Interview

Was beim 3-D-TV zählt

Der 3-D-Experte Albrecht Gasteiner über 3-D-Fernseher, die Probleme der Filmstudios mit der Technik und weshalb die dritte Dimension ohne Brille noch lange Wunschdenken bleibt.

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3-D ist in aller Munde, die Händler werden nicht müde, den Konsumenten entsprechende Geräte anzupreisen. Was empfehlen Sie?
Für das alltägliche Nebenbei-Geflimmer braucht kein Mensch 3-D. Ich sehe die Technik als Sahnehäubchen des Fernsehens, etwas Besonderes, das man sich gelegentlich gönnt. Für einen besonderen Spielfilm, eine schöne Opernaufführung, eine spannende Sportübertragung.

Bereits in den 80er Jahren wollte man uns 3-D-Fernsehen mit rot-grünen Brillen schmackhaft machen, doch verschwand die Technik schnell wieder. Warum soll es dieses Mal anders sein?
Die sogenannte Anaglyphen-Technik mit den rot-grünen Brillen ist sogar schon hundert Jahre alt und nach heutigen Massstäben liefert sie eine unzumutbar schreckliche Bildqualität. Erst in jüngster Zeit haben die Digitaltechnik und die neuen, schnellen Bildschirme 3-D im Wohnzimmer in uneingeschränkter Full-HD-Qualität möglich gemacht. Schade ist nur, dass es momentan noch viel zu wenig Inhalte für das 3-D-Erlebnis zu Hause gibt - und dass sich das auch nicht so rasch ändern wird.

Weshalb mangelt es an Inhalten?
Einerseits gibt es in Hollywood immer eine gewisse Skepsis, ob sich eine neue Technik auch wirklich durchsetzen wird. Da geht es um sehr viel Geld, also agiert man vorsichtig. Doch andererseits müssen wir auch sehen, dass die Studios – anders als beim Schritt von VHS zu DVD und Blu-ray Disc – nicht einfach ins Archivregal greifen und alte Filme neu veröffentlichen können. Alles muss gedreht werden.

Während «Avatar» als 3-D-Vorzeigefilm gilt, wirkt der Effekt bei vielen anderen Produktionen aufgesetzt.
Vor 50 Jahren, zu Zeiten des Übergangs von der Mono- zu Stereophonie hat es eine Menge grotesker und enervierender Stereoaufnahmen gegeben. Ganz ähnliches erleben wir jetzt beim Film: Die tollen Möglichkeiten der neuen Technik verführen zunächst einmal zum Übertreiben. Doch die Zuschauer wollen nicht von Brachial-Effekten erschlagen werden.

Das heisst?
Regisseure, Kameraleute und Cutter in aller Welt müssen lernen, mit der neuartigen Technik sensibel umzugehen. Es ist eben nicht damit getan, bei der Filmproduktion zwei Kameras nebeneinander zu stellen und loszufilmen wie bisher. Damit sich dem Zuschauer die Faszination der räumlichen Tiefe auf überzeugende Weise erschliesst, braucht es ganz andere Kamerapositionen und einen völlig anderen Schnittrhythmus. Freilich, es gibt auch Studios, die bestehende Filme, vor allem Animationsfilme, zu einem künstlichen 3-D-Erlebnis aufmotzen. Aber dieses artifizielle Pseudo-3-D sieht letztlich genauso wenig natürlich und überzeugend aus wie nachträglich kolorierte Schwarz-Weiss-Filme.

Wird sich die Filmindustrie die Mühe machen, sich auf diese neuen Anforderungen einzustellen?
Ich denke schon, denn mit 3-D lässt sich gutes Geld verdienen. Es gibt in der Industrie sogar einen neuen Beruf: den des Stereographen. Er unterstützt Regisseur, Kameramann und Cutter und optimiert zum Beispiel für jede einzelne Einstellung den Abstand und Winkel der Kameras zueinander.

Dass «Avatar» beim Publikum einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, liegt zu einem guten Teil daran, dass Regisseur David Cameron sich so souverän, konsequent und geschmackvoll dieser neuen, andersartigen 3-D-Filmsprache bedient hat.
Heute halten noch nicht alle 3-D-Filme dem Vergleich mit diesem Meilenstein Stand, aber auf allen Ebenen wird heftig dazugelernt. Also werden wir in den nächsten Jahren mehr und mehr eindrucksvolle Produktionen sehen. Auf Blu-Ray-Disc ebenso wie im Kino und im Fernsehen.

A propos Fernsehen: Wird es in absehbarer Zeit mehr 3-D-Sendungen im Fernsehen geben?
Das wird sich nur langsam steigern. Dies vor allem, weil es einen verbindlichen und 3-D/2D-kompatiblen Sendestandard erst in ein paar Jahren geben wird. Bis dahin braucht man separate Übertragungskanäle für 2-D und 3-D und die sind so teuer, dass 3-D-Sendungen vorläufig eher die Ausnahme bleiben werden als die Regel.

3-D hält auch bei Spielkonsolen, Laptops, Smartphones und Camcordern Einzug.
Richtig, und auch die 3-D-Fotografie erlebt einen ungeahnten Aufschwung. Die gibt es ja schon seit gut 150 Jahren, aber auch hier hat erst die Digitaltechnik den entscheidenden Aufschwung bewirkt. Heute kann jeder ohne nennenswerten Zusatzaufwand spielerisch in die Welt des räumlichen Sehens eintauchen.

Viele Leute stören sich daran, dass man 3-D nur mit Brille konsumieren kann. Doch jetzt versprechen Hersteller eine Lösung ohne Brille. Wie schätzen Sie das ein?
Sogenannte «autostereoskopische» Bildschirme existieren seit Jahren und in der Grössenkategorie von Handy bis Computermonitor werden sie sich sicher rasch ausbreiten. Das Wohnzimmer hingegen werden sie nicht so schnell erobern.

Weshalb?
Den richtigen Bildeindruck bekommt man bei ihnen nur von bestimmten Positionen aus, in einer bestimmten Entfernung und einem bestimmten Winkel zum Bildschirm. Der zur Verfügung stehende Betrachtungswinkel ist so stark eingeschränkt, dass man seinen Sitzplatz nicht frei wählen und sich auch nicht beliebig bewegen kann. Ausserdem sind hochauflösende Bilder für mehrere Betrachtungspositionen nur mit ungeheuer teuren Super-HD-Bildschirmen zu realisieren.

Was folgern Sie daraus?
Deshalb gilt: Wer optimale Bildqualität und uneingeschränkte Familientauglichkeit will, für den führt in den nächsten Jahren kein Weg an der 3-D-Brille vorbei.

Worauf sollte man beim Kauf eines 3-D-fähigen Fernsehers achten?
Wir haben die Welt über Jahrzehnte durch ein mickriges Guckloch betrachtet - jetzt können wir ein richtiges Schaufenster haben! Wählen Sie Ihren 3-D-tauglichen Fernseher also unbedingt um einiges grösser, als sie es eigentlich geplant haben. Sie werden das nicht bereuen. Ein grosser Bildschirm ist bei HD-Inhalten ohnehin schon wichtig, bei 3-D aber zentral.

Weshalb ist die Bildschirmgrösse gerade bei 3-D so entscheidend?
Denn das Erlebnis ist am intensivsten, wenn Sie die Bildumrandung nicht mehr bewusst wahrnehmen, sondern nur noch den Film, der sich von der Flächigkeit des Bildschirms löst und bruchlos den gesamten Raum von Ihrer Nasenspitze bis in die Unendlichkeit auszufüllen scheint. Damit sich dieser Eindruck einstellt, darf sich aber auch nichts im Bildschirm spiegeln. Also sollte man das Umgebungslicht möglichst reduzieren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2011, 14:49 Uhr

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Albrecht Gasteiner ist Gründer des HDTV-Forums Schweiz, der Organisation zur Förderung von hochauflösendem Fernsehen und Video in der Schweiz.

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