Zwölf Tipps für den Foto-Filmer

Mit meiner Fotokamera filmen? Keine Angst, so kommts gut.

Wird hier fotografiert oder gefilmt? Ein Mann richtet sein Objektiv auf einen Elefanten.

Wird hier fotografiert oder gefilmt? Ein Mann richtet sein Objektiv auf einen Elefanten. Bild: Reuters

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«Ja, ja, brauche ich aber nie», war jeweils meine Reaktion, wenn mich mal wieder jemand drauf aufmerksam machte, wie vorzüglich man mit meiner Fotokamera doch filmen könne.

Alles änderte sich, als die Nachbarskatze in unserem Garten ein Hummelnest ausbuddelte. So viele Fotos ich auch machte, sie wurden dem Drama nicht gerecht. Widerwillig drehte ich das Modus-Rad auf «Filmen» und drückte «Record».

Obwohl ich fast alles falsch machte, staunte ich über die Qualität und fühlte mich ein bisschen wie die Tierfilmer der berühmten BBC-Dokumentationen. Ich war angefixt.

Erst versuchte ich mich mit Schmetterlingen und Käfern weiter als Tierfilmer, dann mal ein kurzes Video für unser Newsportal oder gar ein Film vom Familienausflug. Zwischendurch las ich Anleitungen und schaute Lernvideos.

Hier die wichtigsten Lektionen aus meinem Lerntagebuch:

Brauche ich dafür eine neue Kamera? Nein! Sofern Ihre Kamera nicht uralt ist oder filmen wie bei manchen Leicas gar nicht möglich ist, sollte es auch bei Ihnen gehen. Vielleicht fehlen ein paar Hightechfunktionen, aber das ist fürs Erste kein Problem. Falls es doch eine neue Kamera sein soll, haben wir drei Empfehlungen in der Begleitbox zu diesem Artikel. Und falls Sie lieber mit dem Handy filmen, haben wir auch dazu eine kleine Box.

Vertraue keiner Automatik: Anders als Smartphones, die inzwischen beeindruckend schlau sind, sind Fotokameras immer noch ziemlich dumm und wählen noch dümmere Einstellungen. Selbst meine diesen Frühling gekaufte Kamera neigt zu unliebsamen Überraschungen und Entscheidungen. Darum sollte man als Erstes herausfinden, wo und wie man so viel wie möglich manuell einstellen kann. Ja, das ist mühsam. Aber es lohnt sich.

Anzahl Bilder pro Sekunde: Moderne Kameras können 30, 60 sogar über 100 Bilder pro Sekunde aufnehmen. Das ist praktisch für Zeitlupen. Aber um einfach normal zu filmen, reichen 24 oder 25 Bilder pro Sekunde völlig. Das ist gut genug fürs Kino und sollte auch für Sie mindestens fürs Erste gut genug sein.

Die richtige Verschlusszeit: Dass es zum Filmen auch eine Verschlusszeit braucht, war mir als Laie nicht klar. Dass es dann auch noch ganz anders funktioniert als beim Fotografieren, noch weniger. Für möglichst scharfe Aufnahmen wählte ich anfangs möglichst schnelle Verschlusszeiten. Ein Fehler! Die Faustregel sagt, die Verschlusszeit sollte doppelt so hoch sein wie die Anzahl Bilder pro Sekunde. Bei 24 Bildern gibt das eine Verschlusszeit von 1/50. Zur eigenen Verwunderung reicht das völlig und sieht auch ganz natürlich aus. Für eine Zeitlupe mit 120 Bildern pro Sekunde gäbe das dann eine Verschlusszeit von 1/250.

Lichtempfindlichkeit und Weissabgleich: Beim Fotografieren überlässt man den ISO-Wert und den Weissabgleich gerne der Kamera. Nachträglich kann man schliesslich immer noch etwas korrigieren. Beim Filmen sollte man nichts dem Zufall überlassen und Lichtempfindlichkeit (ISO) und Weissabgleich manuell einstellen. Ganz ärgerlich ist es nämlich, wenn die Kamera mitten in der Aufnahme die Einstellungen wechselt und eine eben noch weisse Wand plötzlich gelb wird.

Scharf stellen: Profis schwören auf manuelles Fokussieren. Dafür fehlt mir bis jetzt das Auge und die Geschicklichkeit. Es lohnt sich aber, sich mit den verschiedenen Autofokusoptionen der Kamera auseinanderzusetzen. Vielleicht hilft es schon, wenn man den Fokus so einstellt, dass er nur in der Mitte versucht scharf zu stellen. Manuelles Fokussieren empfiehlt sich für Anfänger nur, wenn sie ein Stativ verwenden und sich das Objekt nicht nicht bewegt.

HD oder 4K? Wählen Sie zum Anfangen die tiefere HD-Auflösung. 4K bringt nur etwas, wenn man den nötigen TV hat oder nachträglich digital Zoomen oder einen Ausschnitt wählen möchte.

Zu viel Licht: Eine Folge der gemütlichen Verschlusszeiten ist, dass mehr Licht auf den Fotosensor kommt. Da Verschlusszeit und ISO fixiert sind, kann man nur noch mit der Blende Gegensteuer geben. Wer teure, lichtstarke Objektive hat, hat bei grellem Licht nicht viel davon. Ausser man kauft sich eine Art Sonnenbrille fürs Objektiv. ND-Filter oder Graufilter reduzieren das Licht, das auf den Sensor trifft. So kann man auch bei Tageslicht mit weit offener Blende filmen, sodass Hintergründe schön verschwommen sind.

Was ist mit meinem Objektiv los? Manche Kameras nutzen zum Filmen nicht den ganzen Bildsensor. Das hat zur Folge, dass Objektive eine andere Brennweite bekommen, also näher ranzoomen, als man das vom Fotografieren gewohnt ist. Der Fachausdruck dafür ist Crop. Hier lohnt sich ein Blick ins Handbuch. Manche Kameras filmen zum Beispiel bei normaler HD-Auflösung ohne Crop und bei der höheren 4K-Auflösung nur noch mit Crop.

Ton nicht vergessen: Smartphones haben teilweise beeindruckend gute Mikrofone eingebaut. Kamerahersteller knausern da gerne. Schon ein günstiges Mikrofon für 50 Franken kann Wunder wirken. Bevor Sie jetzt voreilig ein Mikrofon kaufen, prüfen Sie erst, ob man es auch an der Kamera anschliessen kann. Und noch ein Tipp: Lernen Sie, wo man den Lautstärkepegel des Mikrofons einstellt. Die Faustregel sagt: Lieber zu leise als zu laut aufnehmen.

Nicht verwackeln: Verwackelte Videos sind keine Freude. Mit Software lässt sich das zwar teilweise retten, doch besser verhindert man es im Vorfeld. Überstürzen Sie bloss nichts und kaufen Sie sich nicht gleich einen Gimbal. Die wuchtigen Geräte gleichen mit Motoren zitternde Hände aus. Meist reicht schon ein altes Stativ, ein Drehstuhl, eine Tür oder nur schon, die Kamera nah am Körper zu halten.

Nicht übertreiben beim Schneiden: Wer seine Aufnahmen später zusammenschneiden oder sonst wie bearbeiten will, braucht ein Programm. Auch hier lohnt es sich, erst mal nicht zu überborden und die Gratisoptionen, die das eigene Betriebssystem mitbringt, auszuprobieren. Profis setzen auf Adobe Premiere oder Apples Final Cut. Selbst nutze ich Luma Fusion auf einem iPad.

Und jetzt los! Übung macht den Meister. Viel Spass!

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Erstellt: 17.10.2018, 12:00 Uhr

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Canon M50

Wer eine gute Fotokamera und eine noch bessere Videokamera für wenig Geld sucht, wird an der Canon M50 (ab 500 Franken) viel Freude haben. Die Bedienung ist einfach, der Autofokus ist schnell, und neue Objektive kosten nicht die Welt. Praktisch für angehende Youtuber: Der Bildschirm lässt sich so schwenken, dass man sich beim Filmen selber sehen kann.
Der grösste Nachteil: 4K filmt sie nur mit Crop, also einer Vergrösserung.

Panasonic GH5

Die Panasonic GH5 ist der Liebling aller Youtuber. Panasonic hat früher als andere Hersteller erkannt, dass Fotokameras auch gute Videokameras sein müssen. Die GH5 (ab 1500 Franken) und die GH5s (ab 2150 Franken) machen ambitionierte Filmer mit guter Bildqualität, vielen Einstellungsmöglichkeiten, einfacher Bedienung und einem schwenkbaren Bildschirm glücklich.
Der grösste Nachteil: Der Autofokus ist nicht gerade schnell.

Sony A7 III

Sonys neuste Vollformatkamera, die A7 III (ab 2400 Franken) ist ein Hit. In den USA war sie lange Zeit ständig ausverkauft. Erst langsam bessert sich die Lage. Der Grund: Ambitionierte Hobbyfilmer und Profis sind gleichermassen begeistert vom Gesamtpaket aus Bildqualität, Lichtempfindlichkeit und Fokusgeschwindigkeit. Auch als Fotokamera macht die neue A7 übrigens eine sehr gute Figur.
Der grösste Nachteil: Sie hat keinen schwenkbaren Bildschirm.

Filmen mit dem Smartphone

Was fürs Filmen mit der Fotokamera gilt, gilt auch fürs Smartphone. 24 Bilder pro Sekunde (24p) reicht völlig. 4K sollte man nur nutzen, wenn man Speicher ohne Ende hat. Viele Einstellungen bleiben einem aber auch verwehrt. Das ist bei neueren Handys aber wenig tragisch, da sie mit der enormen Prozessorleistung, die manchen Laptop übertrifft, viel mehr richtig machen und heimlich korrigieren als wenig smarte Fotokameras. Wer trotzdem manuelle Einstellungen vornehmen möchte, ist mit der App Filmic Pro (15 Franken für Android und iOS) gut beraten.

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