Das analogste Digitalspielzeug der Welt

Nintendo stellt mit «Labo» eine Spielereihe vor, bei der man sich sein Gerät selbst bastelt – aus Karton.

Die Idee hinter «Labo» ist großartig - wenn es Nintendo gelingt, daraus mehr zu machen als nur ein Kinderspielzeug. Quelle: Youtube/Nintendo

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Karton ist Magie, mächtiger als jede technische Errungenschaft, jedes neue Gadget aus dem Silicon Valley. Er braucht keine Batterien und keine seltenen Erden für die Herstellung, und wenn er mal kaputt geht, dann schneidet man sich eben ein neues Stück aus dem nächsten Paket.

Zum Beispiel eines wie dieses, das so geformt ist wie eine Antenne aus einem Comic, ein Streifen mit einem Kreis an der Spitze. Und das sich in den Schienen an den Seiten des Bildschirms der tragbaren Spielkonsole Switch von Nintendo befestigen lässt. Dort, wo sonst die Controller eingehängt werden. Mit der Karton-Antenne wird aus dem Bildschirm nämlich eine Fernbedienung, und die Antenne ist natürlich ganz, ganz wichtig, um stabilen Funkkontakt mit den Controllern herzustellen.

Das ferngesteuerte Auto, das eher wie eine Wanze aussieht, rüttelt sich dank Vibrationsfunktion durch selbstgebaute Parcours. Fotos: PD

Was Nintendo an diesem Mittwoch vorgestellt hat, heisst «Labo» und ist so etwas wie eine Bastelsoftware für Videospieler. Mit im Paket: eine Schachtel voller Pappbögen, vorgestanzt und nummeriert, die Bauteile, aus denen die Spieler dann Sachen wie ein ferngesteuertes Auto, eine Fischerrute, ein Klavier oder einen Roboter bauen können.

In diese Konstrukte steckt der Spieler dann die Switch-Controller ein. Ihre Vibrationsfunktion treibt das Karton-Auto, das eher wie eine Karton-Wanze aussieht, über den Tisch; ihre Bewegungssensoren registrieren das hektische Kurbeln und Reissen an der Fischerrute; und die Infrarot-Kamera beobachtet, welche Klaviertaste der Spieler gerade anschlägt.

Ein «Soundchip» aus Papier

Aber selbst dort sind die Bausätze teilweise bemerkenswert komplex: Während die ferngesteuerte Wanze in ein paar Minuten gefaltet und zusammengesetzt ist, besteht die ausziehbare Fischerrute samt Kurbel, Schnur und Plastikösen aus 15 oder 20 Einzelteilen. Und dann kommt noch der passende Hochsee-Rahmen für die Konsole selbst: Hier wird der Bildschirm aufrecht eingesetzt, dahinter verschwindet die Fischerschnur in einer Pappschachtel samt Gummiband-Kordel, damit es beim Reissen an der Fischerrute auch ein bisschen Widerstand gibt. Allein für diesen Bausatz braucht ein erfahrener Bastler mindestens eineinhalb Stunden. Den Zeitaufwand für das Klavier mit seinen 13 Tasten plus diversen Schaltern und sonstigen Zusätzen schätzt Nintendo auf etwa das doppelte.

Es ist der typische Nintendo-Charme, der einen auch mal gerne vergessen lässt, dass die Karton-Antenne an der Switch natürlich eigentlich kompletter Unsinn ist. Aber das sympathische Detail ist Ausdruck der Verspieltheit, mit der Labo ganz nebenbei ein Grundprinzip des Mediums Videospiel ins Gegenteil verkehrt: Man drückt auf den Controllern herum und schaut dabei auf den Bildschirm.

Eine clevere Konstruktion aus Gummibändern und knatternden Karton-Plättchen sorgt dafür, dass sich das Einholen und Kurbeln der Rutenschnur so anfühlt, als hinge tatsächlich ein Gewicht daran.

Überhaupt ist Labo vermutlich das analogste Digitalspielzeug der Welt. Ein Bauteil der Rute macht das besonders schön deutlich: Es gibt da einen kleinen Kartonstreifen, hellblau eingefärbt und mit einer Musiknote aufgedruckt. Zum Falten gibt es hier nichts, er wird einfach nur in einen Schlitz in die Kurbel der Rute eingeschoben - und sorgt fortan dafür, dass diese bei der hektischen Fischerei auch ordentlich knattert. Ein Soundchip aus Papier.

Nintendo war einst Hersteller von Spielkarten. Jetzt kehrt der japanische Traditionskonzern also ein Stück weit zu seinen papiernen Wurzeln zurück. Man will sogar noch ein «Kreativ-Set» veröffentlichen, das weder Software noch Bausätze, sondern Dinge wie Aufkleber, bunte Folien, Stifte und Wackelaugen beinhaltet, mit denen man sein Pappkonstrukt verzieren kann.

Nicht nur hat Nintendo also nie aufgehört, in erster Linie Spielwaren- statt Elektronikhersteller zu sein. An Labo zeigt sich auch das Dilemma, das Nintendo seit dem Erscheinen der Spielkonsole Wii vor mehr als elf Jahren plagt: Die Konsolen mögen zwar immer die kreativsten auf dem Markt sein, aber weil sie technisch der Konkurrenz von Sony und Microsoft unterlegen sind, muss Nintendo für erfolgreiche Software selbst sorgen. Wirklich gute Spiele von fremden Entwicklern kann man auf Wii und Wii U an einer Hand abzählen, bei der Switch hat immerhin Ubisoft mit «Mario & Rabbids» ordentlich vorgelegt. Aber ob sich ein Studio mal daran wagt, mit der Hardware mutig zu experimentieren?

Was jetzt erst einmal mit zwei Sets beginnt, könnte irgendwann eine kreative Hobby-Szene motivieren, wenn Nintendo ihnen die Werkzeuge überlässt, mit den Fähigkeiten der Controller mehr zu machen, als sie nur in vorgefertigten Bausätzen anzuwenden.

Der Reiz der Bastelei ist ein bisschen vergleichbar mit den weltberühmten Plastiksteinchen eines Spielwarenherstellers aus Dänemark: Ja, das, was nach Anleitung mit Labo zu tun ist, ist in erster Linie etwas für Kinder. Das Basteln geschieht nach penibel genauer Anleitung und wie genau die zugehörigen Digitalspiele und der sogenannte «Entdecken»-Spielmodus aussehen, hält Nintendo bislang noch geheim. Aber das hemdsärmelige Konzept, all das mit den wirklich allereinfachsten Mitteln – aus Papier! – herzustellen, bringt die Vorstellungskraft in Gang: Was man doch alles mit solchen Papp-Bausätzen und den vielseitigen Switch-Controllern anstellen könnte? Und vor allem: Was die viel kreativeren Leute auf Youtube und Twitch sich wohl einfallen lassen?

Die Hoffnung dürfte sein, dass Labo auch den einen oder anderen Spieleentwickler motiviert, sich mal etwas aus seinem Standardrepertoire herauszuwagen. Bis dahin muss sich Nintendo aber auf sich selbst verlassen und mit der Software gute Gründe liefern, warum auch Erwachsene in Zukunft «Basteln» meinen sollten, wenn sie «Switch spielen» sagen. Was jetzt erst einmal mit zwei Sets beginnt, könnte irgendwann eine kreative Hobby-Szene motivieren, wenn Nintendo ihnen die Werkzeuge überlässt, mit den Fähigkeiten der Controller mehr zu machen, als sie nur in vorgefertigten Bausätzen anzuwenden.

13 Tasten, drei Oktaven, verschiedene Töne - all das aus Karton. Das Klavier ist die beeindruckendste Konstruktion aus dem «Variety Kit». Oder Labo wird eben doch nur dieses Kinderspielzeug sein, das Eltern besonders gern verschenken, weil es neben spassig auch noch kreativ und schlau ist. Was nichts Schlechtes wäre. Nur eben etwas schade um all die wunderbaren Ideen, die die schnöden Karton-Bastelbögen auch bei Erwachsenen auslösen könnten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2018, 15:26 Uhr

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