Der Smart-TV wird endlich smart

Betriebssysteme wie Android machen die Bedienung des internetfähigen Fernsehers einfacher und den Kauf schwieriger – Sony und Co. verlieren die Macht über ihre Geräte

Samsung setzt auf eine Eigenentwicklung: Tizen heisst das  TV-Betriebssystem.

Samsung setzt auf eine Eigenentwicklung: Tizen heisst das TV-Betriebssystem. Bild: Jae C. Hong/Keystone

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Wer sich einen TV kaufen will, trifft die Wahl gewöhnlich anhand von Design und Funktionen. Möglichst schlank soll er vielleicht sein, einen Oled-Monitor haben und 3-D beherrschen. Doch das war gestern. Künftig wird beim Kaufentscheid das Betriebssystem im Vordergrund stehen. Zumindest deutete an der diesjährigen Computer Electronic Show (CES) in Las Vegas Anfang Jahr alles darauf hin.

Noch nie zuvor hatten die Marketingstrategen von Sony, Panasonic und Co. so sehr die in den Fernsehern verwendeten Betriebssysteme in den Fokus gerückt, nicht einmal in den technischen Spezifikationen waren sie bisher ein Thema. Heuer wurden die Operating Systems (OS) schon im Titel der Pressemeldungen angeführt. Diese, so die Botschaft, werden uns in den nächsten Monaten ein nie dagewesenes TV-Erlebnis bescheren, indem sie die Smart TVs, also Fernseher, die am Internet hängen, endlich wirklich smart machen.

Mit smarter Bedienung, wie wir sie vom Smartphone oder Tablet her kennen (Wischen, Zoomen, Tippen, Updaten), hatten die smarten TVs nämlich bisher wenig zu tun. Sie krankten an unübersichtlicher Bedienerführung, langsamen Reaktionszeiten und nervigen Eingabemöglichkeiten, die das Eintippen einer E-Mail-Adresse zur Geduldsprobe machten. Wer je einen Smart-TV benutzt hat, weiss, wovon die Rede ist.

Diese Tatsache spiegelt sich auch in den Nutzerzahlen. Die smarten TV-Funktionen sind kein Renner. In der Schweiz steht zwar in jedem zweiten Haushalt eine internetfähige Glotze (in Deutschland sind es 38 Prozent), aber nur 60 Prozent davon sind tatsächlich mit dem Netz verbunden, so eine europaweite Studie der deutschen Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik vom letzten Sommer. Und nur ­einer von vier Smart-TV-Nutzern (27 Prozent) in Deutschland geht laut einer Untersuchung von Goldbach Audience mit seinem Gerät aktiv online, in der Schweiz dürfte der Anteil nur geringfügig höher liegen. Bisher werden hauptsächlich Apps wie Netflix, You­tube, Mediatheken und Video-on-demand-Apps genutzt.

Android ist die erste Wahl für Sony, Sharp und TP Vision

«Ein TV ist nun mal kein Smartphone und umgekehrt», sagt Thomas Ernst, Marketingchef bei TP Vision, ehemals Philips Schweiz, wenn man nach dem Grund der schlechten Bedienerführung von Smart-TVs fragt. Ein Smartphone sei ideal mit der Hand zu bedienen, der TV hingegen benötige wegen der Distanz eine Fernbedienung, was die Sache schwierig mache. Mit Gesten- und Sprachsteuerung versuche man, die Bedienung zu vereinfachen.

Kommt dazu, dass die Hersteller zwar Meister im Bauen von Fernsehern sind, aber wenig Ahnung von Softwareentwicklung haben. Unter der Oberfläche steckten deshalb bisher abgespeckte ­Linux-Versionen mit einer angepassten Benutzeroberfläche, mit der Konsequenz, dass sich OS und Apps nicht upgraden liessen. Nur logisch, sparen sich die Hersteller jetzt die Entwicklungsarbeit und setzen auf bereits etablierte mobile Betriebssysteme.

Gleich im grossen Stil drängt so das erfolgreichste mobile Betriebssystem Android auch in die Fernsehwelt. Sharp, Sony und TP Vision kündigten an der CES an, künftig ihre Apparate mit ­Android-TV zu betreiben. Google ist es nach dem gescheiterten Versuch mit Google TV also doch noch gelungen, auch in unseren Stuben Fuss zu fassen.

Bei Sony sieht man diese Zusammenarbeit «als logische Entwicklung», weil Android, das schon auf den Sony-Handys läuft, ein nahtloses Zusammenspiel von TV und Smartphone ermögliche. ­Zudem liefert Android auf einen Schlag eine grosse Basis an Entwicklern, Apps und Kunden, auf die die TV-Hersteller zurückgreifen können. «Alle sind sich An­droid gewohnt», sagte Mark White­man, TV-Produkte-Manager Euro­pa, dem Techmagazin «What Hi-Fi» an der CES.

So gut das klingt: Sich mit dem Technologieriesen einzulassen, ist gefährlich. Angst, die Fernbedienung aus der Hand zu geben und zum Hardwarelieferanten degradiert zu werden, kennt man bei Sony indes nicht: «Sony arbeitet sehr eng mit Google zusammen, und jeder respektiert die Werte des anderen», heisst es von offizieller Seite. Ein Wortlaut, der an die ­frühen Statements aus der Partnerschaft von Nokia und Microsoft erinnert. Mittlerweile haben sich die Amerikaner die Finnen ein­verleibt.

LG setzt auf das Palm-System, Panasonic auf Firefox

Andere TV-Hersteller versuchen deshalb, mit eigenen Lösungen unabhängig zu bleiben. Vorreiter LG setzt seit längerem auf das ehemalige Palm-System WebOS, mit Erfolg. Von Kritikern wird ihm das mit Abstand schönste Design und beste Nutzerfreundlichkeit attestiert. Erzrivale Samsung zieht nach und kündigte die ersten smarten Kisten mit hauseigenem Betriebssystem Tizen an. Es basiert auf dem verworfenen offenen Handy-OS Meego und kam bisher erst auf den Samsung-Smartwatches zum Einsatz; dieser Tage lancierten die Südkoreaner das erste Tizen-Handy in Indien. Und Panasonic spannt künftig mit Firefox zusammen.

Ein Standard ist nicht in Sicht. Das macht es den Konsumenten nicht leichter. Im Gegenteil. Zum einen wird man sich mit neuen Kompati­bilitäts­fragen auseinandersetzen müssen, wie wir sie bereits von den Smartphones her kennen. Auf welches Ökosystem will ich mich einlassen? Welche Handys kooperieren mit welchen TV-OS? Auch die verfügbaren Inhalte werden künftig kaufentscheidend sein. Schon heute ist es so, dass sich der, der die Arte-App nutzen will, einen Samsung-TV anschaffen muss.

Zum andern, nicht zu vergessen, werden Internet-TVs ihre Besitzer in- und auswendig kennen. Softwarefirmen wie Google und Samsung werden wissen, was sie wann schauen, wann sie zappen, mit wem sie chatten und was sie ­liken. Kundenbedürfnisse werden zunehmend voraussagbar – das ist bequem, hat aber seinen Preis.

Erstellt: 03.02.2015, 13:21 Uhr

Mensch & Maschine

Dümmer ist klüger

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich schaue daheim mit einem dummen TV fern. Dem acht­jährigen Modell geht die Internetfähigkeit nämlich komplett ab, smart wie eine Bohne. Kein Wunder, lieb­äugle ich immer wieder mal mit so einem Smart TV, der mir bequem und sauber das Internet aufs Sofa bringt. Doch davon waren die bisherigen Modelle weit entfernt. Keinem Hersteller ist es ­gelungen, die Internetanbindung bruchlos in die Fernsehbedienung zu integrieren.

Denn die Gepflogenheiten beim TV-Konsum sind dank Streaming-Diensten im Wandel. Immer weniger Leute schauen klassisches Fernsehen, sondern ­suchen sich ihre Inhalte selbst zusammen: Filme, Musik, Games, Fotos, Apps – ein Umstand, dem Fernsehgeräte künftig gerecht werden müssen.

Dementsprechend ist eine sinnvolle Nutzerführung das A und O: Die gewünschten Internetinhalte ­müssen genauso einfach und rasch erreichbar sein wie der Senderwechsel. Laut Expertenberichten von der Elektronikmesse CES Anfang Jahr sind vor allem LG mit seinem WebOS 2.0 und Samsung Smart-TVs mit dem Betriebssystem Tizen hier auf dem richtigen Weg. In der Schweiz können wir das in ein, zwei Monaten prüfen, wenn die ersten Modelle ­eintreffen.

Bis dahin behelfe ich mich, smart wie ich bin, mit ­Zusatzgeräten. Etwa mit dem HDMI-Stick von ­Gembird (Foto u.). Ausgerüstet mit Android macht er aus ­jeder tumben Glotze ein echt schlaues Gerät – HDMI-Anschluss vorausgesetzt. Einfach einstecken, ans Stromnetz anschliessen, und in wenigen Sekunden zeigt sich die übersichtliche Gembird-Ober­fläche. Als App Store kommt der Play Store von Google zum Einsatz, ein paar Apps sind vorinstalliert. Die Eingabe via Maus ist indes etwas gewöhnungsbedürftig. ­Lieber hätten wir einen Touchscreen, wie ihn ­Googles Chromecast-Dongle bietet, der das ­Handy oder ­Tablet als Fernbedienung einsetzt. An die HDMI-Schnittstelle angesteckt, macht auch er TVs smarter, als sie es ab Werk sind. Und selbst die Spielkonsolen von Sony und Microsoft oder ­Apples ­Settop-Box Apple TV sind Wege, Internet­inhalte am TV zu geniessen, flott und bequem.

Und alle zusammen haben gegenüber den Smart TVs, auch künftigen, erst noch den Vorteil, dass die Software aktuell gehalten werden kann. Kurzum, mir schwant: Ein dummer TV ist klüger. Bis auf weiteres.

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