Letzte Chance fürs Digitalradio

Wie lange gibt es noch UKW? Die Radio- und die Automobilbranchen warten auf ein klares Wort der Behörden. Erst dann wird sich das Digitalradio DAB durchsetzen – wenn es nicht das Internetradio tut.

Mitschuld am langen Leben von UKW: Nur wenige Autoradios sind technisch am Puls der Zeit. Foto: Regina Schmeken (Keystone)

Mitschuld am langen Leben von UKW: Nur wenige Autoradios sind technisch am Puls der Zeit. Foto: Regina Schmeken (Keystone)

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Friedrich Schiller wusste nichts von Unterhaltungselektronik. Doch eine Verszeile des grossen Dichters klingt wie gemünzt auf das Digitalradio: «Zögernd kommt die Zukunft hergezogen.» Digital Audio Broadcasting (DAB) wird seit langem als Radio der Zukunft gehandelt und stand mehrmals «unmittelbar vor dem Durchbruch». In Wirklichkeit kommt es zögernd dahergezogen. 1996 führte die damalige Telecom PTT erste DAB-Versuche durch, der Standard war 1994 international festgelegt worden. Dass in der schnelllebigen Digitalwelt eine Neuheit zwanzig Jahre in der Startphase steckt, ist ungewöhnlich.

DAB wurde erfunden, um die teuren und ausgelasteten UKW-Sendernetze abzulösen. Doch UKW ist nicht totzukriegen. In den wenigsten Ländern haben sich die Behörden durchringen können, ein Ende der UKW-Versorgung festzu­legen. Auch in der Schweiz weiss niemand, wann der Stecker gezogen werden soll. Immerhin will das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) nun über ein Datum reden. Eine aus Branchenvertretern bestehende Arbeitsgruppe Digimig (Digitale Migration) soll einen Bericht zur Umstellung abliefern. 2019 laufen die Konzessionen für die UKW-Sender ab. Der Bund will sie nicht verlängern, wie Nancy Wayland Bigler, Vizedirektorin des Bakom, an einer Tagung erklärte. Eine Neuplanung des UKW-Bereichs sei unrealistisch, man müsse sich von der Analogtechnik verabschieden.

Der Hauptmarkt fehlt noch

Mehr als die Hälfte der in der Schweiz verkauften Radios können DAB+ empfangen, doch insgesamt gibt es erst in ­jedem dritten Haushalt ein DAB-fähiges Gerät. Von den in der Schweiz verkehrenden 4,8 Millionen Autos sind noch keine drei Prozent mit einem DAB-Radio ausgestattet. Auch wenn in den Neuwagen ein DAB-Autoradio langsam üblich wird, dauert es noch lange, bis DAB die Strassen erobert hat. Personenwagen werden im Durchschnitt erst nach acht Betriebsjahren ersetzt.

Die zögerliche Verbreitung im Auto ist das Haupthindernis für den echten Durchbruch. Das Radiopublikum sitzt zu zwei Dritteln in den Autos. Solange sich diese Mehrheit nicht via Digitalradio erreichen lässt, bleibt die frequenzmodulierte Ultrakurzwelle (FM UKW) der beste Weg – auch für die Radio­werbung auf den Privatkanälen.

Darüber, wie man die Radiohörerinnen und -hörer zum Digitalradio bringen könnte – und zwar schnell und in Scharen –, wurde an einer Tagung diskutiert, die von der SRG-Tochterfirma MCDT mit organisiert worden war. Die Experten waren sich einig: So schnell wie möglich muss Klarheit darüber herrschen, wie lange es UKW noch gibt. Erst dann, so erklärten Vertreter der Autoindustrie, werde das DAB-Autoradio vom aufpreispflichtigen Extra zum Ausstattungsstandard. Ebenfalls an einer Deadline interessiert sind die Sendeunternehmen. Heute werden die Programme parallel über UKW, DAB und DAB+ ausgestrahlt. Es wird daran gedacht, während der Umstellungsphase die Sender mit Subventionen für diesen Mehraufwand zu entschädigen. Die UKW-Konzessionen sollen zudem nur für Sender verlängert werden, die auch via DAB+ senden.

Die Abdeckung der Schweiz mit DAB-Sendern ist nahezu komplett. Ausgerechnet in den Strassentunneln hapert es aber noch. Das ist erstaunlich, denn die Autofahrer sind ja das wichtigste Zielpublikum. Offensichtlich wurde der Aufwand für die Versorgung der Tunnel zu spät erkannt. Schlecht bedient ist man mit einem DAB-Radio auch auf Auslandfahrten. Frankreich und Österreich sind erst daran, die doch nicht mehr so neue Technik zu erproben.

Das Publikum reagiert träge

Umstellungen in der Radionutzung sind ein harter Brocken fürs Marketing. In den Siebzigerjahren wurde versucht, das Publikum von der Mittelwelle auf UKW zu locken. «UKFee bringt UKW» hiess der Slogan, die Schauspielerin ­Birgit Steinegger war die Fee. Als Ende 2008 der Mittelwellensender Beromünster den Betrieb einstellte, griff die SRG zu einer drastischeren Massnahme: Wer die Musikwelle weiter hören wollte, musste ein DAB-Gerät kaufen – es gab einen Schub bei den Verkaufszahlen. Einige Kunden merkten, dass DAB nicht dasselbe ist wie DAB+. Die Version DAB+ soll nun wirklich von Dauer sein.

Der Fortschritt von DAB+ gegenüber UKW ist für den Hörer nicht leicht zu ­erkennen. Die Tonqualität bei UKW ist heute gut, Zusatzinformationen in Textformat gibt es dank RDS (Radiodatensystem) auch auf UKW. Ein paar technische Finessen der DAB-Empfänger erfreuen wohl die Radiofans, ältere Hörer werden sie kaum nutzen. Druck für die Digitalisierung der letzten Meile in der Radioversorgung kommt aus den ihrerseits total digitalen Sendestudios. Man möchte die Analogtechnik zu den Akten legen. DAB bringt der Branche aber auch mehr Kanäle, in Genf und bald in Zürich bekommen kleinere Anbieter auf sogenannten DAB-Inseln ihren Platz, die vom Bund subventioniert werden.

DAB beruht darauf, dass mehrere ­Kanäle ineinander verschränkt werden und mit der gleichen Frequenz auskommen. Dahinter steckt Mathematik, die Daten müssen komprimiert und codiert werden. Ein DAB-Sender braucht weniger Strom als ein UKW-Sender, dafür verbrauchen Digitalempfänger mehr.

Erstellt: 02.06.2014, 02:54 Uhr

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