Die grosse Freiheit

Dank Digitalfernsehen ist jeder sein eigener Programmchef – wenn er sich im Technikdschungel zurechtfindet.

Mit dem Ende des analogen Fernsehens werden Röhrenfernseher zu musealen Stücken. Foto: Quan Long (Getty Images)

Mit dem Ende des analogen Fernsehens werden Röhrenfernseher zu musealen Stücken. Foto: Quan Long (Getty Images)

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Das Zeitalter des analogen Fernsehens geht nun endgültig zu Ende. Die UPC-Cablecom schaltet die verbliebenen herkömmlich verbreiteten Programme schrittweise ab. Das digitale Fernsehzeitalter verspricht bessere Qualität und mehr Autonomie des Konsumenten: eine breitere Palette an Inhalten, Unabhängigkeit von Ausstrahlungszeiten und mehr Freiheit bei der Wahl der Anbieter.

Anderseits ist die digitale Fernseh­landschaft ein ziemlicher Dschungel. Wie man seinen audiovisuellen Bedarf am besten (und günstigsten) stillt, hängt sehr von den Interessen ab. Und davon, wie sehr man sich technologisch auf die Äste hinauswagen will.

Immerhin: Es gibt heute selbst im Einsteigerbereich Fernseher, die sich auf DVB-C verstehen. Das ist der Standard für das digitale Fernsehen im Kabelnetz. Sie empfangen die unverschlüsselten Programme in HD direkt, also ohne Settopbox und ohne Digicard. Viele Geräte bieten eine Aufnahmemöglichkeit auf externe USB-Festplatten. Ein Nachteil mancher Fernseher gegenüber einer Settopbox mit Recorder-Fähigkeit ist, dass nur ein Empfänger verbaut ist. Das verunmöglicht gleichzeitiges Aufnehmen und Live-Fernsehen. Wer damit zufrieden ist, kann sich das Hantieren mit Fernsehboxen, Streaming-Sticks und ähnlicher Peripherie sparen.

Die Smart-TVs sind inzwischen auch im mittleren und sogar im niedrigen Preissegment zu finden. Smart bedeutet einerseits die Möglichkeit eines Anschlusses ans Internet, anderseits die Erweiterbarkeit durch Apps. Welche Apps zur Verfügung stehen, hängt von Hersteller und Modell ab. Zum App-Angebot gehören bekannte Videoplattformen wie Youtube und Vimeo. Auch die weit verbreiteten Film- und Serien-Streaming-Dienste von Netflix und Amazon sind vertreten. Oft gibt es via App Zugriff auf die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Android als TV-Plattform

In der Praxis bleiben die smarten Funktionen der Smart-TVs oft ungenutzt, da die Bedienoberflächen schwer zu steuern sind und keine Updates erfahren. Auch da zeichnet sich langsam Besserung ab: Android TV ist die von Google entwickelte Software, welche den Zugriff auf den reich bestückten Play Store ermöglicht und einen Standard etabliert. Geräte mit Android TV sind unter anderem von Sharp, Phillips und Sony angekündigt oder bereits erhältlich.

Für spezifische Anwendungsfälle und ältere Geräte bietet sich eine Medienbox oder ein TV-Stick an. Sie erweitern den Horizont des Geräts um Aufzeichnung, Streaming und Spielmöglichkeiten. Zudem vereinfachen sie die Wiedergabe eigener Inhalte.


Der Livezuschauer

Die Domäne des klassischen TV

Wer sich ein Leben ohne Live-Sportfernsehen nicht vorstellen kann, kommt am klassischen Fernsehen noch nicht vorbei. Liebhaber von Sportübertragungen und anderen Mega-Events sind hier am besten aufgehoben, zumal sie zunehmend nicht vor der Glotze hocken müssen, sondern auf Tablets & Co. schauen können. Dabei haben in der Schweiz lebende Live-Sport-Fans Glück: Im Vergleich zum Ausland werden viele Schweizer Sportveranstaltungen, Eishockey- und Fussballspiele der Top-Ligen via SRG kostenlos ausgestrahlt. Jedes der 180 Super-League-Fussballspiele gibt es exklusiv im Bezahl-Abo bei Teleclub, wer internationale Fussballspiele, Formel-1-Rennen und grosse Tennis- und Golfturniere in Echtzeit sehen will, kann sich das Vergnügen bei Swisscom, UPC Cablecom oder Teleclub kaufen.

Demnächst werden die TV-Rechte für die Übertragungen der Spiele der Super League indes neu vergeben. Es ist damit zu rechnen, dass man künftig im Internet mehr Liveübertragungen schauen kann, auf Portalen von Medienhäusern und Mobilfunkanbietern. Bereits heute gibt es die Möglichkeit, auf LiveTV.sx oder Firstrowsport.eu gratis Live-Video-Übertragungen von Sportereignissen wie der Uefa Champions League zu verfolgen. Auch Anbieter von Sportwetten im Internet wie etwa Bet365.com oder Bwin.com streamen rund um die Uhr Sport aus aller Welt, nebst Fussball auch Tennis oder Basketball. Kostenpunkt: ein Depot von einmalig 10 Euro. (luc)


Der Serienjunkie

Folge für Folge neues Futter

Der Boom im Seriengenre und der Aufstieg von Internet-TV hängen zusammen. Serien jederzeit und im eigenen Rhythmus zu sehen, war stets der Vorteil von Onlinevideo, gleichzeitig sorgte die Befreiung vom linearen Fernsehen erst für die aktuelle Serienexplosion.

Für Serienjunkies ist Internet-TV in jedem Fall ein Gewinn. Dabei gilt es aber zu unterscheiden: Wer vor allem Serienfutter in grosser Menge und zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis sucht, ist am besten mit einer Streaming-Flatrate beraten. My Prime für Cablecom-Nutzer, Teleclub Play, Teleboy Plus oder Netflix bieten für einen überschaubaren Preis Serien «à discrétion». My Prime ist über eine Horizon-Box auf den Fernseher zu bekommen, Teleclub Play via Swisscom-TV, während Chromecast, Nexus Player oder Apple TV Teleboy und Netflix auf die Mattscheibe bringen. Gleichzeitig laufen alle Angebot auf mobilen Geräten. Für das Gros aller Serienfans sind Flatrates eine komfortable Lösung – mit der Einschränkung, dass viele Produktionen erst mit einer gewissen Verzögerung verfügbar sind, zum Beispiel ein Jahr nach der Erstausstrahlung.

Wer die aktuellsten Folgen seiner Lieblingsserie möglichst schnell sehen will, müsste auf Video-on-Demand zurückgreifen. Allerdings: Hier ist die Schweiz nach wie vor schlechtergestellt als die Nachbarländer, wo sich aktuelle Serien via iTunes und Amazon Instant Video digital kaufen lassen. Diese Angebote fehlen hierzulande noch. (jro)


Der Sammler

Von der Festplatte auf den Schirm

Eine Zukunftsvision des vergangenen Jahrzehnts hat sich nicht durchsetzen können: Der Mediacenter-Rechner hat in Schweizer Stuben nie Einzug gehalten. Mit dieser Streaming-Hardware haben sich zwar vielseitige, einfacher zu bedienende Alternativen durchgesetzt, doch Filmhorter, die ihre Mediathek in mühsamer Kleinarbeit gepflegt haben, werden mit keinem der Geräte ganz glücklich. Wer seine DVDs gerippt und als Dateisammlung archiviert oder selbstgedrehte Heimvideos in Ordnern abgelegt hat, findet bei der auf Streaming spezialisierten Hardware keine perfekte Lösung – zu sehr sind die Hersteller darauf bedacht, ihre Inhaltepartner ins Rampenlicht zu stellen.

Möglich ist das Schauen eigener Video­dateien dennoch, nimmt man als Nutzer Umwege in Kauf. Relativ kom­fortabel funktioniert da noch die DLNA-Anbindung der Horizon-Box: Sie streamt vom Netzwerkspeicher oder Desk­topcomputer freigegebene Dateien. Die übrigen Geräte brauchen eine App wie Plex, die als Schnittstelle zwischen Streaming-Box und Bibliothek funktioniert: Die App bringt den Google-Geräten, der Roku oder dem Fire TV das Abspielen von lokalen Mediendateien bei. Wer seinerseits einen Apple TV besitzt, kann die Software «Beamer» von einem Mac-Rechner aus verwenden. Besitzer von Chromecast oder Nexus Player ­haben eine weitere, wenn auch etwas umständliche Option: das Teilen eines Videotabs im Chrome-Browser. (jro)


Der Zeitsouveräne

Kein Zwang durch Anfangszeiten

Der zeitsouveräne Zuschauer lässt sich nicht von der Programmzeitschrift ­diktieren, wann er für seine Lieblingssendungen vor dem Bildschirm zu sitzen hat. Er will Sendungen sehen, wenn er Zeit und Lust hat (und dabei womöglich auch lange Unterbrecherwerbung überspringen).

Abseits der grossen TV-Events im Sport- und Showbereich, bei denen man aufs Live-Feeling nicht verzichten mag, ist der zeitversetzte Konsum auf vielfältige Weise möglich. Der klassische Weg erfolgt über eine Set-Top-Box mit eingebauter Festplatte oder durch ein am TV angeschlossenes Speichermedium. Der neue Ansatz ist die Aufzeichnung in der Cloud. Swisscom TV 2.0 speichert Aufnahmen nicht mehr lokal, sondern auf den Servern des Anbieters. Da die Swisscom die Aufnahmen für alle Nutzer erledigt, können verpasste Sendungen sogar nachträglich aufgezeichnet werden. Cloud-Aufzeichnungen können entweder heruntergeladen oder unbegrenzt aufbewahrt werden. Auch das Ansehen via Browser oder Mobilgerät (sogar ausser Haus) ist erlaubt.

Eine Variante ist das Replay. Es stellt das ausgestrahlte Programm für eine gewisse Zeit (typischerweise 30 Stunden oder 7 Tage) zum nachträglichen Ansehen zur Verfügung. Das Zurückspringen ist bei den meisten Anbietern möglich, namentlich bei UPC Cablecom, Swisscom, Sunrise, Zattoo, Wilmaa und ­M-Budget. Die Funktion ist jeweils Teil eines Premiumangebots. (schü.)


Der Cineast

Die Scheibe hat nicht ausgedient

Als echter Gourmet im Bereich des bewegten Bildes legt man Wert darauf, Filme gezielt auszuwählen, in der höchstmöglichen Qualität anzusehen und auf die Extras nicht zu verzichten. Diese Gründe zwingen kompromisslose Kinofans, nach wie vor einen Blu-Ray-Player in Betrieb zu halten. Viele Titel, die man vergebens auf den Streamingdiensten sucht, sind als Blu-Ray oder DVD problemlos aufzutreiben. Während Internetvideotheken meist lediglich ein paar Tausend Titel anbieten, umfasst der Katalog von Cede.ch 39 000 Blu-Rays und geschlagene 280 000 DVDs. Die Ausstattung der Scheiben bezüglich Untertitel, Sprachversionen, Extras wie Regisseur-Kommentare oder Making-ofs ist bei den Scheiben besser, und die Filme sind in besserer Qualität, das heisst höheren Bit­raten enthalten. Schliesslich kann es bei den Streaming-Diensten durchaus passieren, dass Filme und Serien aus dem Angebot verschwinden – sodass man nur die Filme auf sicher hat, die man als physische Medien besitzt. Trotz der Vorteile ist das Ende der Blu-Ray absehbar. Während sich Filme schon jetzt via Netflix in 4k-Qualität strea­men lassen, ist die Blu-Ray noch nicht für ultrahochauflösendes Material gerüstet: Erste Geräte und Medien werden erst Ende 2015 erwartet. Die Zukunft ist das Streaming – aber damit die eingefleischten Kinofans auf ihre Rechnung kommen, müssen die Angebote qualitativ und quantitativ zulegen. (schü.) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2015, 19:31 Uhr

Grafik: Die Stärken und Schwächen der TV-Boxen

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