Der Kampf um den zweiten Bildschirm

Das Fernsehen muss sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer zunehmend mit deren Smartphones und Tablets teilen. Um auf beiden Bildschirmen präsent zu sein, lassen sich die Fernsehmacher einiges einfallen.

Die digitale Welt tendiert zum Multitasking: Selbst der Papst greift zusätzlich zum Tablet, währenddem er fernsieht.

Die digitale Welt tendiert zum Multitasking: Selbst der Papst greift zusätzlich zum Tablet, währenddem er fernsieht. Bild: Keystone

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Wer fernsieht, schielt nebenbei immer öfter auf sein Tablet oder Smartphone. Gemäss den Marktforschern von Nielsen passiert in den USA sogar ein Drittel der Internetnutzung vor dem TV, ebenso hoch ist der Anteil des Tablet-Gebrauchs vor dem Fernseher. Und 70 Prozent jener, die ein iPad oder dergleichen besitzen, geben an, es regelmässig vor dem TV zu benützen. Bei den Smartphone-Nutzern sind es nur 2 Prozent weniger.

Dass der TV öfter nur im Hintergrund läuft, ist nichts Neues. Doch wer seine Aufmerksamkeit dabei einem mit dem Internet verbundenen Gerät schenkt, ist für die Fernsehmacher nicht völlig verloren, denn diesen Zuschauer können sie auch auf seinem zweiten Bildschirm erreichen.

Neue Werbekanäle

Derzeit heiss gehandelt werden deshalb sogenannte Second-Screen-Apps. Diese versorgen den Zuschauer mit komplementären, personalisierten Informationen, passend zu dem, was gerade am Fernseher läuft (siehe Box). Sie sollen, ganz dem Zeitgeist von Socialmedia entsprechend, den Diskurs zwischen TV-Machern und dem Publikum fördern sowie Diskussionen unter den Zuschauern vereinfachen. Das gilt für Serien, Filme, Nachrichten oder Sportübertragungen.

In den USA, wo diese Apps derzeit boomen, gelten sie als Wunderwaffe im Kampf um die Aufmerksamkeit des Zuschauers, sie werden als zentral für die zukünftige Bedeutung des Mediums bewertet. Nicht zuletzt eröffnen sich auch weitere Kanäle für die Werbung.

Apps sollen Sendungen erkennen

Die Fernsehbegleit-Apps sollen also dafür sorgen, dass das iPad auf dem Schoss der Zuschauer statt für Ablenkung für gesteigerte Aufmerksamkeit sorgt. Ins Rennen um den zweiten Bildschirm wird deshalb einiges investiert. Yahoo blätterte für Into-Now jüngst 20 Millionen Dollar hin. Die Software soll Sendungen durch den Ton identifizieren. Shazam, ein Dienst, der Songs erkennen kann, hat sein Kapital um 32 Millionen Dollar aufgestockt, um künftig auch Fernsehsendungen treffsicher zu identifizieren. Myspace wurde an der CES in Las Vegas gerade als TV-Begleitplattform neu lanciert. Und Facebook hat Fernsehmachern bereits ans Herz gelegt, ihre Sendungen doch als Facebook-Events zu erfassen, damit die Zuschauer dort darüber plaudern können. Doch die TV-Stationen wollen das Heft nicht aus der Hand geben und werden auf eigene Apps und Plattformen setzen.

Die diversen Angebote unterscheiden sich primär darin, wie die inhaltliche Verbindung zwischen Tablet und TV hergestellt wird. Da wären zunächst dezidierte Apps für bestimmte TV-Serien. Diese präsentieren den Fans beispielsweise Zusatzinfos zu Schauspielern und Charakteren, Hintergrundgeschichten zur Handlung oder zeigen an, was auf Twitter zur laufenden Sendung gesagt wird. Entsprechende Apps gibt es beispielsweise für Serien wie «Bones» oder «Grey’s Anatomy».

Statt die App zur Sendung zu starten. bieten andere Plattformen die Möglichkeit, sich als Zuschauer in bestimmten Sendungen «einzuchecken», um mit anderen Fans über das Geschehen am TV zu plaudern, etwa in der Get-Glue-App. Noch einfacher geht es mit Apps wie Into-Now, die die aktuelle Fernsehsendung anhand der Tonspur erkennt. Und internetfähige Fernseher könnten dereinst direkt dem Tablet zuverlässig mitteilen, welche Sendung läuft.

Fernsehen bleibt Unterhaltung

Dass die Zuschauer ihre volle Aufmerksamkeit auf zwei Bildschirmen ein und demselben Thema widmen, dürfte trotz aller Anstrengungen die Ausnahme bleiben. Denn die digitale Welt tendiert zum Multitasking. Wer das Tablet auf dem Schoss hat, will in der Regel eher seine Mails checken oder auf Facebook vorbeischauen als sich laufend Zusatzinfos zur TV-Sendung holen. Skeptische Stimmen, auch aus den USA, weisen darauf hin, dass TV weitgehend Unterhaltung bleibe. Und dabei ist der Drang, über alles sofort hitzig zu diskutieren, kleiner als beispielsweise auf Politblogs. Erschwerend kommt hinzu, dass längst nicht mehr alle gleichzeitig eine Sendung schauen. Doch solche Bedenken gehen in der aktuellen Euphorie unter. Abgesehen von ersten Angeboten in Grossbritannien passiert in Europa noch kaum etwas. Die amerikanischen Apps nützen uns ausserdem wenig.

Beim Schweizer Fernsehen denkt man darüber nach, wie man auf den Second Screen kommt. Da der technische Aufwand hoch und mit entsprechenden Kosten verbunden ist, will man jedoch sorgfältig abwägen. Ein Entscheid soll im laufenden Jahr fallen. Bereits einen Schritt weiter ist der Jugendsender Joiz, der erfolgreich sowohl auf dem TV als auch auf dem Computer seiner Zuschauer präsent ist. Dabei spielt die Joiz-Website mit Social Media jedoch eine wichtigere Rolle als die «derzeit eher rudimentäre» Joiz-App. «Erst ein kleiner, einstelliger Prozentsatz unserer Zuschauer beteiligt sich via iPad», sagt Alexander Mazzara, einer der Gründerväter von Joiz. Die meisten nutzen einen Laptop – oder klicken auch auf dem iPad auf die Website. Dort läuft derzeit die Joiz-Trophy, bei der Zuschauer Punkte und Auszeichnungen sammeln, sobald sie sich einloggen oder mitdiskutieren. Zudem werden Preise wie iTunes-Gutscheine verlost.

Erstellt: 16.01.2012, 08:04 Uhr

Fernsehbegleit-Apps

Die iPhone- und iPad-App Into-Now hört dem TV zu und erkennt, was man gerade schaut. Das funktioniert ähnlich wie bei der beliebten App Shazam, die Songs am Radio erkennt. Into-Now kennt 2,6 Millionen US-Sendungen, die in den vergangenen fünf Jahren ausgestrahlt wurden. Anhand dieser Daten soll sie auch Erstausstrahlungen automatisch erkennen. Anschliessend liefert sie Zusatzinformationen zur Sendung, und die Zuschauer können untereinander kommentieren und diskutieren. www.intonow.com

Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die iPad-App Unami. Zur Lancierung kooperiert Unami unter anderem mit dem National Geographic Channel. Sie verrät aber auch, welches Kleid eine Schauspielerin einer TV-Serie etwa jüngst auf dem roten Teppich getragen hat. www.unami.tv

Die britischen Macher von Zeebox, die bereits den BBC iPlayer gemacht haben, versprechen, für «Social TV das zu werden, was Facebook für die Social Networks oder Foursquare für die Social Check-ins ist». Zeebox verknüpft das TV-Programm mit Facebook, Zuschauer können dort angeben, was sie schauen. Sie können zudem sehen, was ihre Freunde gerade schauen, und mit ihnen chatten. Ein automatisches Tagging-System erkennt Stichworte zur Sendung und liefert Zusatzinfos. www.zeebox.com

Alle diese Angebote sind für US- und britische Fernsehsender gedacht. Wer bei uns Hintergrundwissen zu Serien und Filmen sucht, kann auch einfach die App von IMDb verwenden oder sich beim Fernsehen wie herkömmlich bei Wikipedia, Facebook oder Twitter vertiefen. (rcz)

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