Test

Google und TV: Wie die beiden zusammenpassen

Chromecast ist ein Multimedia-Adapter, der Bild und Ton ab Smartphone auf den Fernsehbildschirm bringt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat den Test gemacht.

Produktmanager Mario Queiroz zeigte am 24. Juli in San Francisco Googles jüngste Wunderwaffe zur Eroberung der Wohnzimmer.

Produktmanager Mario Queiroz zeigte am 24. Juli in San Francisco Googles jüngste Wunderwaffe zur Eroberung der Wohnzimmer. Bild: Marcio Jose Sanchez/Keystone

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Google ist vom Computer- und Handydisplay nicht mehr wegzudenken. Das reicht dem Suchmaschinengiganten aber nicht: Seit längerem drängt es ihn auch auf den Fernsehbildschirm. Zusammen mit Intel, Sony und Logitech hatte Google 2010 Google TV vorgestellt. Mittels Software von Google sollte das Fernsehen interaktiv werden. Google TV hatte vom Fleck weg mit technischen Problemen und Blockaden durch die grossen Fernseh-Networks in den USA zu kämpfen. Logitech stieg 2011 aus dem Projekt aus. Logitech-CEO Guerrino De Luca wird mit den Worten zitiert, Google TV sei sein Unternehmen teuer zu stehen gekommen. LG und Sony halten Google noch die Stange; mit der Set-Top-Box NSZ-GS7 ist Google TV auch in der Schweiz angekommen.

Letzte Woche startete Google einen neuen Versuch, in der Fernsehwelt Fuss zu fassen – nicht ganz so ambitioniert wie Google TV, aber dafür mit einer äusserst niedrigen Einstiegsschwelle. In den Stores für Android und iOS erschien die App für Chromecast. Das ist ein Multimedia-Adapter, der in den USA für den Schnäppchenpreis von 35 US-Dollar erhältlich ist. Er bringt Inhalte ab Tablets und Smartphones auf den grossen Schirm und kostet hierzulande um die 70 Franken.

Eine Antithese zu den ungeliebten Set-Top-Boxen?

Chromecast könnte die Antithese zu den ungeliebten Set-Top-Boxen sein. Diese Kisten sind oft zu sperrig und vermögen mit ihrem Design selten zu überzeugen. Und sie tragen das ihrige zum Kabelsalat hinter dem Fernseher bei. Googles Multimedia-Stick wiegt nur 34 Gramm. Er sieht aus wie ein etwas voluminöser USB-Stick, und er verschwindet komplett hinter dem Fernsehgerät. Die Freude an dieser Einfachheit wird getrübt durch den Umstand, dass das Fernsehgerät per HDMI nicht genügend Energie für den Betrieb zu liefern vermag. Der Strom wird per Micro-USB-Stecker in den Chromecast geführt. Falls der Fernseher einen USB-Anschluss hat, kann man den Strom daraus beziehen – so hält sich der Kabelsalat in Grenzen.

Ein komplett kabelloser Betrieb ist nicht möglich, obwohl die Inhalte per WLAN in den Stick und aufs Fernsehgerät gelangen. Um den Chromecast ins heimische Netz einzuklinken, lädt man die Chromecast-App aufs Smartphone oder Tablet. Sie ist für Android und iOS verfügbar. Chromecast öffnet dann ein Ad-hoc-WLAN, in das man sich mit seinem Smartphone oder Tablet einbucht und den Zugang fürs Heimnetzwerk einrichtet. In unserem Versuch hat das nicht reibungslos geklappt. Die Chromecast-App akzeptierte unser WLAN-Passwort nicht, mit dem Hinweis, es sei «zu lang». Über unser Gast-Netzwerk (mit einem unsicheren Passwort von zehn Zeichen) gelang die Verbindung, doch nun war es das iPhone 5, das sich dem Gast-Netzwerk verweigerte. Immerhin – per Nexus 7 gelang die Kontaktaufnahme schliesslich. Eine Installation ist auch ohne Tablet oder Smartphone über den Chrome-Browser und die Google-Cast-Erweiterung möglich.

Bislang keine lokalen Inhalte

Sobald der Chromecast-Stick und das Mobilgerät im gleichen WLAN eingebucht sind, erscheint in entsprechend gerüsteten Apps ein Symbol, über das die Wiedergabe an den Chromecast abgegeben wird. Die App übermittelt lediglich den Link zum Youtube-Video an den Stick und leitet nicht den eigentlichen Datenstrom weiter, so wie das zum Beispiel Apple mit Airplay tut. Das Mobilgerät verbraucht entsprechend auch keine Daten und ist frei für andere Zwecke. Das funktionierte in unserem Test bestens mit der Youtube-App am Nexus 7.

Dieses Prinzip bringt es allerdings auch mit sich, dass bislang nur Inhalte aus der Cloud auf den Fernseher gelangen, und immer Google-Server mit im Spiel sind. Daran könnten sich auf Datenschutz erpichte Nutzer stören. Einer App namens Allcast hat Google im August laut Techcrunch das Handwerk gelegt. Diese App ermöglichte das Streaming direkt von den Android-Geräten. Google wolle alle Arten von Apps und auch das lokale Streaming unterstützen, zitiert Techcrunch einen Google-Sprecher, doch diese Schnittstellen seien noch nicht fertig entwickelt. Bislang möglich ist das «Tab casting». Mit dieser Funktion schickt man unter Windows, Mac und Linux den Inhalt eines Browser-Tabs vom Chrome-Browser an den Fernseher.

Google Chromecast machte auf uns einen unfertigen Eindruck. Die Verbindungsprobleme und das fehlende Streaming sind ein Mangel, aber auch die Unterstützung durch die Apps ist bescheiden. Hierzulande fehlt es an Diensten wie dem in den USA sehr populären Netflix, dessen attraktives Video-on-Demand-Angebot über den Stick nutzbar ist. Wir haben es nicht geschafft, den Stick mit Google Music zu nutzen, obwohl das theoretisch möglich sein sollte – wohl weil die genutzte App-Version zu alt war. Apple TV ist da, obwohl vergleichsweise deutlich teurer, eindeutig pflegeleichter. Dennoch hat Googles simpler Ansatz fürs Streaming auf den grossen Schirm Potenzial.

Erstellt: 30.10.2013, 16:11 Uhr

Streit um Offenheit

Das Konzept hinter dem Chromecast ist attraktiv: jeden Fernseher zum Smart-TV und damit die heimische Flimmerkiste so vielseitig wie ein Smartphone zu machen – via Apps.

Das Problem dabei ist, dass Google offenbar noch unsicher ist, wie offen der Chromecast werden soll. Nur eigens freigegebene Apps laufen nämlich auf dem Gerät, andere können nicht auf die Chromecast-Schnittstellen zugreifen. Bis jetzt ist die Liste schmal, selbst in den USA: Es laufen bloss der Streaming-Anbieter Netflix und die hauseigenen Dienste Youtube, Google Music und Movies.

An den App-Entwicklern liegt das nicht. Sie stürzten sich nach dem US-Start des Chromecast im Juli auf die neue Plattform. Der Stick läuft mit Android, setzt damit also auf ein gut etabliertes Betriebssystem, mit dem viele Programmierer vertraut sind. Gleichzeitig verheisst der Stick potente Hardware zu einem Kampfpreis.

App-Entwickler wie Koushik Dutta sind aber frustriert. Wie Dutta Readwrite sagte, könne man mit dem Chromecast sehr viele Anwendungen realisieren, denen Google aber bislang die Freigabe verweigere. Der Programmierer hat mit Allcast selbst eine App entwickelt, mit der der Chromecast beliebige Medien von der heimischen Festplatte kabellos auf den Fernseher brächte. Die App liegt nun wie andere Chromecast-Projekte in einer aufgezwungenen Wartestellung.

Google muss sich bald entscheiden, wie offen der Chromecast werden soll. Die Option, eigene Inhalte abzuspielen, würde dabei die Dienste Googles und seiner Partner konkurrenzieren. Aber ohne sie bleibt der Stick hinter seinen Möglichkeiten und erringt vielleicht nicht die Gunst der Nutzer. (Jan Rothenberger)

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