Hintergrund

«Die Google-Rutschbahnen sind ein absolutes Tabu»

Shops für die «Terminator»-Brille: Nach Microsoft und Apple eröffnet Google eigene Läden. Der Schweizer Marketing-Experte Cary Steinmann sieht Chancen – wenn der IT-Riese die kindische Attitüde fallen lässt.

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Am Black Friday 2012 ging Google auf die Strasse: Am Tag nach Thanksgiving wird in den USA die Weihnachtssaison eingeläutet – eine Goldgrube für die Händler, welche an diesem Novemberfreitag die höchsten Umsätze verbuchen. Gerne hätte der Suchmaschinenkonzern wahrscheinlich darauf verzichtet, seinen Kunden in improvisierten Strassenständen Chrome-Notebooks andrehen zu müssen.

Nun – das muss er künftig wohl auch nicht mehr: Einem amerikanischen Medienbericht zufolge wird Google noch dieses Jahr eigene Retail Stores eröffnen. Laut 9to5google.com hat primär die Entwicklung des als «Next Big Thing» gehandelten Produkts namens Google Glass den Ausschlag für diese Entscheidung gegeben. In der Tat macht es wenig Sinn, ein 500 bis 1000 Franken teures Gadget verkaufen zu wollen, wenn die Kunden dieses zuvor nicht in einem Laden ausprobieren können. Auch Chromebooks, Nexus-Tablets und Nexus-Smartphones sollen dem gewöhnlich gut informierten Blog zufolge in solchen Shops Käufer finden – bis auf weiteres indes nur in den USA.

Auf den Spuren von Apple?

Google wäre nach Apple und Microsoft der dritte grosse Player im Markt, der auf ein physisches Shopkonzept setzt. Überraschend ist der Schritt nicht, wenn man sieht, welche Renditen der iPhone-Hersteller mit seinen weltweit 400 Shops macht. Allein in Zürich beträgt der Jahresumsatz laut der Immobilienberatung Location Group 100 Millionen Franken, im Flagship Store an der 5th Avenue in New York sind es sogar 400 Millionen Franken.

«Der Erfolg der Apple Stores ist gigantisch. Aber das ist kein Zufall: Die Läden sind rein architektonisch mit der offenen Glasfront schon äusserst einladend», erklärt Cary Steinmann, Professor für Marketing an der ZHAW SML (School of Management and Law) in Winterthur. Auch die Bedienung sei sensationell. «Hier muss niemand warten. Gewöhnungsbedürftig ist höchstens das Duzen: Es geht nicht an, dass ein Grossvater begrüsst wird mit ‹Hey, wie kann ich dir helfen?›.»

Jobs' Liebe zum Detail

Steve Jobs, sagt Steinmann, habe bei der Einrichtung der Apple Stores kein Detail dem Zufall überlassen – zum Beispiel seien alle Böden in Apple Stores aus dem Sandstein Pietra Serena gefertigt. «Jobs beschloss dies 2002 auf einer Reise nach Florenz. Aus Kostengründen wurde zwar ein Zementfussboden vorgeschlagen, doch der Apple-Chef wollte genau den Stein, auf dem man in Florenz seit Jahrhunderten über die Trottoirs läuft.» Nur dank der Liebe zum Detail sei es möglich geworden, dass sich der Apple Store an der 5th Avenue zur fünftmeistfotografierten Sehenswürdigkeit in New York entwickelt habe.

Der Schritt in Richtung physische Google-Läden macht laut Steinmann Sinn, denn im Gegensatz zu Microsoft habe Google mit seinen «Tablets und Smartphones in den letzten Jahren durchaus einen Lifestyle entwickelt».

Bitte keine Rutschbahnen

Bedeutet dies, dass Google einfach Apples Ladenkonzept kopieren wird? Dies wäre ein grosser Fehler, so Steinmann. «Ich denke aber auch nicht, dass sich die Google-Führung zu einem solchen Schritt verleiten lässt. Die Läden werden sicher etwas verspielter, farbiger. Allerdings dürfen sie nicht allzu kindisch daherkommen. Deshalb sind zum Beispiel die in Google-Büros überall zu findenden Rutschbahnen ein absolutes Tabu. Wenn Google das richtig angeht, werden die Google Shops einschlagen wie eine Bombe.»

Erstellt: 18.02.2013, 13:01 Uhr

«Wenn Google das richtig angeht, werden die Google Shops einschlagen wie eine Bombe»: Cary Steinmann, Dozent für Marketing an der ZHAW SML (School of Management and Law) in Winterthur.

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