Wie schlägt sich das neue Surface gegen Apples iPad?

Microsofts neustes Tablet Surface Pro X soll es mit dem iPad Pro aufnehmen. Wir haben es getestet – und einige Vorzüge gefunden.

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Der Surface-Designer hat es im Interview selbst gesagt: «Das Pro 3 war der Wendepunkt.»

Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Ich fand die ersten Surface-Tablets faszinierend und nannte sie Computer einer Zukunft, die noch nicht da ist, oder den Computer, an dem ich am liebsten arbeiten würde, aber nicht kann.

Das ging nicht nur mir so. Die ersten zwei Generationen waren grandiose Flops. All das änderte sich mit dem Surface Pro 3. Es war ein mutiger Befreiungsschlag. Der Bildschirm wurde grösser und weniger lang gezogen, die Tastatur bequemer, und auch sonst wurde das Gerät in allen Belangen besser. So gut sogar, dass ich mir, kaum war das Testgerät zurückgeschickt, privat eins kaufte. (Das Surface Pro 3 im Test)

Der mit dem Surface

Fortan war ich an Pressekonferenzen im Heer von Macbooks jeweils die Surface-Ausnahme. Gerade an Apple-Events machte es Spass, etwas aus der Reihe zu tanzen.

Doch dann kehrte beim Surface Pro Ruhe ein. Microsoft zementierte den Erfolg und baute das Portfolio weiter aus. Es folgten Laptops mit Tablet-Bildschirmen, Mini-Surface-Tablets, Desktop-PC und sogar gewöhnliche Laptops.

So gut diese neuen Geräte auch waren, mir reichte mein Surface Pro 3. Zu gering waren die Verbesserungen. Stattdessen wünschte ich mir immer wieder ein mutigeres, radikaleres, dünneres/leichteres Surface Pro mit einem effizienten ARM-Prozessor, das ganz auf den mobilen Einsatz ausgerichtet ist und auch selber per Handynetz ins Internet kann. Jahr für Jahr wurde ich enttäuscht.

Apple zieht nach und legt wieder vor

Ganz anders bei Apple. Das 2015 lancierte iPad Pro war genau, was ich mir vom Surface immer erträumt hatte. Ein kleiner, mobiler und zuverlässiger PC mit reichlich Leistung, Ausdauer, Stift und Tastatur.

Während das iPad Pro Jahr für Jahr besser wurde, blieb mein Surface Pro 3 immer häufiger zu Hause, bis es schliesslich ganz im Technikschrank verschwand.

Aber jetzt arbeite ich schon seit über einem Monat wieder fleissig mit einem Surface und habe es fast immer mit dabei, und das iPad kann hin und wieder Pause machen. Das Surface Pro X (ab 1200 Franken) ist Microsofts mutigstes Surface seit dem Pro 3 und genau, was ich mir immer vom Microsoft-Tablet gewünscht habe.

Nicht alles Gold, was glänzt

Aber es gibt gute Gründe, warum ich Artikel schreibe und keine Computer plane. Bei meiner Wünscherei habe ich nämlich ein paar Sachen nicht bedacht oder gar übersehen, wie mir nun im Alltag mit meinem Wunsch-Surface täglich auffällt.

In meinen Notizen halten sich positive und negative Punkte in etwa die Waage:

Schaut man sich mein Gekritzel genauer an, fällt auf, dass es bei den roten Negativpunkten fast nur um die Software und bei den grünen Highlights fast nur um die Hardware geht.

Tatsächlich hinterlässt das Surface Pro X einen zwiespältigen Eindruck. Bei der Hardware braucht es sich vor dem grossen Vorbild, dem iPad Pro, nicht zu verstecken. Ja, das Surface übertrifft das Apple-Tablet in manchen Punkten klar.

Bei der Software dagegen hat Apple die Nase vorn. Aber der Reihe nach:

Packt man das Surface Pro X aus, staunt man, wie dünn und doch robust das Tablet wirkt. Dass es hinten auch noch einen ausklappbaren Ständer hat, glaubt man kaum. Kritisieren kann man einzig, dass es das Tablet (vorerst) nur in Schwarz gibt und die glatte Oberfläche schnell voller Fingerabdrücke ist.

Besonders praktisch sind die vielen Anschlüsse. So kann man das Surface Pro X mit dem seit Jahren gewohnten und dank Magnet sehr praktischen Surface-Kabel laden. Daneben hat es aber auch noch zwei USB-C-Anschlüsse. Auch über die kann man das Tablet mit Strom versorgen und allerhand Geräte anschliessen.

Anders als beim iPad, wo ich mit einem USB-C-Anschluss immer mal wieder an die Grenzen stosse (z.B. Laden und gleichzeitig Fotos transferieren), hatte das Surface immer noch mindestens einen Anschluss frei.

Gut versorgt

Auch genial gelöst ist die Halterung des Stifts. Der wird in einer speziellen Mulde oben an der Tastatur magnetisch verstaut und gleichzeitig geladen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Stiftspitze nach links oder rechts zeigt. Legt man den Stift mit dem Windows-Logo nach unten in die Schale, drehen ihn die Magnete automatisch in die richtige Position.

Den Stift in der Tastatur zu verstauen, hat sich im Alltag schnell als bessere Variante herausgestellt als Apples Ansatz, den Stift magnetisch am Tablet zu befestigen. Man kann das Surface völlig achtlos in den Rucksack werfen und muss sich keine Sorgen machen, dass der Stift abfällt und verloren geht.

Was die Tastatur angeht, liefert Microsoft die gewohnte Top-Qualität. Die Tastatur ist dünn, leuchtet im Dunkeln, hat einen guten Druckpunkt und sogar zwei Winkel. Was will man mehr?

Wie inzwischen bei allen Herstellern üblich, muss man Tastatur und Stift auch bei Microsoft einzeln kaufen. Die Tastatur ohne Stift-Halterung kostet 160 Franken. Die Tastatur mit Lade-Mulde und Stift stolze 300 Franken. Immerhin gab es für beide Varianten bei Onlinehändlern bereits deutliche Rabatte.

Ausdauernder Akku

Interessant ist die Möglichkeit, die Festplatte selber auszutauschen. Unter dem Ausklappständer gibt es ein Fach, dahinter verbergen sich die Mini-SSD und der SIM-Karten-Einschub.

Lob gibt es auch für den Akku. Der sollte laut Microsoft 13 Stunden halten. Zum Vergleich: Apple verspricht beim iPad Pro 10 Stunden. Tatsächlich habe ich im Alltag das Gefühl, dass das Microsoft-Tablet etwas ausdauernder ist als das iPad. Da beide aber sehr ausdauernd sind, hatte ich mit beiden nie Akkuprobleme.

Die Ausdauer des Surface Pro X führt uns nun in die Kategorie der Kritikpunkte. Möglich macht das nämlich ein ARM-Prozessor von Qualcomm. Solche ARM-Prozessoren kennt man aus Smartphones und iPads. Windows-Laptops und Macbooks setzen dagegen auf Prozessoren von Intel und AMD mit einer anderen Architektur.

Solche Prozessoren kamen schon in zwei der ersten (und wenig erfolgreichen) Surface-Modellen zum Einsatz. Das Surface RT und das Surface 2 hatten ebenfalls ARM-Prozessoren und konnten daher nur Apps aus dem offiziellen Store nutzen. Heute fällt diese Einschränkung dank deutlich leistungsfähigerer Prozessoren weg.

Reichlich Leistung

Prozessor-Profis dürften dennoch monieren, dass man sich die zusätzliche Ausdauer mit schlechter Leistung erkauft. Tatsächlich hatte ich im Alltag nicht das Gefühl, dass das Surface Pro X zu langsam oder ruckelig unterwegs ist. Für meine Ansprüche reichte es völlig. Dass nicht alles ganz so flüssig läuft, wie ich mir das vom iPad Pro gewohnt bin, liegt dann auch weniger am Prozessor als an Windows selbst.

Und nun sind wir schon mittendrin in den Software-Problemen. Wegen der anderen Prozessor-Architektur (ich erspare Ihnen hier die Details) funktionieren nicht alle Programme und Apps, die auf einem Windows-PC laufen, auf dem Surface Pro X.

In meinem Fall sah es erst ganz gut aus. Die paar wenigen Apps, die ich brauche (Twitter, Telegram), liefen ohne Probleme. Auch ein paar Spiele («Alto's Adventure», «Halo: Spartan Strike») machten keine Probleme.

Adobe sagt: Nein!

Dann wollte ich schnell ein paar Fotos bearbeiten. Im Windows Store fand sich schon mal keine Lightroom-App. Die Gewissheit folgte beim Versuch, die App und danach Photoshop direkt von Adobe herunterzuladen und zu installieren: «Your computer's 32-bit system cannot run the latest version of Photoshop CC, which requires a 64-bit computer.»

Auf Deutsch: Es geht nicht. Adobe hat zwar versprochen, die eigenen Programme für die neue Prozessor-Architektur, die im Surface Pro X Premiere feiert, anzupassen. Aber wann das der Fall sein wird, sagte das Unternehmen nicht.

Wäre ich nicht so angewiesen auf Lightroom, würde mich diese Einschränkung ziemlich kaltlassen. Die meisten Dienste funktionieren heute im Browser genauso gut wie mit Apps. Apropos Browser: Auch Chrome lässt sich auf dem Surface Pro X problemlos installieren. Und ja, sogar die Steuererklärungs-Software des Kantons St. Gallen lief problemlos.

Trotzdem beweist das Problem um die Prozessor-Architektur einmal mehr, dass man mit Geräten der ersten Generation sehr vorsichtig und zurückhaltend sein sollte.

Unentschlossenes Windows 10

Abgesehen davon enttäuschte im Test vor allem Windows 10. Es macht viel zu wenig aus der tollen Hardware. Die Idee, zwischen einem für Touchscreens optimierten Tablet- und einem für Maus und Tastatur angepassten Desktop-Modus zu trennen, ist schlau.

Im Alltag hat man allerdings ständig das Gefühl, im falschen Modus zu sein. Im Tablet-Modus vermisst man eine Funktion, und die automatische Umschaltung zwischen den Modi ist eine ziemliche Glückssache. Ich gebe es zu, ich habe hin und wieder Windows 8 vermisst. Das war zwar alles andere als perfekt, aber wenigstens konsequent und wollte nicht alles gleichzeitig.

Verglichen mit diesen Problemen ist das dritte vergleichsweise klein: Meine SIM-Karte wurde ständig gesperrt. Lies man das Surface nur eine Weile unbeobachtet, wurde der Bildschirm schwarz und beim nächsten Anmelden war man offline. So habe ich täglich mehrfach meinen PIN-Code eingegeben. Automatisieren liess sich das leider nicht. Mindestens habe ich keine entsprechende Option gefunden.

Fazit: Das Surface Pro X ist Microsofts mutigstes Tablet seit Jahren. Die Hardware gefällt im Test ausgesprochen. Bei der Software muss der Konzern nachbessern. Wer technisch versiert ist, heute schon hauptsächlich im Browser arbeitet und ohne Adobe-Programme auskommt, dürfte daran dennoch viel Freude haben. Wer auf Nummer sicher gehen will, ist mit dem Surface Pro 7 oder dem iPad Pro besser bedient.

Haben Sie Fragen zum Surface Pro X – unser Autor beantwortet sie gern auf Twitter und Telegram:

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Erstellt: 14.01.2020, 11:46 Uhr

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