Apps für Afrika

Kenia macht als «Silicon Savannah» von sich reden, in Nairobi boomt die IT-Branche. In Afrika schlummert ein kreatives Potenzial, das selbst den Google-Chef überrascht.

Hohes kreatives Potential schlummert in Afrika: Mitarbeiter einer südsudanesischen Zeitung (Symbolbild).

Hohes kreatives Potential schlummert in Afrika: Mitarbeiter einer südsudanesischen Zeitung (Symbolbild). Bild: Reuters

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Im lichtdurchfluteten Grossraumbüro im vierten Stock eines Gebäudes, in dem sogar die Lifte funktionieren, sitzen mehrere Dutzend junger Menschen auf komfortabel gepolsterten Sitzgarnituren oder an makellosen, weissen Tischen – die Blicke auf ihre Laptops geheftet, auf deren Deckel in vielen Fällen der beleuchtete Apfel prangt. Aus einer Ecke des Grossraumbüros, das sich iHub nennt, zieht von Pete’s Café Bar der Duft von frisch gebrühtem Espresso herüber. Dazu gibt es Bananenkuchen oder dänische Stückchen.

Und jede halbe Stunde taucht eine neue Besuchergruppe auf, deren Mitglieder mit gedämpften Stimmen und ausländischen Akzenten über den sich bietenden Anblick staunen. Und das soll Afrika sein?, fragen sich die Abgesandten europäischer Universitäten oder amerikanischer Hightechfirmen. Eine derartige Szene hätte auf diesem Kontinent keiner erwartet.

«Unbegrenzte Möglichkeiten»

Kenia ist nicht länger nur für Touristen attraktiv, der ostafrikanische Staat macht als «Silicon Savannah» von sich reden: Die Hauptstadt Nairobi gilt als Hochburg eines Phänomens, das bislang als ein Widerspruch in sich betrachtet wurde: IT-Technologie made in Africa.

Das derzeit wohl bedeutendste Zentrum des afrikanischen Digitalbooms findet sich auf halbem Weg zwischen dem Millionen-Slum Kibera und dem luxuriösen Einkaufszentrum Yaya in Nairobis Bischof-Magua-Haus: ein mit zahllosen Start-up-Unternehmen vollgepacktes Gebäude, die hippe Namen wie iHub, m:Lab oder mFarm tragen. Die Stadt habe sich zu einem «ernst zu nehmenden technologischen Zentrum» entwickelt, staunte selbst Google-Chef Eric Schmidt bei seiner jüngsten Visite in Nairobi. «Mir ist hier unglaubliches kreatives Potenzial begegnet.»

Zum Beispiel Anthony Njoroge, der den iHub im vierten Stock des BischofMagua-Hauses täglich als seine Arbeitsstätte nutzt. Für den 32-jährigen WebDeveloper sind die Bedingungen hier ideal: eine schnelle und kostenlose Internetverbindung sowie jede Menge Kollegen, mit denen er sich austauschen kann.

Internetzugang als Menschenrecht

Njoroge ist derzeit damit beschäftigt, informellen Autowerkstätten, die sich in Nairobi an jeder zweiten Strassenkreuzung finden, ein Softwaresystem auf den Leib zu schneidern, mit dem die Kleinunternehmen ihre Ersatzteillager, Kundenkarteien und Angestellten verwalten können – ein System, das er später auch auf kleine Privatkliniken und Tante-Emma-Läden ausweiten möchte. «Die Möglichkeiten sind unbegrenzt», sagt der Vater von zwei Kindern. «Es gibt hier einen ungeheuren Nachholbedarf.»

Bis vor vier Jahren zählte Kenia noch zur Welt der Ahnungslosen. Eine Verbindung zum Internet war so unerschwinglich wie eine Nacht im Viersternhotel. Das weltweite Web konnte lediglich über teure Satelliten erreicht werden. Erst als Kenia 2009 per Unterseekabel mit Europa verbunden wurde, hörte auch in Ostafrika die Cyber-Eiszeit auf: Heute sorgen zehn weitere Kabel dafür, dass Kenia mit der Welt in verlässlicher Verbindung bleibt und die Kosten für einen Breitbandanschluss um 400 Prozent gesunken sind.

Was ausserdem half, war eine Regierung, die sich vor den Segnungen anderswo entwickelter Technologie nicht fürchtete: Vor allem Bitange Ndemo, Direktor im Ministerium für Information und Kommunikation, tat sich als Pionier der Cyber-Ära hervor. «Der Zugang zum Internet ist nicht nur ein fundamentales Menschenrecht, sondern eine unabdingbare Voraussetzung für Wirtschaftswachstum», sagt der in den USA ausgebildete Ökonom. Kostenlose Verbindungen zum Netz und minimale Mobilfunktarife gehören deshalb zu Ndemos politischem Nahziel.

Software für Kleinbauern

Der Regierungsmann pflege ihm zugesandte E-Mails persönlich und innert kürzester Zeit zu beantworten, schwärmt iHub-Mitgründerin Rebecca Wanjiku – sie ist aber gleichzeitig froh darüber, dass ihre Einrichtung von der Regierung völlig unabhängig ist. «Das gibt uns die nötige Freiheit und Flexibilität.» D

er iHub wurde vor drei Jahren nicht nur als gehobenes Internetcafé und Behelfsbüro für junge IT-Unternehmen gegründet: Gemeinsam mit seiner SchwesterInstitution, dem m:Lab, soll es der Entwicklung afrikanischer ComputerAnwendungen dienen. m:Lab-Manager John Kietis Finger reichen nicht aus, um die unter seiner Obhut bereits entwickelten Applikationen aufzuzählen: mFarm gehört dazu (eine Software, die es Kleinbauern erlaubt, ihre Ernte mit einem altmodischen Handy per SMS übers Internet zu verkaufen) oder Kopo Kopo (das Kleinunternehmen den Zahlungsverkehr per SMS ermöglicht) oder mVerified (mit dem man die Echtheit von Dokumenten überprüfen kann).

Beschränkter Internetzugang

Gemeinsamer Nenner der afrikanischen Apps ist das Bemühen ihrer Erfinder, in den Industrienationen entwickelte komplizierte Softwaresysteme den Bedingungen des Kontinentes anzupassen. «Vor allem kommt es darauf an», sagt iHub-Mitgründerin Rebecca Wanjiku, «den Benutzern der hier noch allgegenwärtigen einfachen Mobiltelefone etwa über SMS einen Zugang zum Internet zu verschaffen». Afrika ist zwar weltweit der am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt, in dem inzwischen über drei Viertel der eine Milliarde zählenden Bevölkerung über ein Handy verfügen, doch der Zugang zum Internet ist mit 16 Prozent noch immer sehr tief. Und nur wenige Afrikaner besitzen ein Smartphone.

Raffinierte Apps an Afrikas rudimentäre Bedingungen anzupassen, ist allerdings nicht alles, was Kenias IT-Entwickler zu bieten haben. Das Land kann sich als Geburtsstätte eines IT-gestützten Zahlungssystems preisen, das inzwischen weltweit Furore macht: die nach dem Suaheli-Wort Pesa (Geld) benannte Möglichkeit, übers Handy Geld zu überweisen. M-Pesa hat den bislang weitgehend auf Bargeld basierenden Zahlungsverkehr in Kenia revolutioniert: Inzwischen verfügen 17 Millionen Kunden über ein M-Pesa-Konto, 31 Prozent des Bruttosozialproduktes werden heute über das Handybezahlsystem abgewickelt.

Der letzte Triumph des Papiers

Doch der Erfindungsreichtum kenianischer Software-Entwickler beschränkt sich nicht nur auf die Kommerzwelt. Ausgangspunkt des IT-Booms war eine Initiative, die noch heute im ersten Stockwerk des Bischof-Magua-Hauses zu finden ist: Die Organisation Ushahidi (Suaheli für Zeugenaussage) wurde während der Gewaltwelle im Zusammenhang mit den kenianischen Wahlen vor fünf Jahren gegründet. Politisch aktive Computerfreaks entwickelten eine elektronische Plattform, auf der Schwerpunkte von Gewalttätigkeiten festgehalten wurden.

Das jedem Handybenutzer zugängliche Beobachtungs- und Warnsystem ist inzwischen in 159 Ländern kopiert worden, beim Erdbeben in Haiti etwa oder zur Zeit des arabischen Frühlings. Auch zu den jüngsten Wahlen in Kenia wurde Ushahidi wieder aktiv: Die Aktivisten suchten die sozialen Netzwerke nach Hassbotschaften ab und sammelten Hinweise aus allen Landesteilen, um eine Wiederholung der Gewaltwelle bereits im Keim zu ersticken. Die Vorbeugung funktionierte offensichtlich: Obwohl die Abstimmung äusserst knapp verlief, kam es nur ganz vereinzelt zu Gewaltausbrüchen

Dennoch können Kenias Computerfreaks auf den Urnengang nicht wirklich stolz sein. Denn elektronisch ging bei den Wahlen so gut wie alles schief, was schiefgehen konnte: Weil schliesslich das gesamte IT-System zusammenbrach, mussten die Stimmzettel per Hand ausgezählt und ihre Zahl auf Tafeln addiert werden. «Diese Abstimmung wird als Triumph des Papiers über die Cyber-Ära in die Geschichte eingehen», sagte ein kenianischer Kommentator. Die Tourguides der «Silicon Savannah» in Nairobi schwören, dass das zum letzten Mal der Fall war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2013, 12:45 Uhr

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