Die Stereoanlage ist gerettet

Googles Chromecast macht bereits in die Jahre gekommene Fernseher fit für die Zukunft. Nun will der Konzern das mit der Stereoanlage wiederholen.

Etwa so gross wie ein Guetsli: Der Chromecast Audio. Foto: Bloomberg

Etwa so gross wie ein Guetsli: Der Chromecast Audio. Foto: Bloomberg

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Als die Schwiegereltern vor drei Jahren Spotify und damit die beinahe unerschöpfliche Musiksammlung zum ersten mal sahen, waren sie begeistert. Weniger begeistert waren sie, als sie merkten, dass sie die Musik nur noch auf Laptop, Tablet oder Smartphone hören konnten. Ein zusätzlicher Lautsprecher speziell für Spotify oder ein Kabel zur Stereoanlage war keine Lösung.

Die Lösung war schliesslich eine kleine schwarze Box namens Terratec Air Beats HD, für rund 70 Franken. Da das Kästchen in der Schweiz nicht erhältlich war, brachten wir es aus den Ferien in Deutschland mit. Auch bei der Installation war der Schwiegersohn gefragt. Denn ohne ein gewisses Verständnis für IP-Adressen und Netzwerkinfrastruktur war man aufgeschmissen. Aber seither läuft das Gerät mehr oder weniger tadellos. Allerdings kann man es nur mit ­Apple-Geräten via Airplay nutzen, denn Spotify bietet selbst auf Android den DLNA-Standard nicht an.

Sogar mit dem iPhone

Vor einem Monat nun hat Google seine Lösung für dieses Problem vorgestellt. Der Chromecast Audio (39 Franken) soll auch in die Jahre gekommene Stereoanlagen fit für die Zukunft machen. Ähnliches hat der Konzern bereits beim Fernseher vorgemacht. Der 2013 vorgestellte Chromecast macht aus alten Fernsehern Smart-TVs, auf die man per Smartphone-App Filme, Serien und Sendungen schicken kann. Inzwischen unterstützen zahlreiche Dienste und Fernsehsender mit ihren Apps den Google-Standard – und das auch bei iPhone-Apps.

Die Idee hinter dem neuen Chromecast Audio ist dieselbe. Man verbindet das etwa Guetsli-grosse Gerät über einen Klinkenstecker mit der Stereoanlage und über einen USB-Stecker mit dem Stromnetz. Hat die Stereoanlage einen eigenen USB-Eingang, kann der Chromecast den Strom gleich von dort beziehen.

Gespannt sein durfte man vorab, wie einfach die Installation sein würde. Anders als der Video-Chromecast kann der Audio-Chromecast keine Anleitung auf einem TV-Bildschirm anzeigen. Eine Audio-Anleitung wäre zwar möglich, aber wohl wenig komfortabel. Stattdessen wird der Chromecast über die entsprechende App eingerichtet. Dabei spielt es keine Rolle, ob man das per Android- oder Apple-Gerät macht. Man öffnet die App und wird Schritt für Schritt durch die Installation geführt. Das dauert nicht lang. Man muss nur das Passwort des heimischen WLAN angeben und auf Wunsch dem Chromecast einen Namen geben, damit man ihn im Netz schneller findet. Nötig ist das aber nicht. Bevor man loslegt, empfehlen sich aber noch zwei kleine Änderungen in den Einstellungen:

  • Auf der eigenen Stereoanlage klang der Ton anfangs unangenehm dumpf. In den Einstellungen der Chromecast-App gibt es unter der Rubrik Töne die Option «High Dynamic Range». Google empfiehlt, die zu aktivieren, wenn man den Chromecast an ein Hi-Fi-System angehängt hat. Und siehe da, kaum war das Häkchen gesetzt, klang es in der Stube, wie es sollte.

  • Auch die zweite Empfehlung findet sich in der Rubrik Töne. Anfangs erklang jedes Mal, wenn man die Lautstärke höher oder tiefer stellte, ein feines Piepen. Als würde man nicht selber merken, dass die Musik lauter oder leiser wird. Warum Google diese Funktion standardmässig aktiviert, bleibt das Geheimnis des Suchkonzerns. In den Einstellungen kann man das aber unter «Wiedergabetöne» deaktivieren, und fortan stört kein Piepsen mehr den Musikgenuss.

Läuft auch ohne App

Ist der Chromecast eingerichtet, funktioniert er, wie man sich das vorstellt. Möchte man ein Album via Spotify oder einen Radiosender via Tunein hören, öffnet man die App auf seinem Handy, klickt in der App den Chromecast als Wiedergabegerät an, und schon erklingt die Musik aus der alten Anlage.

Besonders praktisch: Man kann die App auch wieder schliessen oder das Handy herunterfahren, da der Chromecast die Musik direkt aus dem Internet und nicht wie bei Apples Airplay vom Gerät bezieht. Leider unterstützen noch nicht alle Musikdienste den Google-Standard – allen voran Apple Music. Aber wie beim Video-Chromecast muss man den Entwicklern Zeit lassen. Wirklich gut wurde der erste Streamingstick des Suchkonzerns auch erst nach etwa einem Jahr, als auch im deutschsprachigen Raum erste Medienhäuser auf­sprangen.

Fazit: Günstiger und komfortabler kann man seine Stereoanlage nicht smart machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 17:43 Uhr

Alternativen

So wird bei anderen Anbietern gestreamt

Apples Airplay: Mit Airplay war Apple einer der Wegbereiter der drahtlosen Übertragung von Ton (und später Video) über WLAN. Vorgestellt wurde der Standard 2004 unter dem Namen Air Tunes. Auf seinen eigenen Geräten hat Apple die Funktion im Betriebssystem eingebaut. Ohne komplizierte Menüs kann man so Musik aus jeder App heraus an kompatible Lautsprecher senden. Der Nachteil: Es klappt nur mit Apple-Geräten und: Schliesst man die App, geht die Musik aus.

Multiroom-Systeme: Was Apple für einfaches drahtloses Übertragen von Musik ist, ist Sonos für komplexere Soundsysteme, die mehrere Lautsprecher in verschiedenen Räumen kombinieren. Damit das funktioniert, braucht man mehrere Sonos-Lautsprecher und die Sonos-App. Über diese App steuert man seine Musikanlage und versorgt sie mit Musik. Da man auf diese App angewiesen ist, harmoniert der Dienst nicht mit allen Musikanbietern gleich gut. Andere Hersteller wie Samsung bieten inzwischen ähnliche Systeme an. Auch dort ist die App das Nadelöhr, was Musikdienste angeht. Für Googles Chromecast Audio ist noch für dieses Jahr ebenfalls eine Multiroom-Funktion angekündigt.

Spotify Connect: Der Musikstreamingdienst nutzt nicht nur Airplay und den Chromecast. Zusätzlich gibt es den eigenen Standard Spotify Connect. Damit werden nicht nur spezielle Lautsprecher, sondern alle mit Spotify verbundenen Geräte zum Funklautsprecher. So kann man etwa vom Handy aus Musik auf dem Tablet abspielen. Die Funktion findet man unten in der App unter «Verfügbare Geräte».

DLNA und andere Standards: Die 2003 von Sony und Intel gegründete DLNA (Digital Living Network Alliance) wollte mit Zertifikaten und Labels zum Standard für vernetzte Multimedia-Geräte werden. Trotz gewichtiger Partner wie Microsoft oder Samsung wurde die Technologie einem breiteren Publikum kein Begriff. Ähnlich wie andere Standards, etwa UPnP (Universal Plug and Play) oder Miracast, scheiterte die DLNA an komplizierter Bedienung und technischen Einschränkungen.

Bluetooth: Während die anderen Standards auf WLAN setzen, kommt bei Bluetooth die ebenso benannte Funktechnik zum Einsatz. Gerade bei mobilen Geräten wie Kopfhörern oder Minilautsprechern – wie etwa den UE-Boom-Geräten von Logitech – hat das den Vorteile, dass es Strom spart und ohne ein WLAN-Netz auskommt. Audiophile Zeitgenossen beklagen sich vielleicht über die Audioqualität. Im Alltag fällt das aber kaum auf. (zei)

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