Zurück in die digitale Zukunft

In Locarno wird diese Woche das Filmfestival eröffnet. Für die Daheimgebliebenen hat die Digitalredaktion eine eigene Retrospektive zusammengestellt. Wir zeigen sechs visionäre Filme rund um Computer und Digitalwelt.

An der Schwelle zum neuen Digitalzeitalter: Das Hacker-Team von «Sneakers» findet die Schwächen von Sicherheitssystemen. Foto: ddp images

An der Schwelle zum neuen Digitalzeitalter: Das Hacker-Team von «Sneakers» findet die Schwächen von Sicherheitssystemen. Foto: ddp images

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Wie bedienen wir in Zukunft unsere Computer, und wie sehen die aus? Diese Frage beschäftigt nicht nur Apple, ­Google, Microsoft und Co., sondern auch Filmemacher. Die Retrospektive der Digitalredaktion zeigt verschiedene Formen der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, wie sie in Filmen der letzten 40 Jahre dargestellt wurden. Manche sind inzwischen überholt, andere immer noch visionär.

Die Fernsehproduktion «Welt am Draht» von Rainer Werner Fassbinder zeigte etwa schon 1973 eine virtuelle ­Realität, und Steven Spielberg machte bereits 2002 mit «Minority Report» die Multitouch-Bedienung heutiger Smartphones populär. Ganz verwirklicht haben sich aber beide Visionen bis heute nicht. Virtual-Reality-Brillen wie Oculus Rift sind noch nicht markt­reif, und ­unsere Touch-Gesten machen wir auf kleinen Geräten statt mit Spezialhandschuhen vor Grossbildschirmen.

Der nächste Meilenstein

Einen nächsten Meilenstein in dieser Entwicklung könnte «Her» von Spike Jonze aufzeigen: Sprachsteuerung. Das Konzept gab es zwar schon früher in Filmen zu sehen, aber noch nie so realitätsnah und zu Ende gedacht. Tatsächlich wird die Sprachsteuerung zusehends besser. Jahr für Jahr lassen sich mehr Aufgaben auf dem Smartphone oder Tab­let mit Sprachbefehlen erledigen. Googles Datenbrille lässt sich sogar fast vollständig per Stimme steuern.

Wenigstens in der Theorie. In der Praxis klappt das, wie der Test des TA gezeigt hat, noch nicht annähernd so gut wie im Film. Unsere sechs ausgewählten Filme jedenfalls strotzen vor zukunftsweisenden Ideen und sind nicht nur wegen der Technologie interessant – sie sind allesamt auch äus­serst sehenswert und unterhaltsam.


Sneakers (1992)
Robert Redford als Telefonhacker
Aus diesem Film lernen wir drei Dinge: Hacker sind – zumindest meistens – echte Weltverbesserer. Sie schwatzen nicht nur von guten Taten, sondern plündern die Konten der Republikanischen Partei und überweisen das Geld an Amnesty International. Wir lernen, dass die NSA schon im Vor-Internet-Zeitalter ein gruseliger Verein war. Und wir müssen drittens ein weit verbreitetes Vorurteil fallen lassen: Hacker sind nicht immer übergewichtige Bleichgesichter, sondern manchmal auch so umwerfend gut aussehend und charismatisch wie der damals 55-jährige Robert Redford. Die notorische Pizza isst allerdings auch er – was auch den Grundstein für den späteren Konflikt mit dem Jugendfreund «Cosmo» legt. 1992 ist das Internet zwar schon erfunden, doch gehackt wird in diesem Film mittels Akustikkoppler – also mit Modems, in die man einen analogen Telefonhörer hineinklemmen muss.

Martin Bishop (Redford) und seine fünf Mitstreiter tun das, was «White Hat»-Hacker auch heute noch tun: Sie finden Schwachstellen in Sicherheitssystemen von Banken und grossen Firmen und helfen, sie zu schliessen. Nun wird das Team um Bishop dazu gezwungen, einen Mathematiker zu beklauen. Der hat, basierend auf neuen mathematischen Erkenntnissen, einen Chip entwickelt, der jede Verschlüsselung brechen kann. Damit gäbe es keine (digitalen) Geheimnisse mehr. «Sneakers» zeigte schon damals, dass nicht mehr das Geld die Welt regiert, sondern die Information. Diese Prophezeiung ist wahr geworden. Und falls jemals Quantencomputer die heutigen Verschlüsselungs­methoden brechen werden, wird Redford gefragter sein denn je. (schü.)


Her (2013)
Wo sind denn all die Computer hin?
Eine der spannendsten und realistischsten Zukunftsvisionen der letzten Jahre zeigt «Her» von Spike Jonze mit Scarlett Johansson und Joaquin Phoenix in den Hauptrollen. Wie vermutet, bahnt sich zwischen den zwei Hauptdarstellern eine Romanze an. Das ist aber durchaus nicht so selbstverständlich wie in anderen Hollywoodfilmen. Denn Johansson spielt – oder vielmehr spricht – lediglich eine digitale Assistentin: eine Siri der Zukunft. Anders als bei «Idiocracy» (siehe rechts) klappt hier die Sprachsteuerung so gut, dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verfliessen.

Ebenfalls faszinierend: Computer sind allgegenwärtig, doch sieht man sie kaum noch. Der Hauptdarsteller hat eine Art Aufklapp-Smartphone in der Hemdtasche und einen Knopf im Ohr. Das Telefon oder eher Minitablet braucht er nur, wenn er sich Bilder anschauen oder ein Foto machen möchte. E-Mails und Nachrichten lässt er sich über den Kopfhörer vorlesen. An seinem Arbeitsplatz hat Phoenix zwar noch einen grossen Bildschirm, doch weder Tastatur noch Maus.

Auch hier hat sich die Sprachsteuerung durchgesetzt. Noch futuristischer geht es in seiner Wohnung zu, wenn er sich die Zeit mit einem Hologrammspiel vertreibt, das in den Raum projiziert wird. Der Entwickler dieses verschrobenen Spiels hat übrigens kürzlich die App MTN für iOS vorgestellt. Darin bekommt jeder Spieler einen fliegenden Berg zugeteilt. Was man damit soll, muss man selbst herausfinden. (zei)


23 (1998)
Zwischen KGB und Verschwörungstheorien
Wenn Filmemacher Hackern auf die Tastatur schauen, steht Realismus meist weit unten auf der Prioritätenliste. Wie Hacker tatsächlich in Grossrechner eindringen, spielt nur am Rand eine Rolle. Zwar setzt der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmidt in seinem Film «23» auch auf Thriller-Dramaturgie, scheut sich aber trotzdem nicht, das Thema von der technischen Seite her zu entfalten.

«23» basiert auf Ereignissen um den deutschen Hacker Karl Koch alias Hagbard Celine, der in den 80er-Jahren für den KGB westliche Computersysteme ausspionierte. Mit aus heutiger Sicht altertümlicher Computerausrüstung nutzten Koch und seine Komplizen Sicherheitslücken in Firmenrechnern, um deren Informationen abzuziehen und in Ostberlin an einen sowjetischen Mittelsmann zu verschachern.

Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Anarchisten, der aufgerieben zwischen Geldnot, politischem Aufbegehren und Geltungsdrang ein Spiel mitspielt, das eine Nummer zu gross für ihn ist. Der Druck auf den Hacker wächst zusehends und zieht seine Psyche in Mitleidenschaft: Beeindruckt von seiner Lektüre des Romans «Illuminatus» entwickelt Koch einen Verfolgungswahn und sieht überall Verschwörer am Werk, die im Zeichen der Zahl 23 arbeiten. Weniger dokumentarisch, dafür packend erzählt, leuchtet «23» aus, was Hacker-Allmachtsfantasien und ein zwielichtiges Umfeld mit einem jungen Menschen machen können. (jro)


Welt am Draht (1973)
Retrofuturismus aus den 70er-Jahren
An «Second Life» war nicht zu denken – und trotzdem hat Rainer Werner Fassbinder sich schon 1973 ausgemalt, wie es wäre, eine ganze Kleinstadt im Computer zu erzeugen. Die Geschichte basiert auf dem Roman «Simulacron-3» des US-Autors Daniel F. Galouye von 1964 und erzählt die Geschichte von Fred Stiller (Klaus Löwitsch), der am Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung als neuer Direktor die Simulation vorantreibt, um Prognosen für die Wirtschaft erstellen zu können. So geht es darum, den Energieverbrauch fürs Jahr 2000 abzuschätzen. Doch nebst den unerklärlichen Kopfschmerz- und Schwindel­anfällen passieren seltsame Dinge. Mitarbeiter verschwinden, und selbst Berichte in der Zeitung (die zufällig «Tagesanzeiger» heisst) sind plötzlich nicht mehr so, wie sie waren.

Stiller beschleicht die Ahnung, dass er selbst in einer Simulation steckt, so wie Neo in «Matrix» – und wie in «Inception» mehrere Realitätsebenen ineinander verschachtelt sind. Stiller, der auf seine Umgebung zunehmend wahnsinnig wirkt, macht sich daran, die «Kontakteinheit» aufzuspüren. Sie ist die Einzige, die weiss, dass alles nur ­Simulation ist.

«Welt am Draht» ist erst seit kurzem in einer restaurierten HD-Fassung auf Bluray erhältlich. Der Film entführt in eine retrofuturistische Umgebung mit Bildtelefon und Schalensessel und zeigt einen jungen, melancholischen Klaus Löwitsch, der die Verlorenheit des Simulacrums und die Einsamkeit im Computer beklemmend verkörpert. (schü.)


Minority Report (2002)
Spielbergs prophetischer Blick in die Zukunft
Die logisch wie moralisch fragwürdige Idee, künftige Verbrecher vor ihren Taten festzunehmen, verarbeitet dieser Film zu einer Mischung aus Film noir und Science-Fiction. In Erinnerung blieb vielen Kinogängern der Film aber nicht wegen der Geschichte, sondern weil darin die PCs der Zukunft effektvoll mit Handbewegungen gesteuert werden. Als Steven Spielberg 2002 Philip K.  Dicks gleichnamige Kurzgeschichte in die Kinos brachte, kann er nicht gewusst haben, welchen Einfluss sein Film auf Interfacedesigner haben würde.

Viele Filme mit Science-Fiction-Einschlag scheinen heute geprägt von der Art, wie Tom Cruise in «Minority Report» seine Computer bedient: Statt eines Bildschirms sind da in den Raum geworfene 3-D-Bilder. Der User tritt auf als Dirigent: Mit Gesten und Gefuchtel stöbert Cruise die gesuchten Daten auf, holt Bilder heran und blättert durch Dokumente.

Auch sonst ist der Film, der im Jahr 2054 spielt, gespickt mit originellen Visionen der computerisierten Zukunft. In einem dreitägigen Denkfabriktreffen liess Spielberg Zukunftsforscher über­legen, wie die Technologie in «Minority Report» aussehen könnte. Zu sehen gibts im Film denn auch Autos, die sich selbst steuern, und eine Datenbrille, die an ­Google Glass erinnert. Dank Biometrie erkennen Werbebildschirme in Einkaufszentren, wen sie vor sich haben, und spielen personalisierte Reklame ab. Die Zeitung der Zukunft setzt auf flexible Bildschirme, wie man sie aus Smartphone-Forschungslabors kennt. (jro)


Idiocracy (2006)
Blöde Technik für eine verdummte Menschheit
Die Geschichte hat man schon 100-mal gesehen: Ein Niemand rettet die Menschheit und wird zum Helden. Was «Idio­cracy» von der Masse solcher Filme abhebt, ist der Kontext. Statt in einer hoch entwickelten oder düsteren Zukunft spielt die Geschichte in einer gänzlich verblödeten Zukunft. Konsumgesellschaft und Bildungsarmut haben sich durchgesetzt. Dass ein in allen Belangen durchschnittlicher US-Soldat bei einem Experiment eingefroren wird und 500 Jahre später – wieder aufgetaut – zum klügsten Menschen wird, bleibt nebensächlich. Der Film führt uns in eine schreiend bunte Welt voller Dummheit und Ignoranz, das macht die ansonsten harmlose Hollywoodkomödie nicht nur erträglich, sondern sehenswert.

Dass die verdummte Menschheit im Jahr 2505 auf Roboter und Computer setzt, ist keine Überraschung. Doch anders als etwa in Pixars «Wall-E», worin Roboter die Kontrolle über die ver­dummte Menschheit übernommen haben, sind die Geräte in der «Idiocracy»-Zukunft keinen Deut besser als unsere heutigen. Der Staubsaugroboter fährt ständig gegen die Wand, die Sprachsteuerung versteht einfachste Sätze nicht, vor lauter Werbung sieht man das TV-Programm kaum noch, und Computerterminals sind mit riesigen Knöpfen so weit vereinfacht, dass man dann doch nicht weiss, welchen Knopf man drücken soll. Zuverlässig funktionieren einzig die Scanner, die den tätowierten Strichcode auf den Handgelenken der Passanten lesen. (zei) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2014, 22:11 Uhr

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Sneakers (1992)

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Her (2013)

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23 (1998)

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Welt am Draht (1973)

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Minority Report (2002)

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Idiocracy (2006)

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