Der Antichrist sozialer Medien

Er galt als Verfechter der Techno-Utopie. Facebook und Co. aber sieht Jaron Lanier als Gefahr für die Menschheit.

Vom Internetpionier zum Kulturpessimisten: Jaron Lanier. Foto: Kevin Hagan (NYT, Redux, Laif)

Vom Internetpionier zum Kulturpessimisten: Jaron Lanier. Foto: Kevin Hagan (NYT, Redux, Laif)

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Wenn man mit Jaron Lanier spricht, nachdem er gerade eine seiner Brandreden gegen Facebook, Google und all die anderen sozialen Netze gehalten hat, die die Utopie einer digitalen Welt zum Wohle aller in einen monopolkapitalistischen Wahnsinn für suchtkranke Konsumidioten verwandelt haben, kommt er schnell ins Schnaufen. Das liegt weniger daran, dass ihm sein schwerer Körper zu schaffen macht. Nein, man spürt, wie ihn die Wut und die Verzweiflung anstrengen, weil er zu den Pionieren dieser Techno-Utopie gehörte und weil es so viel anstrengender ist, vor einer Katastrophe zu warnen, als eine glorreiche Zukunft zu prophezeien. Vor allem, wenn man aus einer Welt kommt, in der die glorreiche Zukunft schon immer das wichtigste Verkaufsargument war.

Knapp, aber zornig

«Glauben Sie mir, Sie müssen Ihre Konten bei den sozialen Medien komplett löschen», sagt Lanier. Das sagt er in letzter Zeit oft. Er hat auch ein Buch geschrieben, das den Titel «Zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst» trägt und kürzlich erschienen ist. Im Vergleich zu seinen 400-Seiten-Werken wie «Gadget» und «Wem gehört die Zukunft?», die ihn zu einem der führenden Intellektuellen der digitalen Kultur gemacht haben, ist «Zehn Gründe» mit rund 200 Seiten eher knapp.

Im Ton ist es dafür sehr viel zorniger und verzweifelter als all seine anderen Bücher und auch als die Brandrede, die er im Kongresszentrum von Vancouver gehalten hat. Das Ideenfestival Ted Conference findet dort statt, und ein Auftritt ist für englischsprachige Sachbuchautoren die Garantie für einen Bestseller. Das Video von Jaron Laniers Vortrag zum Beispiel wird im Netz in den sechs Wochen zwischen seinem Auftritt und dem Erscheinen seines Buches fast eine Million Mal angesehen werden.

Jaron Laniers TED Talk «How we need to remake the internet». Quelle: Youtube

Bei seinem Vortrag hält Lanier seine Verzweiflung und seine Wut mit Mühe im Zaum, weil er weiss, dass er das Ted-Publikum mit seiner Bildung, seinen liberalen Ansichten und seinem überdurchschnittlichen Allgemeinwissen nur mit Vernunft überzeugen kann. Man spürt seine Anspannung, wenn er sagt: «Ich kann diese Sachen nicht mehr soziale Netzwerke nennen. Ich nenne sie Imperien der Verhaltensmanipulation.» Dann wirkt er, als würde er das gerne in den Saal schreien.

Weil er ja weiss, dass die meisten Zuhörer gleich nach seinem Vortrag ihr Handy aus der Tasche ziehen werden, um auf einem der Zeitvernichtungsdienste wie Facebook, Twitter oder Instagram nachzusehen, ob schon jemand eine Meinung zu Laniers Rede hat, oder vielleicht selbst eine Meinung zu haben. Und wenn sie schon am Netz hängen, werden sie schauen, was denn sonst so los ist. In der Welt. Im Bekanntenkreis. In der Filterblase. Es scheint, als sei ihm noch nie etwas so wichtig gewesen.

Vater der Virtual Reality

Wenn man Jaron Lanier Ende der Achtzigerjahre traf, im Hörsaal einer kalifornischen Universität zum Beispiel, begegnete man einem ganz anderen, einem Euphoriker, der einem wundersame Dinge davon erzählte, zu was elektronische Rechenmaschinen alles gut sein würden. Er schwärmte vor allem von den psychedelischen Qualitäten der Virtual Reality, die den Geist und das Bewusstsein noch so viel weiter öffnen könnten als jede Droge, die man in der Psychotherapie einsetzen werde und sogar in der Onkologie.

Wobei einen die Virtual Reality damals noch nicht wie heute in die Zauberwelten der Rundumfilme führte, sondern in ein Geflecht aus lichtgrünen Linien, die im schwarzen Raum dreidimensionale Gebilde und Flächen andeuteten. Man brauchte für die virtuelle Wirklichkeit damals vor allem einen Sinn für Geometrie, viel Fantasie und eine Kombination aus Datenbrille, Elektrohandschuh sowie einem Hochleistungsrechner, die er bei seinen Vorträgen zum Ausprobieren für alle aufbaute.

Auftritte mit LSD-Guru

Die Metapher von der digitalen Psychedelik hatte sich Jaron Lanier nicht selbst ausgedacht. An den Universitäten und auf den Konferenzen trat er mit Timothy Leary auf. Der «LSD-Guru» war damals fast siebzig, aber immer noch Prophet des Neuen und Aufregenden. Während der Hippie-Ära war er die Symbolfigur der Drogenkultur, das wurde ihm nie ganz gerecht, weil er wegweisende Experimente mit psychedelischen Substanzen im klinischen Rahmen als Psychologieprofessor in Harvard gemacht hatte. Aber weil er mit den Grossen der Hippiekultur befreundet war, vor allem aber, weil er den Slogan «Turn on, tune in, drop out» geprägt hatte (auf Deutsch etwa «Dröhn dich zu, machs dir bewusst, steig aus»), wurde er zum Giganten der Popkultur.

Vor 20 Jahren sprach Jaron Lanier an den Internationalen Musikfestwochen in Luzern über die Einflüsse neuer Technologien im Musikbereich. Bild: Keystone

Als Lanier mit ihm herumzog, hatte Leary gerade das Buch «Chaos and Cyberculture» geschrieben und seinen Hippie-Schlachtruf für den Beginn des digitalen Zeitalters umformuliert: «Turn on, boot up, jack in» – «Schalt an, fahr hoch, steck dich ein». Lanier war knapp dreissig und wirkte mit seinen dunkelblonden Dreadlocks und seinen stechend blauen Augen wie der Beweis dafür, dass die Cyberculture die Fortsetzung der Gegenkulturen war. In der Nähe von San Francisco betrieb er die Firma VPL Research, die Virtual-Reality-Technologie entwickelte. Er galt als einer der besten Programmierer im nördlichen Kalifornien.

Er ist jetzt zur Galionsfigur einer kulturpessimistischen Bewegung geworden, die ihm so gar nicht entspricht.

Aber erst die Verbindung aus akademischen Meriten und Popkultur (Leary) beziehungsweise aus zukunftsweisender Technik und Avantgarde (Lanier) war unschlagbar, um Geräte zu Kulturträgern zu verklären, die damals als Büromaschinen im Einsatz waren. Als subkultureller Mehrwert kam dazu, dass Lanier ein anerkannter Avantgarde-Musiker war (und immer noch ist), der mit Leuten wie Philip Glass, Ornette Coleman und Yoko Ono auftrat.

Im Frühjahr 2018 ist bei dem inzwischen 58-Jährigen nicht mehr viel übrig von der einstigen Aufbruchstimmung. Er ist jetzt zur Galionsfigur einer kulturpessimistischen Bewegung geworden, die ihm so gar nicht entspricht, seit 2009 arbeitet er für die Forschungsabteilung von Microsoft. Der grosse «teclash», wie man die Katerstimmung nennt, die das globale Nutzervolk derzeit erfasst, begann vor fünf Jahren mit Edward Snowdens NSA-Enthüllungen. Ihren ersten Höhepunkt fand sie jüngst, als ehemalige Granden der Techindustrie wie Sean Parker von Facebook, Tony Fadell von Apple und der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, vor den Langzeitwirkungen der digitalen Medien warnten.

Erneuerungsfanatismus dient wenigen

Für Lanier hatte der Weg vom Zukunfts- zum Untergangspropheten schon viel früher begonnen. Im November 2000 veröffentlichte er auf dem Onlineforum Edge.org seinen Essay «One Half a Manifesto», in dem er den «kybernetischen Totalitarismus» angriff, die dogmatische Verklärung des Computers durch Kognitionsforscher wie Daniel Dennett und Steven Pinker. Die lieferten damals das intellektuelle Rüstzeug für die Ideologisierung der digitalen Kultur, die mit Schlagworten wie «disruption», «innovation» und «design thinking» viel Schaden anrichtete. Das alles müsse keineswegs zu einer besseren Welt und Gesellschaft führen, schrieb Lanier. Die Gefahren seien sogar gewaltig.

Im Silicon Valley war so ein Text damals Frevel. Heute hat sich längst bewiesen, dass der Erneuerungsfanatismus vor allem einer immer kleineren Zahl von Firmen zugutekam, die ganze Wirtschaftszweige verwüsteten und keineswegs etwas Neues oder Besseres schafften, sondern Monopole.

2014 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bild: Keystone

Im Mai 2006 legte Jaron Lanier ebenfalls auf Edge.org mit dem Essay «Digital Maoism» nach. Darin verteufelte er erstmals das Internet, genauer gesagt den Schwarmgeist, den damals viele als eine Art ultrademokratischen Weltgeist glorifizierten. Dieser Schwarmgeist sei nichts anderes als die Pöbelherrschaft böswilliger Massen, schrieb er, die ähnlich wie im Maoismus und dem Faschismus dem freien Willen des Einzelnen den Garaus machen würden. Jaron Lanier wusste, was Pöbel- und Schreckensherrschaft bedeuten. Er hatte es nicht selbst erfahren, aber seine Familie. Seine Mutter entkam dem Holocaust, sein Vater russischen Pogromen.

Laniers Beispiele für den aufziehenden Irrsinn der digitalen Kollektive waren die Online-Enzyklopädie Wikipedia und das soziale Netzwerk Myspace, die das Internet beherrschten. Facebook gab es damals erst seit zwei Jahren als Netzwerk für amerikanische Unistudenten. Twitter war wenige Wochen zuvor als obskurer Kurznachrichtendienst «twttr» ans Netz gegangen. Das erste iPhone sollte erst ein Jahr später auf den Markt kommen.

Social Media hasst deine Seele

Und wieder sollte er recht behalten. Laniers zehn Gründe, Social-Media-Accounts zu löschen, die er im Buchtitel ankündigt, sind auch die Kapitelüberschriften, die sich wie die Vollzugsmeldungen seiner Befürchtungen von 2006 lesen: Du verlierst deinen freien Willen. – Social Media ist deprimierender Mist. – Social Media macht dich zum Arschloch. – Social Media untergräbt die Wahrheit. – Social Media macht das, was du sagst, bedeutungslos. – Social Media tötet dein Mitgefühl. – Social Media macht dich unglücklich. – Social Media fördert prekäre Arbeitsverhältnisse. – Social Media macht Politik unmöglich. – Social Media hasst deine Seele.

Alles klar. Alles nicht neu. Aber Lanier prangert diese Phänomene nicht nur an, sondern analysiert sie mit dem ganzen Arsenal der Argumente, das ihm als Mathematiker, Programmierer und «public intellectual» zur Verfügung steht. Wenn er zum Beispiel sehr detailliert erklärt, wie Algorithmen den menschlichen Geist versklaven können. Oder wie die Ingenieure der Digitalkonzerne sinistre Methoden der Verhaltensforschung einsetzen, um zu erreichen, dass Handynutzer möglichst oft auf ihr Gerät schauen, damit die Apps und Webseiten ihnen – ohne dass sie es merken – den Terminplan und ihr Konsumverhalten diktieren können.

Die einzige Lösung sei ein Bezahlmodell. Nur dann habe die Gesellschaft eine Chance, sich aus diesen Netzen zu befreien.

Endgültig verdammen will Lanier die sozialen Medien nicht. Er hat sogar eine Lösung. Man müsse gar nicht die Technologie, sondern nur das Geschäftsmodell verändern. Der Geburtsfehler der sozialen Netzwerke sei, dass sie für die Nutzer gratis seien und sich mit Anzeigen finanzierten. Das bedeute aber, dass die Netzwerke im Dienste der Anzeigenkunden und nicht der Nutzer funktionierten. So sei das Diktat der Verhaltensmanipulation unausweichlich.

Solange die Anzeigenkunden Turnschuhe oder Duschgel verkaufen, ist der Schaden überschaubar. Wenn russische Regierungsstellen die Demokratie zersetzen wollen und im Wahlkampf die Wähler mit politischen Anzeigen hysterisieren, ist das eine Gefahr. Die einzige Lösung sei ein Bezahlmodell. Nur dann habe die Gesellschaft eine Chance, sich aus diesen Netzen zu befreien.


Video: Facebook gab Nutzerdaten an chinesische Firmen. Quelle: Reuters


Jaron Lanier schnauft schwer. Der Tag setzt ihm zu. Man merkt, dass er sich beim Schreiben viel wohler fühlt. Weil er Hintergründe aufdecken kann, die aus einer Wutfloskel ein berechtigtes Anliegen machen. Er ist kein Demagoge, sondern Intellektueller, seine Gedanken brauchen Raum und Zeit. Aber bitte nicht jetzt, vielleicht morgen. In diesem Moment will er jedenfalls raus aus dem Konferenzzentrum. Und am späten Abend, sagt er, wird er ja noch als Musiker auftreten. Man solle ins Lion’s Pub kommen, da treffen sich die Konferenzteilnehmer mit Stehvermögen.

Kurz nach elf ist der Laden recht leer. Von Jaron Lanier keine Spur. «Der Musiker?», fragt der Barkeeper. «Der hat kurz reingeschaut und sofort wieder kehrtgemacht.» Es mag wohl daran liegen, dass die Bar mit ihren Holzpaneelen und Lederbänken so wirkt wie eines dieser Pubs in der Nähe der Wallstreet, in denen die Makler und Banker nach Börsenschluss bei Bier und Whisky Dampf ablassen und «networken». Laut ist es. Und ja, auch hier beim Ideenfestival werden nachts Geschäfte gemacht, Verbindungen geknüpft, Visitenkarten getauscht. Und nein, für Avantgarde und Utopien ist das kein Ort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2018, 16:55 Uhr

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