Wie man Googles Würgegriff entkommt

Ein simpler PC für unter hundert Franken eröffnet eine Unzahl an Möglichkeiten: Das kann der Raspberry Pi.

Dieser Winzling soll Google in die Knie zwingen.

Dieser Winzling soll Google in die Knie zwingen. Bild: Raspberry Pi Foundation

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Neulich hat mich Google ziemlich vor den Kopf gestossen – unabsichtlich und in aller Höflichkeit. Der Internetkonzern hatte mir ein nettes Mail geschrieben, in dem unter anderem stand, ich hätte im letzten Monat 28 Orte in drei Ländern besucht. Und 51 Stunden in einem Fahrzeug verbracht.

Diese Daten hatte Google aus meinem Standortverlauf. Dort werden die Aufenthaltsorte von uns Nutzern minutiös getrackt. Ich war der Meinung gewesen, diese Option abgeschaltet zu haben. Hatte ich mich getäuscht? Oder hatte Google die Option in Eigenregie wieder aktiviert? Als in dem Moment mein Blick auf meinen Schreibtisch fiel, reifte mein Entschluss: Ich will mehr Unabhängigkeit von diesen Internetunternehmen. Und wieder Herr meiner Daten sein.

Mini-PC mit Fangemeinde

Dort auf dem Schreibtisch lag eine Platine in Kreditkartengrösse mit einem Himbeer-Symbol: ein Raspberry Pi. Das ist ein Minicomputer, den es seit 2012 gibt. Er wurde mehr als 22 Millionen Mal verkauft und hat eine globale Fangemeinde. Er erinnert an die Heimcomputer der ersten Stunde wie den Apple I, der für günstiges Geld, aber ohne Gehäuse zu haben war.

Der Raspberry Pi 4 ist das neuste Modell dieses Minicomputers. Es gibt ihn für 60 Franken zu kaufen; und er ist wie der Apple I nackt und gehäuselos. Um ihn in Betrieb zu nehmen, benötigt man ein paar zusätzliche Dinge: eine Mikro-SD-Karte fürs Betriebssystem, einen Stromadapter mit USB-C-Anschluss sowie Tastatur und Maus.

Und wenn man nicht die Ambition hat, per 3-D-Drucker selbst ein Gehäuse zu fabrizieren, dann wird man auch so eines erwerben wollen. Das Starter-Kit mit allem, was man benötigt (ausser dem Bildschirm), ist für 130 Franken erhältlich. Im Moment gibt es auch immer wieder Aktionen, bei denen man es schon für 110 Franken bekommt.

Dieser Mini-PC hat vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Er ist günstig genug, um ihn als Spielzeug und zum Basteln zu verwenden. Mit den passenden Sensoren wird er zur Wetterstation. Er kann Roboter, das smarte Heim oder ein Gewächshaus steuern. Über die steuerbaren PINs lassen sich auch LED-Lämpchen und andere Elektronikbausteine ansprechen: Das eröffnet eine breite Palette an Experimentiermöglichkeiten.

Man kann den kleinen Rechner auch zum Internetradio ausbauen oder mit etwas Zusatzhardware sogar UKW-Piratensender aufrüsten. Sämtliche Anleitungen gibt es im Internet.

Wasserdichte Vogelkamera

Im passenden Gehäuse mit Display, Joystick und Knöpfen verwendet man ihn als Retro-Spielkonsole. Ein Arbeitskollege setzt ihn, wasserdicht verpackt und mit Solarenergie betrieben, in ein Vogelhäuschen. So beobachtet er die Vögel beim Brüten.

Weit verbreitet ist auch die Nutzung als Media-Center. Der Raspberry Pi gibt per HDMI Medieninhalte in 4K an einen Fernseher weiter. Mit einer Software wie Plex lässt er sich auch so ausbauen, dass die ganze Familie mit ihren Tablets und Smartphones die Fotos und Filme ansehen und über die WLAN-Lautsprecher die Musik hören kann.

Der Raspberry Pi dient auch als ganz normaler, günstiger Desktop-PC. Browser und Mailprogramm sind vorinstalliert, ebenso das Büropaket Libre Office. Es ist das Pendant von Microsoft Office aus der Welt der freien Software. Auf dem Raspberry Pi läuft normalerweise weder Windows noch Mac, sondern Raspbian. Das ist eine Variante des Open-Source-Betriebssystems Linux. Dieses kommt bei einem Grossteil aller Server im Netz zum Einsatz, und auch das Handy-Betriebssystem Android basiert auf Linux. Bei den Desktop-PCs ist es nicht weit verbreitet.

Trotzdem: Wer keine Berührungsängste hat, kann fast alles erledigen, was mit einem klassischen Betriebssystem möglich ist. Das Angebot an freier Software ist riesig. Lediglich kommerzielle Kauf- und Mietprogramme gibt es nicht.

Windows 10 in abgespeckter Form

Wer es abenteuerlich mag, bekommt sogar Windows 10 auf dem Raspi zum Laufen. Eine Installationsvariante basiert auf dem kostenlosen Windows 10 IoT Core, das gegenüber dem normalen Windows 10 aber diverse Einschränkungen hat.

Doch wie gesagt: Bei mir soll der Raspberry Pi Aufgaben übernehmen, die bislang Internetunternehmen wie Google, Microsoft oder Dropbox für mich erledigt haben. Der kleine Computer braucht so wenig Strom, dass es vertretbar ist, ihn im Dauerbetrieb zu nutzen (3,7 Watt im Leerlauf, 6,1 Watt unter Last laut Heise.de). Er kann darum auch als Speicher für Dateien, Kalender, Kontakte und Fotos herhalten, die via Internet konstant verfügbar sein sollen, egal ob am Handy, Tablet oder PC.

Für diesen Zweck habe ich Nextcloud auserkoren. Das ist eine vielseitige Software, mit der sich bei Bedarf sogar wie bei Google Docs Dokumente online bearbeiten lassen. Doch eben mit dem grossen Unterschied, dass die Daten nicht in einem fremden Rechenzentrum landen.

Die Installation der Nextcloud ist, trotz ihrer Komplexität, verblüffend einfach. Es braucht nur einen einzigen Befehl, um sämtliche Komponenten herunterzuladen und einzuspielen.

Doch natürlich ist die Sache damit nicht erledigt: Die private Cloud will auch konfiguriert und an die Bedürfnisse angepasst werden – und an der Stelle endet der Komfort. Denn an einem Server ist normalerweise kein Bildschirm angeschlossen, und auch mein Raspberry Pi soll den Dienst weggesperrt in einem Schrank verrichten.

Fluchen gehört dazu

Wenn der kleine Computer nicht direkt zugänglich ist, loggt man sich mit seinem Windows-PC oder Mac bei ihm ein und tippt seine Befehle in das Eingabefenster eines Terminals. Wer mit Maus und grafischer Benutzeroberfläche oder gar mit dem Touchscreen aufgewachsen ist, für den mutet das reichlich archaisch an. Anders all die Leute, die mit dem C64 aufgewachsen sind oder sich an die Zeiten von DOS zurückerinnern mögen. Ihnen ist diese Steuerung nicht fremd. Und sie wissen, dass man erstaunlich flott ans Ziel kommt – wenn man weiss, was man tut.

Bei mir ist das leider nicht der Fall. Meine Kenntnisse der Befehle für die Linux-Befehlszeile sind eingerostet. Darum kommt es, wie es kommen muss: Ich zerschiesse meine schöne Nextcloud-Installation und muss von vorn beginnen – und das gleich mehrfach. Ich hadere auch mit der Firewall und dem DynDNS. Und ich wünsche mir, fluchend, mehrfach die einfache, komfortable Google-Cloud zurück.

Aber das gehört dazu. Kein Unabhängigkeitskampf wurde mit hochgelegten Füssen gewonnen. Etwas Opferbereitschaft muss schon sein, wenn man sich aus Googles Umarmung lösen will.

Update
Die technischen Details zur Nextcloud beschreibe ich im Beitrag So fliegt die Himbeere!.

Erstellt: 28.08.2019, 17:06 Uhr

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