Die Apple Watch ohne iPhone im Test

Jetzt kann die Smartwatch selbstständig ins Handynetz. Hält der Akku, und wie verändert das Gewohnheiten? Unser Autor hat es auf einem Winterspaziergang ausprobiert.

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Hin und wieder beneide ich die Kollegen, die über Reisen, Kulinarik oder Luxusuhren schreiben. Nicht heute Nachmittag.

Heute Nachmittag erfülle ich mir einen lang gehegten Wunsch. Endlich ohne Handy und all die damit einhergehenden Ablenkungen auf einen Fotospaziergang zu gehen – und doch nicht ganz offline zu sein. Seit Apple im September angekündigt hat, dass die Apple Watch demnächst selbstständig ins Handynetz kann, freue ich mich auf diesen Test.

Für Notfälle habe ich die Uhr dabei und sonst kann ich mich voll und ganz auf die Kamera und die Umgebung konzentrieren. So meine Vorstellung.

Ein Glücklicher Zufall

Nicht vorstellen konnte ich mir im September, dass Apple, Swisscom und Sunrise die neue Funktion erst im Dezember aktivieren würden. Doch das Timing wurde zum Glücksfall: Ich habe den idealen Begleiter für einen Fotospaziergang mit der Apple Watch gefunden.

Der Zufall will es, dass ich just diese Woche eine Leica CL zum Ausprobieren bekommen habe (Ein ausführlicher Test der Fotokamera folgt später).

Von analog zu digital

Tatsächlich haben die Armbanduhr wie die Fotokamera eine interessante Gemeinsamkeit. Beide können auf eine bewegte Geschichte und viel Tradition zurückblicken. Ihre historischen Wurzeln reichen in die Zeit um den Ersten Weltkrieg.

Damals entwickelte Leica den Vorläufer aller heutigen Fotokameras, und die Armbanduhr löste die Taschenuhr ab, obwohl mancher Kritiker das für eine Unsitte hielt.

Nun 100 Jahre später mache ich mich mit den digitalen Erben dieser Pioniere auf den Weg in den verschneiten Wald.

Die Uhr hervorkramen

Kaum aus dem Haus, das erste Problem. Die Uhr steckt unter dem Ärmel meiner warmen Winterjacke, und ich komme nur mit Ach und Krach dran. Immerhin: Die LTE-Verbindung ist gut und der Akku vollgeladen.

Aber dass die Uhr unter der Jacke steckt, hat auch sein Gutes. So schau ich nicht ständig drauf und kann in Ruhe fotografieren. Wenn ich sie brauche, ist sie da, und wenn nicht, habe ich meine Ruhe.

Weg vom Handy

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so lang und weit von einem Mobiltelefon entfernt war. Ich habe es über Mittag oder während einer Sitzung vielleicht mal im Büro gelassen, aber sonst war es in den letzten zehn bis zwanzig Jahren eigentlich ständig dabei.

Auf dem ersten Teil des Spaziergangs vermisse ich das Handy kein bisschen. Dafür schiesse ich umso mehr Fotos und geniesse die Natur. Genau so habe ich mir das vorgestellt.

Jetzt wird getestet

Für den zweiten Teil des Spaziergangs ist Schluss mit Fotografiegenuss. Ich habe mir nämlich ein paar Testsituationen zurechtgelegt: Telefonieren, SMS schreiben und Musik hören. Alles Sachen, die ich sonst während eines Spaziergangs gerne mit dem Handy mache.

Für die Musik habe ich eine Geheimwaffe in der Hinterhand respektive in der Hosentasche: die Airpods. Apples drahtlose Kopfhörer sind der ideale Partner der neuen Apple Watch. Gerade wenn diese unter der Winterjacke versteckt ist. Viele Funktionen lassen sich nämlich per Siri direkt über die Kopfhörer steuern.

Telefonieren: Ein kurzes Testtelefonat klappt bestens, obwohl die Empfangsqualität im Wald nur mit zwei von vier Punkten ausgewiesen wird. Ich verstehe meine Frau klar und deutlich, und sie mich auch. Noch besser geht es mit den Airpods. Da könnte man glatt vergessen, dass das Telefonat über die Uhr und nicht das Handy läuft.

Musik: Die Apple Watch ist nicht nur ein iPhone-Ersatz, sondern auch ein iPod-Ersatz. Schon früher konnte man seine bei iTunes gekaufte Musik auch auf die Uhr übertragen. Neu kann man damit – ein Abo vorausgesetzt – auf das gesamte Sortiment von Apple Music zugreifen. Das klappt aber nicht wie bis anhin mit der entsprechenden Uhren-App. Stattdessen muss man sich die Musik per Siri wünschen. Das ist etwas unlogisch und vor allem Glücksache. Siri spielt mir das neue St.-Vincent-Album erst beim zweiten Versuch. Erst versucht sie es mit einem Technostück namens Saint Vincent. Hier stösst die Sprachsteuerung genauso an ihre Grenzen wie früher ein Radiomoderator beim Wunschkonzert oder ein CD-Händler. Schliesslich entscheide ich mich aber für eine schon auf der Uhr gespeicherte Playlist. Da ich da gerade mehr Lust drauf habe. Per Siri überhüpfe ich Songs und ändere die Lautstärke. Alles, ohne die Uhr je zu berühren.

SMS: Whatsapp und Hangouts, die Messenger meines Vertrauens und Umfelds, harmonieren leider nicht mit der Apple Watch. Aber für so Fälle gibt es das bewährte SMS. Per Diktat spreche ich den Text ein, und die Uhr transkribiert fehlerfrei. Senden drücken und weg damit. Tadellos. Freihändig gehts aber nicht. Die Uhr kann neue SMS nämlich nicht vorlesen. Stattdessen schlägt sie vor, mir das SMS auf dem iPhone vorzulesen, was ohne iPhone freilich wenig Sinn macht. Auch fehlt die Möglichkeit, ein SMS nur mit der Stimme zu verschicken. Nach dem Diktat fragt Siri, ob mit dem Text alles in Ordnung ist. Um das zu überprüfen, muss ich einen Blick auf die Uhr werfen. Da kann ich gleich auch noch auf Senden drücken.

Uhrzeit: Überraschend praktisch war die Möglichkeit, Siri per Airpods nach der Zeit zu fragen. So wusste ich während des ganzen Spaziergangs, wie ich in der Zeit liege, und musste die Uhr nicht jedes Mal unter der Jacke hervorkramen.

Apps: Ich nutze auf der Apple Watch nur wenig Apps, und wenn, dann kleine wie den Wecker, den Timer oder den Fitnesstracker. Viel häufiger nutze ich die Benachrichtigungen, die von den iPhone-Apps an die Uhr übermittelt werden. Die fehlen natürlich, wenn das iPhone nicht in der Nähe oder ausgeschaltet ist. Für mich als Twitter-Fan heisst das Sendepause. Es dürfte noch dauern und einiges an Überzeugungsarbeit von Apple brauchen, bis es mehr Uhren-Apps gibt und bis vor allem alle die bestehenden LTE unabhängig vom iPhone nutzen können. Aktuell merkt man nur per Trial-Error-Verfahren, wie unabhängig eine App ist. Ein Symbol, das einen warnt, dass die jeweilige App ohne iPhone nicht synchronisiert, wäre hilfreich. Ein lobenswertes Beispiel ist einmal mehr die Zürcher Einkaufslisten-App Bring, die wir in unserem Haushalt für alle Einkäufe nutzen. Die synchronisiert auch im Wald und fernab des iPhones problemlos. Einem Spontaneinkauf wäre nichts im Wege gestanden, zumal man mit der Uhr – die passende Kreditkarte vorausgesetzt – ja auch bezahlen kann.

Akku: Die Frage aller Fragen klärt sich erst zu Hause. Wie gut hat der Akku mitgehalten? Nach einer Stunde und 20 Minuten Hochbetrieb bei voller Bildschirmhelligkeit (um die Uhr besser fotografieren zu können) ist der Akku auf 49%. Das ist beachtlich, aber nicht sensationell. Zumal der Akku dann am frühen Abend komplett leer war. Wie sehr dieses Ergebnis den Tests und der Anfangseuphorie geschuldet sind, werden die nächsten Tage mit der Uhr zeigen.

Nachtrag: Am zweiten Tag (ohne spezielle Testerei) hält der Akku problemlos 24 Stunden durch. Obwohl die Uhr mehrfach ins LTE netzt musste, da das Handy nicht in Reichweite war, sind nach dem Aufstehen (Ich trage die Uhr wegen der Weckfunktion auch in der Nacht.) immer noch 22 % übrig. Während dem Duschen/Frühstück die Uhr schnell auf das Ladedock gelegt und der Akku sollte für Tag 3 reichen.

Erster Eindruck: Ist LTE für die Apple Watch Pflicht? Nein. Genauso wenig wie die Apple Watch ein Pflichtkauf ist. Ist LTE nice to have? Oh, ja! Genauso wie die Apple Watch selbst ist es praktisch, und ich möchte es nach nur einem Tag schon nicht mehr missen. Ob es den Aufpreis rechtfertigt, den Swisscom und Sunrise verlangen (siehe Box) ist freilich Ansichtssache. Etwas unwohl stimmt es aber schon, wenn einerseits immer mehr Geräte übers Handynetz direkt ins Internet können und andererseits jedes wieder extra kostet. Löblich ist dafür, dass man es bei beiden Anbietern ein halbes Jahr oder länger gratis ausprobieren kann. Ich bin gespannt, wie sich der Akku schlägt, wenn sich die Nutzung der Uhr im Alltag eingependelt hat, und was sich App-Entwickler einfallen lassen, nun da die Uhr fast komplett ohne Handy auskommt. Die nächsten 9 Gratis-Monate werden auf jeden Fall spannend und werden einiges an Klarheit bringen. Kommt dazu, bis mein Zusatzabo von Sunrise kostenpflichtig wird, gibt es vermutlich schon watchOS 5 und erste Anzeichen, was die nächste Apple Watch bringt.

Ausblick: Dass das Macbook immer noch keine LTE-Option hat und das iPhone X im Gegensatz zur Apple Watch für die Antennen Plastikstreifen im sonst eleganten Stahlrahmen braucht, zeigt den Stellenwert, den die Uhr im Konzern hat und auf den Apple für das nächste Jahrzehnt setzt. In der Uhr und den Kopfhörern sieht Apple nicht zu Unrecht grosses Potenzial für die Zukunft. Mein kleiner Spaziergang hat bereits ansatzweise gezeigt, wie der Personal Computer noch persönlicher werden kann. Aber bis eine Kombination von Minicomputern alltagstauglich wird und das heutige Smartphone ablöst, ist noch einiges an Zeit, Ideen und Arbeit gefragt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 17:55 Uhr

Die Leica CL und die Apple Watch. Ein ausführlicher Test der neuen Leica-Kamera folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Preise und Abos

Aktuell gibt es die LTE-Option nur bei Swisscom und Sunrise. Salt will nächstes Jahr nachziehen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt.

Bei der Swisscom kostet das Zusatzabo je nach Hauptabo zwischen 0 und 15 Franken im Monat. Die Gratis-Phase dauert 6 Monate. Die Multi-Device-Option könne nach der Aktivierung erstmalig auf Ende des nächsten Monats gekündigt werden, teilt eine Unternehmenssprecherin mit. „Danach kann sie jederzeit gekündigt werden, wobei die monatlichen Gebühren pro rata belastet werden. Geschieht dies innerhalb der 6-monatigen Promotionsdauer, entstehen kein Kosten.“ Nicht zu früh freuen sollten sich Geschäftskunden. Da ist das Angebot nicht für alle erhältlich: „Es geht mit einem gültigen inOne (XTRA, KMU) mobile (ohne light) oder NATEL go Abo. Mit CMN-Abos funktioniert es nicht.“

Bei Sunrise kostet das Abo 9 Franken im Monat und die Gratis-Testphase dauert 9 Monate. Anders als bei der Konkurrenz könne die Apple Watch auch mit allen aktuellen Preisplänen für Business-Kunden genutzt werden, teilt das Unternehmen mit. Auch die Kündigungsmodalitäten unterscheiden sich: „Die Option kann monatlich mit einer 60-tägigen Kündigungsfrist gekündigt werden.“

Auf Nachfrage ist bei Sunrise noch ein interessantes Detail zu erfahren: Wenn man das LTE-Abo von einer Apple Watch auf eine andere (etwa bei Verlust oder wenn man mehrere hat) übertragen möchte, „muss die Uhr dazu nur neu gekoppelt werden. Aus diesem Grund ist es auch möglich beim Verlust der Uhr die neu erstandene Apple Watch mit dem bestehenden Account zu aktivieren.“ (zei)

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