Hintergrund

«Ist er übergeschnappt?»

Google-Verwaltungsrat Eric Schmidt sorgt mit einer Äusserung zur Zukunft des Internetfernsehens in der Branche für Kopfschütteln – und provoziert Apple.

Immer wieder für kernige Aussagen gut: Ehemaliger Google-Chef Eric Schmidt.

Immer wieder für kernige Aussagen gut: Ehemaliger Google-Chef Eric Schmidt. Bild: AFP

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Es ist erst knapp einen Monat her, dass Logitech-Chef Guerrino De Luca seinen einstigen Geschäftspartner Google abgekanzelt hat: Die Herstellung der Set-Top-Box Revue sei «ein Fehler gigantischen Ausmasses» gewesen, so De Luca am Analyst and Investor Day.

Nicht nur habe sich rasch herausgestellt, dass Revue nicht ausgereift gewesen sei, das Produkt sei auch viel zu teuer gewesen. «Wir haben gedacht, es verkaufe sich wie warme Semmeln, aber zum Preis von 300 Dollar ist das nicht passiert.» Das Engagement für Google-TV habe das Schweizer Unternehmen 100 Millionen Dollar gekostet. Der logische Schritt: Logitech – neben Sony bislang der wichtigste Partner für Google im TV-Geschäft – steigt aus der Revue-Produktion aus.

Partnerschaft mit Samsung

Wer aufgrund der harschen Kritik vermutet, dass Mountain View künftig bescheidenere Ansprüche stellt, der irrt: An der am 7. Dezember gestarteten Internetkonferenz Le Web in Paris überraschte Eric Schmidt das Publikum mit einer kühnen Prognose. Der ehemalige Google-Chef und jetzige Verwaltungsrat des Suchmaschinenkonzerns wird vom «Business Insider» mit den Worten zitiert, dass «bis zum Sommer 2012 die Mehrheit der Fernseher, die in den Geschäften zu finden sind, mit Google-TV ausgerüstet sein wird».

Schmidts Optimismus gründet auf einer neuen Partnerschaft mit Samsung, dem weltgrössten Fernsehhersteller der Welt. Seit Wochen kursieren Gerüchte, dass der südkoreanische Elektronikriese im Januar 2012 auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas einen Oled-Fernseher mit integriertem Google-TV zeigt. Auch mit Sony arbeitet Google zusammen.

US-Sender boykottieren Google-TV

Dennoch hat Schmidts Äusserung angesichts der Tatsache, dass Google-TV in Europa noch gar nicht verfügbar ist und in Übersee von den grossen Fernsehsendern ABC, CBS und NBC boykottiert wird, in der Branche weltweit für Kopfschütteln gesorgt. Der «Business Insider» etwa hält Schmidts Worte für irres Geschwätz («crazy talk») und fragt bereits in der Überschrift: «Ist er übergeschnappt?»

Dass Google-TV dereinst ein grösseres Publikum erreichen wird, darin sind sich allerdings selbst die grössten Skeptiker einig. Nur ist der Weg zum Erfolg steinig – und muss mit kleinen Schritten begangen werden. Erst Ende Oktober kündigte Google auf dem Google-TV-Blog ein Update an, welches unter anderem die Filmsuche und die Integration von Youtube vereinfacht sowie Google-TV den Zugriff auf den Android Market erlaubt.

«Android überholt das iPhone»

Auch was die Zukunft der Google-Smartphones betrifft, zeigte sich Schmidt zuversichtlich: Am Le-Web-Kongress sagte er, dass «Android das iPhone überholt» habe. Weil die neue Softwaregeneration Android 4.0 (Ice Cream Sandwich) sowohl auf Tablets als auch auf Smartphones laufe, würden sich App-Entwickler von Apple abwenden und primär auf das mobile Betriebssystem von Google setzen.

Erstellt: 09.12.2011, 12:04 Uhr

Eric Schmidt im Interview


Seine Äusserungen an der Konferenz Le Web geben zu reden: Google-Verwaltungsrat Eric Schmidt. Quelle: Youtube

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