Die Wolke könnte einfach weiterziehen

Um Apples Cloud-Dienste ist ein Hype entstanden - obwohl der iPhone-Hersteller nur Nachzügler ist. Das grösste Problem aber: Es genügt nicht mehr, Privacy-Verletzungen via Update aus der Welt schaffen zu wollen.

Könnte Apple eine halbe Milliarde Dollar kosten: Das Rechenzentrum in Maiden im US-Bundesstaat North Carolina ist quasi die Heimat der iCloud und weist ein grosses Missbrauchspotential auf.

Könnte Apple eine halbe Milliarde Dollar kosten: Das Rechenzentrum in Maiden im US-Bundesstaat North Carolina ist quasi die Heimat der iCloud und weist ein grosses Missbrauchspotential auf. Bild: Reuters

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Das muss man Steve Jobs lassen: Er kann Firmeninnovationen als revolutionäre Neuerung verkaufen, selbst wenn die Konkurrenz ähnliche Dienste bereits seit Monaten oder Jahren offeriert. So geschehen etwa bei der Vorstellung der MMS-Funktion, die erst vor zwei Jahren mit der Software iOS 3.0 auf das iPhone kam. Das angegraute Feature wurde damals von den Apple-Jüngern beinahe orgiastisch gefeiert, während Konkurrenten wie Nokia oder Motorola und deren Kunden nicht einmal ein müdes Lächeln übrig hatten.

Auch am Montag, bei der Eröffnung der Entwicklerkonferenz WWDC, war nicht alles neu und schon gar nicht revolutionär, was Apple der Weltöffentlichkeit zeigte.

  • Die iCloud: Wolkendienste bieten Amazon und Google seit längerem an.
  • Die Synchronisation via Funk: Standard bei vielen Konkurrenten.
  • Das neue Push-Benachrichtigungssystem in iOS-5-Geräten: von Google respektive Android-Handys abgekupfert.

«Alles Revolutionäre kommt aus Cupertino»

Apple-Aficionados werden entgegnen: «Vielleicht ist nicht alles neu, aber trotzdem verändert sich der Markt total, wie das Beispiel iPod zeigt, der nicht als erster MP3-Player auf den Markt kam». Sie haben Recht. Zumindest in diesem Fall. Indes dürfte es gerade beim Fall iCloud trügerisch sein, sich auf den Apple-Lehrsatz «Alles Revolutionäre kommt aus Cupertino» zu verlassen. Denn: Warum soll Apple das Cloud Computing erfolgreicher betreiben als die Konkurrenz? Und warum sollen Private plötzlich die seit Jahren diskutierte Cloud lieben lernen, wenn sich sogar Grosskonzerne, die am meisten vom «Computer in der Wolke» profitieren könnten, aus Sicherheitsgründen damit schwertun?

iTunes bestimmt das Schicksal der iCloud

Im Musikbereich - iTunes in der Cloud - spricht tatsächlich einiges für den Durchbruch: Apple hat bereits 225 Millionen Kreditkartendaten von Menschen, die ein iTunes-Konto haben und total 15 Milliarden Lieder heruntergeladen haben. Wenn iCloud ein Erfolg wird, dann wegen der Neuerfindung von iTunes als Musikdienst in den Wolken.

Ob die Nutzer allerdings andere Privatdateien in die Hände von Serverfarmen irgendwo in Übersee lagern? Steve Jobs zweifelt keine Sekunde. Er sagt: «iCloud hält alle wichtigen Informationen und Inhalte auf allen Geräten eines Anwenders auf dem aktuellsten Stand. Das alles passiert automatisch und man muss keinen Gedanken daran verschwenden. Es funktioniert einfach.»

Riesiges Missbrauchspotenzial

Zweifellos werden Millionen Apple-Kunden «keinen Gedanken daran verschwenden», was da eigentlich passiert, aber was ist mit jenen, welche die Tore zum Apfel-Universum bislang nicht durchschritten haben? Was mit den verunsicherten Apple-Kunden, die sich bereits über die Sammlung der Ortsdaten über die mobilen Geräte den Kopf zerbrochen haben, weil sie nicht wissen, ob es sich dabei wirklich nur um einen Programmierfehler gehandelt hat?

Im Vergleich zum Missbrauchspotential der 500-Millionen-Dollar-Serveranlage in North Carolina, das mit seinem 12 Petabyte-Speicher der iCloud ein Gesicht gibt, schrumpfen die bisherigen Datenschutzverstösse des Apfel-Konzerns bildlich gesprochen auf Kilobytegrösse.

Ein Gratis-Update genügt künftig nicht mehr

Apple hat im Frühjahr nach Kritik von Nutzern, Medien und Datenschützern das Problem der Datensammlung mit einem Gratis-Update beseitigt. Skandale um das Milliardenprojekt iCloud darf sich der iPhone-Konzern nicht leisten - ein iPhone oder ein iPad gibt man nicht einfach auf, wenn es Probleme gibt. Die Wolke aber kann man bei Missständen ganz einfach weiterziehen lassen.

Erstellt: 07.06.2011, 14:58 Uhr

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Ein Kommentar von Reto Knobel, Leiter Digital bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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