«Der Kauf eines Fernsehers ist eine sehr emotionale Angelegenheit»

Die Angst der öffentlich-rechtlichen TV-Sender vor dem Internet und wie smart die Fernseher noch werden: Interview mit TV-Experte Vassilis Seferidis, der am TV 2.0 Summit in Zürich zu Gast sein wird.

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Vassilis Seferidis, wie schauen Sie fern?
Ich und meine Familie mögen klassisches Fernsehen. Viele Inhalte konsumiere ich auch gerne zeitversetzt, also unabhängig vom vorgegebenen TV-Programm. Der Fernsehtag sieht meist so aus: Am Morgen schalte ich durch die News und die aktuellen BBC-Programme, am Abend stehen Dokumentationen in HD, Kinder- und Lifestyle-Sendungen auf dem Programm. Bei Filmen und Serien bevorzuge ich Video auf Abruf und die Replay-Funktion.

Wie werden wir in fünf Jahren fernsehen?
Das Angebot an Inhalten, die man mit einer Internetverbindung abrufen und live oder zeitversetzt schauen kann, wächst weiter stark. Gleichzeitig wird der Fernseher nicht nur grösser und dünner, sondern eben auch smarter. Er bietet ja schon heute Zugang zu verschiedensten Web-Inhalten. Da wird noch viel passieren.

Fernsehen und Internet rücken näher zusammen. Wie verändert dies das Geschäftsmodell der TV-Sender?
Mit den neuen Distributionskanälen wird der Markt fragmentierter. Der einzelne Kanal wird so weniger attraktiv für grosse Werbeaufträge. Es ist daher notwendig, sich Gedanken über neue Geschäftsmodelle zu machen. Web-TV etwa bietet zunehmend mehr Möglichkeiten, gezielter (auf den Endkunden abgestimmte) Werbung zu schalten.

Wie können TV-Sender auf die Web-Konkurrenz reagieren?
Wir sehen jetzt schon einige sehr erfolgreiche Strategien, die sich unter anderem um selbst produzierte, exklusive Inhalte drehen und auf allen möglichen Kanälen angeboten werden. Das gilt gerade auch für die öffentlich-rechtlichen TV-Stationen. Die BBC ist ein gutes Beispiel, wie man mit dieser Strategie Erfolg haben kann. In Zukunft haben die öffentlich-rechtlichen Kanäle mehr Erklärungsbedarf für die Finanzierung von eingekauften TV-Serien, die dem Zuschauer bereits über alternative Web-Dienste verfügbar gemacht werden.

Ich habe eher den Eindruck, dass viele Sender dem Web gegenüber noch skeptisch eingestellt sind.
TV-Sender sollten im Web vor allem eine Chance sehen, viel mehr Publikum zu erreichen. Das Ziel sollte sein, den Konsumenten in den Vordergrund zu rücken und sich seinem TV-Verhalten anzupassen. Da gibt es derzeit sicherlich noch viele (urheber-)rechtliche Schranken zu überwinden. Nur die Industrie als Gesamtes kann hier eine Lösung erarbeiten. Derzeit gibt es keine Patentlösung, die alle zufriedenstellt. Es wird noch viel ausprobiert werden müssen.

Gerade Pay-TV-Sender fürchten, dass sie mit den zahlreichen Web-Angeboten und Smart TV Kunden verlieren.
Das verstehe ich. Doch mit entsprechenden Angeboten kann man dieses Problem lösen. Wir von Samsung beispielsweise werden den Bezahlsendern künftig die Möglichkeit bieten, ihre kostenpflichtigen Angebote auf unseren Smart TVs zu vertreiben. Ein entsprechendes Geschäftsmodell wird am TV 2.0 Summit in Zürich präsentiert. Wie gesagt, sollte es darum gehen, die Inhalte auf möglichst vielen Kanälen respektive Geräten anzubieten. Das wäre auch für die lokalen Anbieter in der Schweiz eine Option.

Mit der Web-Konkurrenz könnten die Budgets für die TV-Werbung wegbrechen.
Internetfernsehen wird zwar immer wichtiger, aber das heisst noch lange nicht, dass deshalb die klassische Fernsehwerbung verschwindet. Im Gegenteil: Sie wird noch lange ein lukratives Geschäft bleiben. Dafür schauen einfach noch zu viele Menschen klassisches Fernsehen. Für die meisten der «Fortune»-500-Unternehmen ist TV deshalb immer noch der grösste Werbeposten.

Die TV-Hersteller forcieren Smart TV. Aber beim Kauf bleibt die Bildqualität und Bildschirmgrösse für den Kunden das wichtigste Kriterium. Alles andere spielt für ihn eine untergeordnete Rolle.
Marktforschungsergebnisse zeigen, dass Design, Bildqualität und Diagonale für den Kunden wichtig bleiben. Das zeigt uns gleichzeitig, dass der TV-Kauf eine sehr emotionale Angelegenheit ist, ein Thema für die ganze Familie. Andererseits wurde aber auch festgestellt, dass Smart-TV-Funktionen wie das Zusammenspiel mit anderen Geräten, Catch-up-Fernsehen, Video auf Abruf und Spiele beim TV-Konsumenten stärker an Bedeutung gewinnen.

Wir haben den Eindruck, dass die Hersteller wahllos alles in die Smart TVs stecken: Filme, Video auf Abruf, Skype, Games, Facebook etc. Das überfordert den Konsumenten.
Da bin ich anderer Meinung. Das Konsumentenverhalten in Bezug auf TV ist derzeit im Wandel – zu vergleichen mit der Entwicklung von Smartphones. Die zusätzlichen Funktionen eines Smart TV werden mehr und mehr genutzt. Facebook und Skype sind auf unseren Fernsehern zum Beispiel zwei der meistgenutzten Apps. An der Spitze stehen natürlich Video-Apps wie Youtube. Besonders gefragt sind zudem lokale Inhalte sowie Service-Inhalte, etwa Wetter-Apps.

Welche Apps werden in der Schweiz am meisten genutzt?
Länderübergreifend stehen Youtube und Video-on-Demand-Dienste ganz oben. In der Schweiz gibt es in diesem Bereich bereits Angebote von Acetrax, Hollystar und Swiss TV. Aber auch Schweizer News und Info-Services sind beliebt.

Samsung steckt viel in die Entwicklungsarbeit, damit man den TV mit Gesten und Sprache steuern kann. Das ist doch nur ein weiteres Spielzeug, das sich nicht durchsetzen wird.
Das hängt von der Anwendung ab. Gesten- und Sprachsteuerung eröffnen eine zusätzliche Ebene der Interaktion zwischen Konsument und TV. Anwendungen wie das Spiel «Angry Birds» funktionieren meines Erachtens wesentlich besser durch die Gestensteuerung. Uns ist es einfach wichtig, dass Drittentwickler die Möglichkeit haben, Gesten- und Sprachsteuerung in ihre Apps einzubauen.

Praktisch jeder TV-Hersteller wirbt inzwischen mit Smart TV. Um hier erfolgreich zu sein, geht es letztlich um exklusive Inhalte. Welche Anstrengungen unternimmt Samsung hier?
Wir versuchen, die attraktivsten Inhalte exklusiv auf unsere Plattform zu bringen. Ein gutes Beispiel ist die App Explore 3-D, eine Video-on-Demand-Applikation mit 3-D-Inhalten, die für jeden Nutzer kostenlos ist. Samsung sichert sich hier direkt bei den Rechteinhabern die Lizenzen.

Wie verdienen Sie mit Smart-TV-Inhalten Geld?
Wie bei allen App Stores üblich verdienen wir an jeder App prozentual mit, die auf unserer Plattform Einnahmen generiert. Momentan konzentrieren sich unsere kommerziellen Aktivitäten vor allem auf Video-on-Demand-Apps wie Netflix oder Hulu. Ganz einfach darum, weil sie die grössten Zugriffe auf unserer Plattform generieren.

Durch die Web-TV-Dienste und die damit verbundene Philosophie, alles überall abspielen zu können, wird die Hardware unwichtiger. Das könnte für Samsung und andere TV-Hersteller zum Problem werden.
Das glaube ich nicht. Ich arbeite nun seit 20 Jahren in dieser Industrie, und es hat sich immer wieder bestätigt, dass die TV-Technologie wichtiger war als der Inhalt. Ich bin überzeugt, dass der Fernseher in einigen Jahren ein Hybrid ist – mit der neusten Technik und den durch Smart TV forcierten neuen Web-Vertriebskanälen. Für den Konsumenten wird der Fernseher gerade in den eigenen vier Wänden immer noch im Mittelpunkt stehen, er wird an ihm festhalten – Apps und Tablets hin oder her.

Eines Tages könnte Apple den iTV lancieren. Das könnte für die Smart-TV-Konzepte zur Gefahr werden.
Im Gegenteil. Auswahl ist immer gut – jedenfalls für die Konsumenten. Falls der iTV kommt, bin ich dennoch überzeugt davon, dass wir mit unseren Smart TVs dem Zuschauer ein vielseitiges und leistungsstarkes Angebot bieten können.

Erstellt: 18.10.2012, 12:22 Uhr

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Infobox

Vassilis Seferidis wird am 29. November am TV 2.0 Summit zu Gast sein. An der Tagung wird über das Fernsehen der Zukunft diskutiert.

Seferidis ist Director of Business Development bei Samsung Europa. Er arbeitet seit über 20 Jahren in der Konsumelektronikbranche. Vor Samsung arbeitete er unter anderem bei Toshiba, Philips und bei der British Telecom.

TV-Sender werden sich mehr um exklusive Inhalte kümmern müssen: Vassilis Seferidis. (Bild: Samsung)

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