Interview

Die Zukunft des Fernsehens

Wie das Internet den TV-Konsum verändert, wovor sich Fernsehanstalten fürchten müssen und warum derzeit wieder mal alle auf Apple schauen. Das Interview mit dem deutschen TV-Experten Marcel Gonska.

Konsument will Tempo bestimmen: TV-Konsum.

Konsument will Tempo bestimmen: TV-Konsum. Bild: Keystone

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Herr Gonska, in den Fernseher wird immer mehr Technik gepackt. Man kann mittlerweile auch surfen, Youtube-Videos abrufen und Filme abonnieren. Sind das die Vorboten der neuen TV-Zukunft?
Wir haben es mit einer kompletten Umstrukturierung der klassischen Inhalte-Verteilung zu tun. Das Internet verändert das Konsumverhalten der Zuschauer, vor allem der jüngeren Generation. Der Zuschauer ist seit Wikipedia, Facebook oder Youtube gewohnt, Informationen sofort zu erhalten. Das wird auch bei Film und Fernsehen künftig so sein.

Nicht der Sender schreibt mir vor, was ich wann gucken darf (muss), sondern ich kann bestimmen, was ich wann gucken will.
Genau. Wir müssen nur die Technologien so einfach benutzbar machen, dass der Kunde sie auch wirklich brauchen kann. Auch das Thema Internetbandbreite ist noch in diversen Regionen ein Problem – doch das wird sich legen.

Apple wird wahrscheinlich noch dieses Jahr, spätestens aber 2012, mit einem eigenen Fernseher auf den TV-Markt drängen. Was könnte dies für den TV-Markt bedeuten?
Sicherlich würde das Produkt in einigen Punkten absolut innovativ sein und möglicherweise andere TV-Hersteller dazu bewegen, einem neuen Trend zu folgen. Die Trends, die Apple bisher gesetzt hat, waren ja auch häufig benutzerfreundlich. Die Hersteller sollen mehr an den Nutzer als nur an die Technik denken.

Der Apple-Fernseher könnte zur viel beschworenen Konvergenz führen. Woran ist die Verschmelzung von Internet und Fernsehen im Wohnzimmer bisher gescheitert?
Zum Beispiel an der Technik: Es braucht für solche Services eine ausreichende Bandbreite, die leider noch nicht überall zur Verfügung steht. Dann sind einige Technologien auch zu komplex, um sich durchsetzen. Kunden wollen keinen PC im Wohnzimmer, sondern Lösungen, um Unterhaltung so einfach wie möglich zu konsumieren. Ein weiteres Problem sind die Anbieter von Inhalten.

Konkret?
Das Internet ist für sie nicht nur Segen, sondern auch Fluch, vor allem mit Blick auf die Raubkopiererei. Viele Studios befürchten, dass ihr Inhalt nicht entsprechend gesichert ist oder aber andere Geld mit einem Produkt verdienen, wofür die Studios einst die Produktionskosten gezahlt haben.

Aber Video-on-Demand wollen alle Studios...
...doch es muss für sie hieb- und stichfest sein. Dazu kommen unterschiedliche Verleih- und Nutzungsrechte von Content weltweit – was in Nordamerika schon längst auf Hulu (ein beliebtes Webportal) läuft, darf beispielsweise in Deutschland nur ein exklusiver Sender ausstrahlen. All diese Probleme müssen zusammen mit einer anwendbaren Technik verknüpft werden – und das braucht seine Zeit.

Der Fokus auf Internetoptionen könnte die Stellung der klassischen Fernsehanstalten gefährden, die bisher auf dem TV-Bildschirm das Inhaltsmonopol für sich beanspruchten.
Absolut. Daher kann man bei den Sendeanstalten schon jetzt den Trend beobachten, Schritt für Schritt mehr Inhalt über das Web anzubieten – bereits ausgestrahlte Sendungen können beispielsweise noch einige Tage danach kostenfrei im Webportal des Senders angesehen werden. Wer jetzt nicht anfängt, diese Art von Broadcasting vorzubereiten, der könnte schon bald ein Konkurrenzproblem haben.

Wird der Fernseher dereinst verschiedene Geräte im Wohnzimmer vereinen und damit zum Beispiel den Computer überflüssig machen?
Der Computer wird durch die Evolution der Smartphones, Tablets, Netbooks und Notebooks ohnehin wieder mehr Gerät für die Office-Lösung oder die Arbeitsstation für bestimmte Einsätze (Produktion Audio/Video, Gaming, CAD, etc.). Für das Entertainment sorgen mittlerweile die zuerst genannten Geräte. Viel wichtiger: Die Kommunikation zwischen Smartphone respektive Tablet und TV muss verbessert und alles viel nutzerfreundlicher werden. Woher der Inhalt am Ende kommt, ist zweitrangig. Der Zuschauer von morgen sagt nur: Ich will jetzt «Iron Man 2» gucken – woher der Datenstrom kommt, merkt er im Idealfall gar nicht.

Wird in Zukunft in unserem Wohnzimmer nur noch der TV-Bildschirm stehen?
Nicht zwingend. Wer einen ordentlichen Sound im Wohnzimmer haben möchte, wird mit externen Lautsprechern und Verstärkerelektronik arbeiten. Auch das Thema Heimkino bleibt spannend. Doch wer möchte, kann auch nur einen hochwertigen Bildschirm ins Wohnzimmer hängen. Dieser wird dann per iPhone-Remote über WLAN gesteuert. Die Soundbar erzeugt einen guten Ton, der Inhalt kommt per Stream aus dem Netzwerk und wird direkt auf dem TV wiedergegeben – der PC steht irgendwo im Keller, wo er keinen stört.

Sie reisen oft in Werke von japanischen TV-Herstellern. Was ist dem japanischen TV-Konsumenten wichtig? Worin unterscheidet er sich von Europäern?
Die Japaner sind absolute Technikfans. Je mehr Hightech in einem kleinen Produkt steckt, desto besser. Daher auch der Trend der asiatischen Firmen, immer neue Technologien zu entwickeln und weiterzugehen – wo noch keiner war.

Häufig ist die sehr technische Denkweise beim Programmieren der Bedienoberfläche eines Produktes noch immer zu komplex...
...genau das ist der Grund, weshalb das iPhone mittlerweile das beliebteste Smartphone in Japan ist. Es mag nicht immer alle Features an Bord haben, aber ich kann es bedienen. Und das sogar so gut, dass ich ohne gar nicht mehr leben wollte. Das ist perfekte Technik. Wenn wir es schaffen, TV-Geräte zu entwickeln, die ebenso einen «Haben-wollen-Effekt» auslösen, dann haben wir den Job richtig gemacht.

Erstellt: 24.06.2011, 12:57 Uhr

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Marcel Gonska

TV-Experte Marcel Gonska ist Geschäftsführer der White Light Consultations (WLC) in Rösrath bei Köln. Das Unternehmen hat sich die Beratung von Industrie und Handel zu Produkten audiovisueller Kommunikation zur Aufgabe gemacht. Die WLC GmbH arbeitet mit ihrem eigenen Testlabor. Gonska besucht regelmässig Werke von japanischen TV-Herstellern.

«Der Zuschauer will Inhalte sofort abrufen»: TV-Experte Marcel Gonska.

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