Des Kindles einzige Konkurrenz

Die deutschsprachigen Buchhändler sind zufrieden mit ihrem E-Book-Reader und stellen dem Tolino Shine einen grossen Bruder namens Vision zur Seite.

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Vor knapp einem Jahr haben sich Buchhändler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengetan, um mit einem eigenen Lesegerät für elektronische Bücher gegen den Amazon Kindle anzutreten. Tolino Shine hat die Erwartungen mehr als erfüllt. «Der Shine ist im deutschsprachigen Raum die einzig relevante Konkurrenz zum Kindle», sagt Martin Fawer. Er ist Leiter von Marketing und Kommunikation bei der Orell Füssli Thalia AG, die den Tolino (nebst Weltbild) hierzulande vertreibt.

Nun ist seit kurzem der Tolino Vision erhältlich. Es handelt sich nicht um den Nachfolger, denn der Shine (129 Franken) bleibt weiterhin im Sortiment. Der Vision ist mit 156 Franken etwas teurer, dafür bei gleicher Displaygrösse etwas kompakter und leichter gebaut und 1,6 Millimeter dünner. Er hat ein etwas besseres Touch-Display (kapazitiv statt infrarot), doppelt so viel Arbeitsspeicher und einen etwas schnelleren Prozessor und verwendet die neueste Generation der E-Ink-Displaytechnologie namens «Carta». Der augenfälligste Unterschied ist allerdings, dass um das Display kein erhabener Rand läuft, sondern die Vorderseite komplett plan ist. Das sieht nicht nur besser aus, sondern fühlt sich auch angenehmer an.

Schneller blättern

Beide Geräte haben eine eingebaute, bei Bedarf zuschaltbare Hintergrundbeleuchtung, die beim Lesen in dunklen Räumen die Leselampe erspart. Sie ist über die Einstellungen dimmbar. Auffallend ist, dass der Shine eine kühlere Hintergrundbeleuchtung hat, die leicht ins Bläuliche tendiert. Ob man das mag oder dem etwas wärmeren Licht des Vision den Vorzug gibt, ist Geschmackssache – persönlich ist mir der Vision diesbezüglich lieber. Beim Umblättern reagiert der Vision, wie man das von dem etwas teureren Modell auch erwarten darf, deutlich schneller. Die Bedienelemente erscheinen nach dem Antippen mit deutlich kürzerer Verzögerung auf dem Display und auch beim Navigieren zwischen den Kapiteln gibt es weniger Wartezeit.

Manche Testberichte kritisieren das Ghosting. Das sind Geisterbilder, die beim Umblättern entstehen, indem der Inhalt der vorherigen Seite noch ganz leicht erkennbar bleibt. Dieser Effekt ist den Eigenheiten des elektronischen Papiers geschuldet. Für eine komplette Löschung des Papiers wechselt die Anzeige kurz zwischen einer komplett schwarzen und einer komplett weissen Seite. Da das vergleichsweise viel Energie braucht, wird dieser vollständige «Screen Refresh» erst nach einer bestimmten Anzahl Seiten durchgeführt. In den Einstellungen kann dieses Intervall bei «Bildschirmauffrischung» aber verkürzt werden, was allfällige Lesbarkeitsprobleme vermeiden sollte.

Offener als andere

Die Inbetriebnahme des Geräts wäre grundsätzlich einfach. Nach der Wahl des Landes verbindet man mit dem WLAN und loggt sich danach mit seinem Thalia-Benutzerkonto ein. Über dieses Konto können Bücher auch hoch- und heruntergeladen werden, sodass der Austausch von Büchern zwischen einzelnen Geräten auch via Cloud erfolgen kann. Alternativ ist eine Synchronisation auch per USB über den Computer möglich. Dazu dient am PC die Digital-Editions-Software von Adobe. Über sie gelangen auch Bücher aus fremden Stores aufs Lesegerät, selbst wenn sie kopiergeschützt sind. Diese Offenheit ist denn auch der grösste Vorteil gegenüber dem Amazon Kindle, wie Christoph Bläsi in einem Interview zur Interoperabilität bei den elektronischen Büchern ausführte. Bläsi ist Professor für Buchwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und hat eine Studie zur Interoperabilität bei den elektronischen Büchern mitverfasst.

Eine Neuerung des Vision besteht darin, dass in den Einstellungen bei «Meine Konten und Cloud» nun auch die «Bibliotheks-Verknüpfung» geändert werden kann. Das bedeutet, dass nicht nur der Store des Buchhändlers genutzt werden kann, bei dem man das Lesegerät erworben hat. Man kann auch die Stores der anderen Anbieter aktivieren, namentlich Weltbild, Hugendubel, Buch.ch und Buch.de.

WLAN-Querelen

Bei unserem Test war die Einrichtung des drahtlosen Internets nicht ganz schmerzfrei. Erst weigerte sich der Tolino Vision, mit dem EAP-geschützten WLAN-Netz der Tamedia Verbindung aufzunehmen, und dann gab es durch die Eingabe eines falschen Passworts eine Endlosschleife zwischen Anmeldeversuch und Abbruch, der sich nur mit einem «Reset» des Geräts beheben liess. Da gibt es bei der Software, einer Variante von Android, noch Verbesserungspotenzial.

Die Unterschiede zwischen den beiden Tolino-Modellen sind längst nicht so gross, dass man einen vorhandenen Shine durch den neuen Vision ersetzen müsste. Wenn eine Erstanschaffung ansteht, dann spricht das deutlich schnellere Blättern für das neuere Modell, den Tolino Vision. Unter dem Strich kann das Lesegerät der deutschsprachigen Buchhändler mit dem grossen Dominator, dem Amazon Kindle, durchaus mithalten. Das Einkaufserlebnis ist beim Kindle zwar nach wie vor komfortabler – aber das ehrliche Bemühen um Offenheit und die Verankerung im hiesigen Buchmarkt sprechen für den Tolino.

Erstellt: 30.04.2014, 18:50 Uhr

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