.

Zu meinem Erstaunen fühlt sich das Gerät überhaupt nicht wie ein wackliger Prototyp an, der nur von weitem gut aussehen muss. Der Faltmechanismus wirkt vertrauenserweckend, und es braucht weder zu viel noch zu wenig Kraft, um den Bildschirm zu biegen. Klar, das Falthandy ist etwas schwerer als ein normales Handy, aber es lässt sich immer noch problemlos in der Hosentasche mit sich herumtragen.

Das Erstaunlichste ist aber die Software (für gewöhnlich der Bereich, wo Bluffer-Prototypen auffliegen). Sie funktioniert bereits sehr flüssig. Egal, wie man das Handy hält und faltet, der Bildschirm passt sich rasend schnell an, und Inhalte sieht man immer nur dort, wo es auch Sinn macht. Schaut man sich zum Beispiel eine Website im Tablet-Modus an, sieht man sie bildschirmfüllend, faltet man das Handy zu, sieht man die kleinere Variante der Website, und dreht man das Handy um (schliesslich hat es zusammenfaltet auch hinten einen Bildschirm), geht das Display auf der Rückseite an und die Website ist schon dort.

Offene Fragen

Nach dieser kurzen Demonstration ist klar: Huawei ist schon viel weiter, als es die offizielle Präsentation vermuten lässt. Trotzdem bleiben noch viele Fragen offen. Etwa wie kratzresistent ein Gerät ist, das fast nur aus Bildschirm besteht und wegen der Biegbarkeit auf Plastik statt Glas setzen muss. Samsung hat bei seinem Falthandy nicht zuletzt deshalb ein anderes Design gewählt, bei dem der grosse Bildschirm nicht nach aussen, sondern nach innen geklappt wird und so wie bei einem Laptop geschützt wird.

Nebst Huawei und Samsung waren an der Messe auch bei verschiedenen anderen Herstellern faltbare Bildschirme zu sehen. Dennoch wird es noch ein paar Jahre dauern, bis die Technologie massentauglich wird. Jetzt wird erst einmal munter experimentiert, und wer als Konsument das nötige Kleingeld hat, darf in den nächsten Monaten ein bisschen dabei sein.

Wenig lukrativ – fürs Erste

Apropos Geld: Weder Huawei noch Samsung dürften mit diesen Geräten Geld verdienen. Einerseits werden sich zu dem Preis nur wenige verkaufen, und andererseits dürften die tatsächlichen Kosten – mindestens in dieser frühen Phase der Produktion mit hohen Ausschussquoten – sogar höher liegen.

Auch das werden die Konzerne in den nächsten Jahren in den Griff kriegen. Da besteht einzig die Gefahr, dass bis dann die smarten Brillen den Faltbildschirmen schon wieder die Show stehlen. Nur ein paar Messestände von Huawei und Samsung entfernt zeigt Microsoft die neuste Hololens-Brille.

Mit der werden alle möglichen Informationen und Anzeigen direkt ins Auge projiziert. Damit kann man sich Bildschirme in allen Grössen und Formen anzeigen lassen. Wer braucht dann dereinst noch einen Faltbildschirm, wenn einem die Brille jeden erdenklichen Bildschirm einfach simulieren kann? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2019, 16:38 Uhr

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