Sidra zeigt ihr Leben

Handybrille auf, Kopfhörer an – und los gehts: In einer fesselnden Virtual-Reality-Doku erzählt uns ein 12-jähriges Mädchen ihre Geschichte im Lager.

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«Wir wanderten tagelang durch die Wüste nach Jordanien», sagt die Stimme eines Mädchens. Zur gleichen Zeit erhebt sich eine sanfte Pianomelodie über einem Streicherteppich. Noch vor Sekundenbruchteilen befand man sich in völliger Schwärze, doch dann erhellt sich alles, und man steht mitten in der Wüste. Man kann den Kopf drehen, sich in der Umgebung umsehen, hinter sich, zu den eigenen Füssen, hoch in den fast wolkenlosen Himmel, auf den Boden in den Wüstensand, rechts oder links zu den Bergen am Horizont. Es ist fast, als stünde man wirklich dort.

In der virtuellen Welt versunken: Bild- und Videopraktikant Joel Hanhart probiert ein Virtual-Reality-Headset aus. (27.2.2015)

Das Rezept für diesen Transport in eine fremde Welt heisst Virtual Reality, virtuelle Realität. Die kurze Dokumentation «Clouds over Sidra» wurde in 3-D und mit einer 360-Grad-Kamera gefilmt. Dieses Erlebnis schaut man sich nicht auf einem normalen Monitor an, sondern mit einem Virtual-Reality-Headset wie Oculus Rift – oder in einer primitiveren Lösung, ein wenig Basteln ist vorausgesetzt, mit dem eigenen Handy und Google Cardboard.

Virtuell im echten Flüchtlingscamp

«In der Woche, als wir Syrien verlassen haben, ist mein Drachen im Baum stecken geblieben. Ich frage mich, ob er wohl noch dort ist. Ich will ihn zurück», erzählt die Mädchenstimme. Die Wüste verschwindet, und man steht in einem improvisierten Schlafzimmer, in der Ecke an der dünnen Wand steht ein alter, grauer Röhrenfernseher, und auf dem Boden liegt eine schmale Matratze. Und vor einem sitzt ein Mädchen. «Ich bin Sidra, und ich bin 12 Jahre alt», erzählt sie.

So funktioniert die VR-Doku: Über den im Smartphone eingebauten Gyrosensor werden die eigenen Bewegungen ins Video übersetzt – so kann man sich dann im Video umschauen. Dank Virtual-Reality-Headset in 3-D und vergrössert.

So beginnt die kurze Dokumentation «Clouds over Sidra» – «Wolken über Sidra» – über das Leben eines Mädchens im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari. Geflüchtet ist sie vor dem syrischen Bürgerkrieg. Auf nur 3,3 Quadratkilometern leben dort über 81'000 Menschen. Das sind mehr Menschen, als beispielsweise in Luzern leben. Und das auf einer Fläche, die fast um das Zehnfache kleiner ist. Das sind hohe Zahlen, welche die dort vorherrschenden Lebensumstände nur schwierig nachvollziehen lassen können. Zahlen sind eben abstrakt.

Umstände erfahrbar machen

Vor rund einem Monat sagte Bill Gates in einem Reddit-Q&A, es sei tragisch, dass es Technologie bisher nicht geschafft habe, «Menschen mit den Ärmsten zu verbinden, die in Ländern leben, die weit weg sind», es fehle an der Möglichkeit, «Empathie anzuzapfen». Die Lösung für dieses Problem würde viel Kreativität erfordern. Und Bill Gates hat mit dieser Einschätzung recht – die Medien zum Beispiel haben dieses Problem. «30 Tote bei einem Anschlag in Libyen» oder «Tote bei IS-Angriff auf Kobane» sind Geschichten, die nicht das grosse Publikum erreichen, die selten in der Art und Weise berühren, wie es die Tragweite der Geschehnisse eigentlich verlangen würde.

Was Bill Gates in diesem Moment noch nicht erahnt hatte: Die Lösung für dieses Problem ist vielleicht schon gefunden. Denn die emotionale, empathische Kraft, die «Clouds over Sidra» entfalten kann, wenn man sich darauf einlässt, ist unerwartet stark. Besonders das Ende hat es in sich, wenn Sidra sagt: «Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben hier das Sagen» – und man von einer Schar Kinder umringt wird, die sich bei den Händen fassen, und man sich so fühlt, als stehe man inmitten dieses Kreises. Dabei wäre der Film rein inhaltlich nichts Spektakuläres, sondern nur ein Einblick in Sidras Alltag. Das berührte beispielsweise auch Scott Stein, Tech-Journalist von CNET. Er bezeichnete die Erfahrung mit «Clouds over Sidra» als «den Tag, an dem mich Virtual Reality zum Weinen brachte».

Menschen verbinden

Nachdem Virtual Reality in den 90er-Jahren an der technologischen Hürde scheiterte, kann man nun mit Fug und Recht behaupten, dass die Chance auf ein Eindringen von Virtual Reality in den Mainstream noch nie so gut stand. Das VR-Start-up Oculus wurde nach einer erfolgreichen Schwarmfinanzierung von Facebook für zwei Milliarden Dollar gekauft. CEO Mark Zuckerberg sagte schon damals, Virtual Reality habe das Potenzial, Menschen zu verbinden, und begründete damit den Kauf des Start-ups. Oculus-Gründer Palmer Luckey sagte nach der Akquisition vor fast einem Jahr, dass er es ähnlich wie Mark Zuckerberg sehe: «Virtual Reality ist ein Medium, das uns erlaubt, unsere Erlebnisse mit anderen zu teilen, so wie nie zuvor.»

Beispiel: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktor Philippe Stalder probiert die Dokumentation mit Google Cardboard aus und ist begeistert. Nach den ungefähr acht Minuten im syrischen Flüchtlingscamp setzt er die Brille ab: «Wow. Ich habe Gänsehaut. Die Zukunft ist hier.»

Virtual Reality als Innovation für die Medien

Tatsächlich ist Virtual Reality, obwohl sie sich grösstenteils noch in der Prototyp- oder Early-Adopter-Phase befindet, eine Chance für Medien: «Sich wirklich so zu fühlen, als wäre man vor Ort, ist eine extrem eindrückliche Erfahrung. Das in einem solchen herzzerreissenden Ort zu erleben, wird, so hoffen wir, einen tiefschürfenden Eindruck auf den Zuschauer hinterlassen, in einer Art und Weise, wie es Filme und klassische Newsberichte nicht geschafft haben», sagt UNO-Berater Gabo Arora, der zusammen mit Filmemacher Chris Milk (unter anderem Musikvideos für U2 oder Kanye West) «Clouds over Sidra» für eine Veranstaltung am WEF 2015 realisiert hat. Virtual Reality als Innovation für die Medien

Eine Chance für die Medien, die, seit das Internet und New Media den alteingesessenen Printmedien langsam den Rang abgelaufen haben, immer wieder nach neuen Darstellungsformen suchen. Die Möglichkeiten, sich die virtuelle Realität zunutze zu machen, sind vielfältig. Es wäre eine Möglichkeit, sonst unzugängliche Orte einfach erfahrbar zu machen, das Innere eines atomaren Endlagers zum Beispiel, den Teilchenbeschleuniger im Cern oder den verwüsteten Wald nach einem Orkan. Oder aber das bereits erwähnte Schaffen von Empathie, so wie in «Clouds over Sidra» aus Krisengebieten, aus anderen Kulturkreisen.

Noch hat Virtual Reality einen weiten Weg vor sich, noch muss eine erste Konsumentenversion eines Virtual-Reality-Headset bei uns auf den Markt kommen, noch muss der Massenmarkt diese Innovation annehmen. Ob das wirklich geschieht, ist kaum vorhersehbar, die Chancen stehen aber gut. Würde das einsetzen, hätten die Medien bald wieder einen Unique-Selling-Point und eine digitale Darstellung mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.02.2015, 15:30 Uhr

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