«Siri im iPhone 4S dürfte erst der Anfang sein»

Samsung ist anders als Apple seit langem im Fernsehgeschäft tätig – und hat erst vor wenigen Tagen einen Smart TV mit Sprach- und Gestensteuerung vorgestellt. Kommt Apples iTV zu spät?

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Apple TV gibt es seit 2009 – warum hat sich diese Settop-Box nicht durchgesetzt, Thomas Ross?
Am Produkt kann es nicht liegen. Meiner Erfahrung nach lässt sich Apple TV sehr einfach bedienen und bietet Zugriff auf attraktive Inhalte – entweder per Internet oder Heimnetzwerk. Da haben die klassischen TV-Hersteller noch einiges aufzuholen. Das Problem ist nur, dass viele Zuschauer offenbar nicht den Wunsch verspüren, ihren Fernseher an das Internet anzuschliessen. Zwar steigt die Zahl der internetfähigen Fernseher, aber nur ein Bruchteil der Käufer verbindet das Gerät tatsächlich mit dem Netz. Kein Wunder, dass die TV-Hersteller entsprechende Zahlen wie ein Staatsgeheimnis hüten.

Der TV-Markt ist hart umkämpft. Samsung ist – anders als Apple – traditioneller TV-Hersteller und hat an der Consumer Electronics Show (CES) einen Smart TV mit Sprach- und Gestensteuerung vorgestellt. Kommt Apple zu spät?
Das halte ich für unwahrscheinlich. Allein die Sprach- und Gestensteuerung wird nicht erfolgsentscheidend sein für den Durchbruch von Smart TVs. Viel wichtiger finde ich die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen Inhalten und das Zusammenspiel des intelligenten Fernsehers mit Handy, Tablet-PC und Co. Aber kein Zweifel: Das wird ein spannendes Duell zwischen Apple und Samsung.

Nach Jahren des Wachstums befindet sich der TV-Markt in einer kritischen Phase. Sie ist gekennzeichnet durch sinkende Preise und Margen. Innovationen wie 3-D haben nicht die erhoffte Wirkung gehabt. Das setzt die Hersteller stark unter Druck.
In einem solchen Umfeld braucht der Markt dringend neue Impulse. Ein Fernseher von Apple käme da genau richtig: Er könnte die komplette Branche umkrempeln, so wie es vor fünf Jahren das iPhone mit dem Mobiltelefonmarkt gemacht hat.

Wo lauern wohl die grössten Widerstände?
Ein Apple-Fernseher lässt sich wahrscheinlich nicht so einfach global vermarkten wie ein iPhone. Es gibt weltweit viele unterschiedliche technische Standards, zum Beispiel Übertragungs- und Verschlüsselungssysteme. Entscheidend wird aber sein, welche Inhalte ein Apple-Fernseher empfangen kann. Das Beispiel Google TV zeigt, dass die TV-Sender sich die Butter ungern vom Brot nehmen lassen. Ich bin gespannt, mit welcher Lösung uns Apple überraschen wird.

Was erwarten Sie konkret vom Projekt «iTV»?
Alles, was im Internet kursiert, ist reine Spekulation. Nur eins ist klar: Die Bedienung muss viel einfacher sein als bei herkömmlichen Fernsehern. Darüber hinaus kann ich mir vorstellen, dass Apple komplett auf IPTV setzt.

Damit wären die Kabelnetzbetreiber aussen vor.
Genau. In Deutschland ist für einen solchen Fernseher eine Vertriebskooperation mit der Deutschen Telekom oder Vodafone denkbar. Beide sind bereits mit IPTV-Angeboten am Markt. Den Apple-Fernseher könnte es dann zusammen mit einem IPTV-Abo zu einem vergünstigten Preis geben. Solche Subventionsmodelle sind ja aus der Mobilfunkbranche bekannt.

Kommt Siri, die Sprachsteuerung des iPhone 4S, auf die neue Fernsehhardware?
Einen Apple-Fernseher mit Sprachsteuerung kann ich mir gut vorstellen. Allerdings wird diese nicht per Zuruf quer durch das Wohnzimmer funktionieren. Diese Funktion wird integriert in eine neue Form von Fernbedienung, die Sprachbefehle per Funk an den Fernseher überträgt. Siri im iPhone 4S dürfte erst der Anfang sein.

Apple-Guru Steve Wozniak hat sich kürzlich sehr kritisch über Siri geäussert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Was halten Sie von Siri generell?
Mit Testgeräten in der Redaktion habe ich recht positive Erfahrungen gemacht. Siri nimmt eine Menge Tipparbeit ab. Und die geht sonst auf dem kleinen Smartphone-Bildschirm nicht immer leicht von der Hand. Die Trefferquote könnte aber gerne noch höher sein. Insgesamt ist Siri sehr vielversprechend und der Konkurrenz weit voraus.

Der Apple-Fernseher könnte zur viel beschworenen Konvergenz führen. Woran ist die Verschmelzung von Internet und Fernsehen im Wohnzimmer bisher gescheitert?
Viele Zuschauer wissen gar nicht, dass ihr Fernseher internetfähig ist. Oder es ist ihnen zu umständlich, das Gerät mit dem Router zu verbinden – der ja meist nicht im Wohnzimmer steht, sondern ein paar Räume entfernt. Ausserdem: Die klassischen TV-Hersteller haben sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was die Nutzerfreundlichkeit der Internetfunktionen angeht. Mit dem Tablet-PC auf dem Sofa bin ich viel komfortabler und schneller im Internet unterwegs als per Fernbedienung am TV-Bildschirm.

Google TV ist im ersten Anlauf gescheitert. Hardwarepartner Sony hat kürzlich bekannt gegeben, mit Google TV einen zweiten Versuch zu starten.
Ob der zweite Versuch klappt, hängt in erster Linie von der Qualität und Quantität der Inhalte ab, die über Google TV nutzbar sind. Das war bisher offenbar das grösste Problem. Apple dürfte sich das sehr genau angeschaut haben, um die Fehler von Google nicht zu wiederholen. Ich glaube, dass es Platz für mehrere Anbieter gibt. Auf dem Smartphone-Markt funktioniert das ja auch.

Erstellt: 19.01.2012, 10:12 Uhr

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Thomas Ross ist Redaktor und TV-Spezialist beim Magazin «Audio Video Foto Bild».

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