Das Fernsehen für die Ewigkeit retten

Radio- und Fernseharchive werden in der Schweiz mit viel Aufwand digitalisiert und sollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Doch rechtliche Probleme bremsen das Vorhaben.

Einiges ist schon im Netz zu sehen: So beispielsweise Winston Churchhill 1946 in Zürich.

Einiges ist schon im Netz zu sehen: So beispielsweise Winston Churchhill 1946 in Zürich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Ton-, Film- und Videodokumente, die in den Archiven von Radio- und Fernsehstationen lagern, gelten heute als wertvolle historische Quellen. Da die seit den 1930er-Jahren verwendeten Datenträger und Formate kurzlebig sind, lässt sich dieses Kulturerbe nur dank teurer Massnahmen in die Zukunft retten. Dabei werden die Inhalte auf neue Träger überspielt und ganze Archive digitalisiert. Da liegt es auf der Hand, diese Schätze via Internet der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wie attraktiv das sein kann, zeigt ein Pionierprojekt aus Frankreich (siehe Box).

Auch die Schweiz unternimmt seit den 1990er-Jahren grosse Anstrengungen, um die Archive der SRG sowie einzelner Privatsender zu retten und zugänglich zu machen. Entscheidend beteiligt ist der Verein Memoriav, der hauptsächlich durch den Bund finanziert wird. Beim Schweizer Fernsehen liegt der Fokus derzeit auf dem seit 2007 laufenden Projekt «Beta Suisse». Hier werden rund 100 000 Stunden Sendungen digitalisiert und per Roboter in einen dateibasierten Speicher übertragen. Die Digitalisierung bringt zwar neue Probleme mit sich, besonders bei der Langzeitarchivierung, doch die Vorteile überwiegen.

Seit Längerem am Planen

Das Schweizer Fernsehen bietet bereits heute auf einem Archivportal eine Auswahl von Sendungen an, die chronologisch und anhand thematischer Dossiers historische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen der Schweiz dokumentieren. Ergänzt wird die Sammlung durch das Panorama «Chronik der Schweiz» der SRG SSR Idée Suisse, das zudem Radiosendungen enthält. Das Westschweizer Fernsehen betreibt ein vergleichbares Archiv.

SF arbeitet seit längerem an einem ambitiösen Plan, sein Archiv umfassend der Bevölkerung zugänglich zu machen – zumindest soweit dies rechtlich möglich ist. Ausgeschlossen bleibt etwa die Schweizer Filmwochenschau, da die Rechte bei der Cinémathèque liegen.

SF ist 2012 parat

Der Zugriff auf das SF-Archiv wird frei sein, eine Dienstleistung an das Publikum, das die Sendungen über Gebühren mitfinanziert. Die Aufschaltung des Onlinezugriffs ist für das Jahr 2012 geplant. Ein Angebot für professionelle Kunden wird bereits dieses Jahr lanciert.

Noch blieben einige Hürden zu nehmen, sagt Walter Bachmann, Leiter des Multimediazentrums. Die Digitalisierung wird erst in 5 Jahren zum Abschluss kommen. Schwierig ist die Umsetzung auch deshalb, weil viele Beiträge ohne Kontext (Ton oder Moderation) erhalten sind und sich in dieser Form nicht für ein Angebot im Internet eignen. Eine grosse Herausforderung liegt zudem darin, die riesige Dokumentenmenge für den Web-Abruf bereitzuhalten. SF wählt ein Vorgehen, bei dem die Umwandlung in internettaugliche Videoformate «on the fly», das heisst bei Abruf, erfolgt.

Die rechtliche Situation als Knacknuss

Als Knacknuss erweist sich die rechtliche Situation. Bei SF hatte man gehofft, das revidierte Urheberrecht würde den Aufbau eines Onlinearchivs erleichtern. Nun sei eher das Gegenteil eingetreten. Für den komplexen Sachverhalt bildet der entsprechende Artikel weiterhin keine klare Grundlage. Aufseiten von SF will man möglichst pauschal einen Tarif für das Freischalten der Bestände aushandeln. Die Verwertungsgesellschaften hingegen fordern eine detaillierte Dokumentation für das Internetangebot. Dies würde den Aufwand jedoch «ins Absurde» führen, meint Walter Bachmann, und könnte das Projekt sogar gänzlich verhindern.

Keine breite Archivöffnung steht beim Schweizer Radio DRS an, ist von Andreas Notter, Leiter Kommunikation, zu erfahren. Digitalisiert wird zwar auch hier. Rund ein Viertel von über 200 000 analogen Eigenproduktionen ist dazu vorgesehen. Ohne Aufbereitung und Kontextinformationen wären die Sendungen für die Allgemeinheit aber nur von geringem Nutzen. Den Aufwand beurteilt man beim SR DRS als unverhältnismässig. Zudem wird darauf verwiesen, dass die Verwendungsrechte für einen grossen Teil der Bestände unklar sind. Man will der Öffentlichkeit aber eine «qualifizierte Auswahl» zur Verfügung stellen und in Form von Themendossiers ein stetig wachsendes Angebot mit historischen Sendungen aufbauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2010, 19:30 Uhr

TV- und Radioarchive im Ausland

Frankreich ist Pionier

Seit 2006 verfügt Frankreich über ein Webportal, das der Bevölkerung den Zugriff auf das Archiv der öffentlichen Radio- und Fernsehsender bietet. Möglich ist das einzigartige Vorgehen vor allem deshalb, weil Frankreich mit dem Institut National de l’Audiovisuel (INA) über ein nationales Archiv für audiovisuelle Medien verfügt. Ein entscheidender Faktor ist zudem das ausgeprägte Bewusstsein der Franzosen für die Bedeutung des audiovisuellen Erbes als Teil der kollektiven Erinnerung. Bereits vor zehn Jahren wurde damit begonnen, den Gesamtbestand des INA (1,5 Millionen Sendestunden allein im öffentlichen Bereich) zu sichern und zu digitalisieren. Das Projekt kostet 193 Millionen Euro und soll 2015 abgeschlossen werden.

Das französische Portal ist enorm populär und wird monatlich von über einer Million Benutzern aufgerufen. Aus rechtlichen Gründen bleibt der öffentliche Zugang auf eine Auswahl beschränkt. Derzeit sind bereits über 300'000 Dokumente oder 25'000 Sendestunden abrufbar. Der Einstieg erfolgt über thematische Dossiers oder die Schlagwortsuche, der Zugang ist meist frei. Ein Teil der Dokumente ist kostenpflichtig, wobei neben einer zeitlich beschränkten Benutzung die Möglichkeit besteht, Filme zu erwerben. Für Studienzwecke und professionelle Kunden werden spezielle Zugänge angeboten. Eine rasche und breite Nachahmung des Portals bei uns ist kaum zu erwarten, vor allem wegen urheberrechtlicher Barrieren. www.ina.fr

Ein ähnlich grosses Projekt lässt sich derzeit nur in Grossbritannien ausmachen, wo die BBC kürzlich ein Onlinearchiv startete. Das Angebot ist noch bescheiden, wird aber systematisch ausgebaut. Ein voller Zugriff besteht nur innerhalb der Insel. Selbst für die Ausnahmen, vorwiegend im Radiobereich, lohnt sich aber ein Besuch. www.bbc.co.uk/archive

Eine limitierte, aber wertvolle Auswahl wird häufig von öffentlichen Sendern angeboten, so etwa in Kanada. Canadian Broadcasting Corporation CBC: archives.cbc.ca Radio: archives.radio-canada.ca

Nicht einmal Ansätze zu einer Onlineöffnung bestehen beim ZDF und bei der ARD in Deutschland. Immerhin erlaubt das deutsche Wochenschau-Archiv einen Zugriff auf historische Nachrichtendokumente. wochenschau-archiv.de

Komplex ist die Situation in den USA. Hier existieren zwar öffentliche Sendernetze für Radio und Fernsehen. Die grossen Kanäle gehören aber privaten Betreibern. So steht das riesige Archiv von NBC News nur professionellen Benutzern offen. Übergreifend werden Radio- und Fernsehsendungen von diversen Institutionen archiviert, vorab von der Library of Congress. Ein Zugang besteht in der Regel nur vor Ort. Es lassen sich dennoch Onlinezugriffe finden. Zu den interessantesten zählt das Portal des Museum of Broadcast Communications (MBC), das seine Sammlung mit gegen 100 000 Radio- und Fernsehsendungen nun sukzessive frei zugänglich macht. Museum of Broadcast Communications MBC: museum.tv

Kommentare

Die Welt in Bildern

Das beste aus der Situation machen: Kinder spielen auf einer überfluteten Autobahn in Manila, Philippinen, nach starkem Regenfall. (25. April 2018)
(Bild: Dondi Tawatao) Mehr...