Wie das bewegte Bild seine Macht entfaltet

Wer am Mobiltelefon oder an der Digitalkamera ab und zu die Videotaste drückt, sollte sich auch an eine Schnittsoftware wagen. Einfache Programme nehmen dem Videoschnitt seinen Schrecken.

Von der Kamera in die Zeitleiste: Das ist die Kunst beim Videoschnitt (hier in iMovie).

Von der Kamera in die Zeitleiste: Das ist die Kunst beim Videoschnitt (hier in iMovie). Bild: Screen: TA

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1965 hat Kodak das Filmen im privaten Rahmen populär gemacht. Super 8 hiess der Schmalfilm, der in den 70er- und 80er-Jahren auch hierzulande an Familienfeiern und bei Ferienreisen durch die Kameras ratterte.

Wer die einzelnen Rollen zu einem Film montieren wollte, musste die schmalen Filmstreifen genau zwischen zwei Bildern schneiden und mit einer Klebepresse neu zusammensetzen. Auch mit den Camcordern wurde der Filmschnitt nicht einfacher. Man konnte zwar länger und einfacher auch mit Ton filmen. Aber das Schneiden durch lineares Kopieren einzelner Szenen war mühsam und mit Qualitätsverlusten verbunden.

Heute filmt man mit Spiegelreflexkameras in einer Qualität, die früher nur mit teurem Profi-Equipment zu erreichen war. Die Computerhardware ist leistungsfähig genug, um auch HD-Material flüssig zu bearbeiten. Und mit Youtube, Vimeo und Facebook steht eine globale Bühne für die fertigen Filme zur Verfügung.

Mac-Anwender greifen zu FinalCut

Wer am Mobiltelefon oder an der Digitalkamera ab und zu die Videotaste betätigt, sollte sich auch an eine Schnittsoftware wagen. Niemand will Clips betrachten, die unbearbeitet aus der Kamera kamen. Zusammengefügt zu einem kurzen Streifen, erzählen sie eine Geschichte und können Emotionen wecken.

Bei den Videoschnittprogrammen gibt es eine Handvoll brauchbarer Produkte: iMovie von Apple, Premiere Elements von Adobe oder Videostudio von Corel (vormals Ulead), Studio HD von Pinnacle oder Video Easy von Magix. Kostenlos, aber eingeschränkt in der Funktion ist Live Movie Maker von Microsoft (www.windowslive.de/movie-maker). Mac-Anwender mit Ambitionen greifen zu FinalCut Pro X: Diese für 300 Franken im Mac App Store erhältliche Software ist professionellen Produktionen mit mehreren Kameras gewachsen.

Überflüssig: Effektfilter

Es ist empfehlenswert, nicht die erstbeste Software zu wählen, sondern die, deren Bedienung Ihnen einleuchtet und in der Sie sich schnell zurechtfinden. Achten Sie darauf, dass Sie die Videodateien aus Ihrer Kamera problemlos importieren können und die für Ihre Zwecke nötigen Exportmöglichkeiten vorhanden sind. Was Sie nicht benötigen, sind Unmengen an Effektfiltern. Wichtig ist hingegen, dass Sie Ihre Clips einfach organisieren und flüssig arbeiten können. Eine Software, die Ihnen dabei hilft, ist die halbe Miete.

Zentral ist ausserdem, dass Sie das Bildmaterial bezüglich Farbe und Belichtung einfach korrigieren können. Ferner sind eine Stabilisierungsfunktion und eine Korrektur des «Rolling Shutter» sinnvoll. Erstere gleicht (kleinere) Wackler aus, wenn aus der Hand gefilmt wurde. Die zweite Funktion gleicht diagonale Verzerrungen aus, die bei Schwenkern entstehen, weil es bei der zeilenweise erfolgenden Auslesung des Bildsensors zu kleinen Verzögerungen kommt.

Unsichtbare Schnitte

Nach dem Import des Materials landen die Sequenzen in einem Szenenpool. In iMovie heisst dieser «Ereignis-Mediathek», in Premiere Elements «Organisieren». Im Pool sortieren Sie das Material aus, das Sie nicht verwenden möchten. Sie sollten Ihre Clips trimmen, sprich, Überhang am Anfang und am Ende wegschneiden. In einem zweiten Schritt ziehen Sie die Filmstücke in der gewünschten Reihenfolge auf die Zeitleiste und legen die Reihenfolge der Szenen fest. Wenn Sie beim Dreh mit einem Storyboard gearbeitet haben, haben Sie es einfach – falls Sie ad hoc gedrehtes Material zusammenfügen möchten, probieren Sie aus, in welcher Reihenfolge die Sequenzen am besten wirken. Überlegen Sie sich, wie Sie den Zuschauer an Ihre Geschichte heranführen, und halten Sie sich an folgende Regeln:

Zeigen Sie Einstellungen nie länger als nötig, aber werden Sie auch nicht hektisch – vor allem nicht mit zu viel Kamerabewegung. Achten Sie darauf, nicht mitten in Kameraschwenks oder Zooms hineinzuschneiden. Der Zuschauer muss Szenenwechsel nachvollziehen können, aber eine Abfolge allzu ähnlicher Sequenzen ist langweilig. Und: Am besten ist der Schnitt, der dem Zuschauer gar nicht auffällt – man nennt ihn auch den unsichtbaren Schnitt. Innerhalb einer Szene schneiden Sie nur hart, das heisst, ohne jegliche Effekte. Beim Wechsel des Schauplatzes oder bei einem Zeitsprung dürfen Sie aus- und einblenden oder überblenden.

Wie gut das Werk wird, hängt vom Rohmaterial ab

Sie können auch Fotos in der Zeitleiste platzieren und so den Film über eine Familienfeier oder eine Ferienreise auch mit Schnappschüssen aufwerten. Manche Schnittprogramme führen auf Wunsch auch virtuelle Kamerafahrten über das Foto aus. Bei iMovie ist der «Ken Burns»-Effekt dafür zuständig, wobei Sie im Schnittfenster den Ausschnitt für den Anfang und das Ende der Sequenz wählen.

Wie gut Ihr Werk herauskommt, hängt natürlich vom Rohmaterial ab – und davon, wie klar Ihr Konzept beim Filmen war. Doch selbst wenn Sie nach Lust und Laune gefilmt, sprich: einigermassen planlos ans Werk gegangen sind, können Sie einen Streifen hinbekommen, der zumindest für die Beteiligten amüsant anzusehen ist: Wer sieht sich nicht selbst gern im Fernsehen?

Die Suche nach passender Musik

Versuchen Sie zudem, Ihr Publikum durch überraschende Schnitte zu verblüffen und vor allem: Arbeiten Sie mit der Tonspur! Unterlegen Sie ein Musikstück, das das Geschehen unterstreicht – oder konterkariert, falls Sie der Sache eine ironische Wendung geben möchten. Bei der Musik müssen Sie auf das Urheberrecht achten, wenn Sie das Werk öffentlich machen möchten. Das gilt auch dann, wenn Sie es nur auf Facebook veröffentlichen – selbst dann könnte ein unterlegtes Hitparadenstück als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden.

Auf der Musikplattform jamendo.com finden Sie jedoch Stücke, die dank einer Creative-Commons-Lizenz auch für Online-Veröffentlichungen genutzt werden dürfen. Achten Sie auf die Bedingungen der Lizenz: Diese können beispielsweise besagen, dass die Musik nur nicht kommerziell genutzt werden darf und dass der Urheber namentlich genannt werden soll – das sollten Sie im Abspann aber sowieso tun. Wenn Sie ganz kreativ werden wollen, können Sie die Filmmusik auch selbst komponieren: Mit den «Smart Instruments» aus Apples iPad-App GarageBand gelingt das auch beschränkt musikalischen Zeitgenossen, und diese «Hausmusik» darf auch im Netz verwendet werden.

Vor dem Export nochmals alles überprüfen

Bei vielen Schnittprogrammen können Sie ein Voiceover aufnehmen und den Film mit einer gesprochenen Kommentarspur versehen. Der Originalton ist qualitativ meist nicht überzeugend und oft auch nicht sonderlich interessant. Er kann darum ganz weggelassen oder nur für spannende Momente hochgezogen werden. Dafür bietet das Schnittprogramm die Möglichkeit, den Originalton des Clips ein- und auszublenden und zusammen mit der Voiceover- und der Musikspur abzumischen.

Vor der Fertigstellung des Werkes sollten Sie, falls nötig, Farbe und Belichtung der Clips abstimmen und unbedingt die Einblendungen auf Rechtschreibfehler hin prüfen: Nichts ist ärgerlicher, als wenn nach dem (zeitraubenden) Export und Hochladen ein Tippfehler entdeckt wird.

Erstellt: 07.04.2012, 12:39 Uhr

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