Eine neue «Stunde null»

Fernseher mit organischen Leuchtdioden (OLED) läuten eine neue Ära ein. Sie sind brillanter, leichter und dünner als LCD- oder Plasma-TVs und verbrauchen erst noch weniger Strom.

Gerade noch 4 Millimeter dick: Der 55-Zoll-OLED-Fernseher von LG.<br>Foto: PD

Gerade noch 4 Millimeter dick: Der 55-Zoll-OLED-Fernseher von LG.
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OLED-Fernseher werden zweifelsohne zu den Stars der kommenden Internationalen Funkausstellung (IFA) zählen, die am Freitag ihre Tore in Berlin öffnet. TV-Geräte machen stets einen wichtigen Teil der Messe aus, und die Hersteller überbieten sich mit Superlativen und Rekordgeräten. Nachdem die Fernseher in den letzten Jahren vor allem in der Bildschirmdiagonalen gewachsen sind oder mit 3-D zu punkten versucht haben, steht nun mit den ersten marktreifen OLED-Fernsehern wieder ein echter Technologiesprung an. Nebst den bewährten Plasma- und LCD-Bildschirmen gibt es fortan eine dritte Machart für Fernseher, die den heutigen Geräten in manchem überlegen ist. Branchenkenner und HDTV-Experte Albert Gasteiner spricht von einer «neuen Stunde null».

Mit OLED lassen sich noch dünnere und leichtere Panels bauen, die zudem besseren Kontrast und höhere Farbbrillanz bieten. Und nicht zuletzt verbrauchen OLED-TVs weniger Strom. Bereits aus der Nähe gesehen haben wir das Gerät von LG. Es ist gerade noch 4 Millimeter dick, und das Bild sieht tatsächlich umwerfend gut aus, deutlich besser als alles, was man heute kennt. Beindruckend bleibt es sogar, wenn man es in einem flachen Winkel von der Seite her betrachtet, es verliert praktisch nichts an Kontrast und Farbe.

Jeder Bildpunkt eine Leuchte

So dünn können die Geräte deshalb sein, weil, anders als bei LCD oder Plasma-Bildschirmen, keine Leuchte dahintersteckt, deren weisses Licht Pixel für Pixel bunt abgedeckt wird. Vielmehr ist jeder OLED-Bildpunkt selbst eine kleine Leuchte, die sich einzeln ein- und ausschalten lässt. Bei LG machen sogar vier kleine Subpixel (Rot, Grün, Blau und Weiss) einen Bildpunkt aus.

Von einer derart überlegenen Technologie würde man erwarten, dass sie sich rasch und auf breiter Front durchsetzt. Doch ganz so schnell wird OLED nicht durchmarschieren. Denn die Massenproduktion solcher Displays ist zwar für 4 bis 5 Zoll Diagonale längst Realität, sie kommen unter anderem in Smartphones zum Einsatz. Doch bei einer Grösse von 50 Zoll und mehr erweist sich die Produktion als hochkomplex. Die organischen Materialien sind äusserst anfällig auf Oxidation und Feuchtigkeit, die Panels müssen deswegen hermetisch in eine Schutzfolie eingeschweisst werden. Organisch heisst übrigens nicht, dass diese Bildschirme irgendetwas mit «bio» zu tun hätten, es kommen lediglich Kohlenwasserstoffe als Leuchtkristalle zum Einsatz.

Koreaner haben die Nase vorn

Vorerst schaffen das erst die koreanischen Hersteller LG und Samsung. Die beiden liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer als Erster einen OLED-TV auf dem Markt hat. Beide werden an der IFA ihre High-End-Modelle (voraussichtlich 55-Zoller) zeigen. Beide, so heisst es im Vorfeld, soll es vor Weihnachten 2012 zu kaufen geben. Und sie werden keine Schnäppchen sein, es wird mit Preisen zwischen 8000 und 10'000 Franken gerechnet. Die genauen Preise und die Verfügbarkeit dürften an der IFA angekündigt werden.

Die japanische Konkurrenz muss derzeit zusehen, wie LG und Samsung in Sachen OLED einen mehrjährigen Vorsprung aufbauen. Sharp, der Erfinder von LCD, sieht weiteres Entwicklungspotenzial für die eigene Technologie und wird einen 90-Zoll-TV präsentieren. Sony hat bereits Crystal-LED an der CES in Las Vegas präsentiert, eine ebenfalls beindruckende Technologie, die jedoch nicht vor 2014 marktreif sein dürfte. Auch Toshiba hat bei OLED nichts zu bieten. Und die europäischen Hersteller bauen ihre Displays nicht selber und haben deshalb keine eigenen Weiterentwicklungen vorzuweisen.

Farben altern unterschiedlich

Neben den Herausforderungen in der Produktion gibt es allerdings bei OLED weitere offene Fragen, was die Zukunft angeht. Ein Fernseher soll ja länger halten als ein Smartphone, schliesslich kostet er auch mehr. Doch derzeit weiss noch niemand genau, wie lange so ein OLED-TV halten wird. Man weiss hingegen, dass die Farben der Subpixel unterschiedlich altern. Rot soll bis zu 80'000 Stunden halten, Blau hingegen nur etwa 30'000. Es könnte also nach ein paar Jahren zu Farbstichen kommen wie bei alten, anlogen Farbfotoabzügen. Beim OLED-TV kann man diese wahrscheinlich softwaretechnisch korrigieren.

Sofern man die Massenproduktion in den Griff bekommt, also mit wenig Ausfällen grosse Stückzahlen zu einem guten Preis produzieren kann, und wenn sich diese Fernseher auch langfristig bewähren, dürfte der OLED-Technologie aber die Zukunft gehören.

Erstellt: 27.08.2012, 09:39 Uhr

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