Hintergrund

Internet statt Kabel-TV

PC und Fernseher verschmelzen. Holt man Internetinhalte per Browser auf den Fernsehbildschirm, stellt man aber schnell fest, dass der sich mit der Fernbedienung schlecht steuern lässt. Darum braucht es neue Geschäftsmodelle.

Mytvlink ermöglicht Zugriff auf Mediatheken, Internet-Shows, Web-TV, Facebook-Videos und Youtube in einem Portal auf dem Fernseher.<br> Screenshot: Mytvlink.de

Mytvlink ermöglicht Zugriff auf Mediatheken, Internet-Shows, Web-TV, Facebook-Videos und Youtube in einem Portal auf dem Fernseher.
Screenshot: Mytvlink.de

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Der Kauf eines Fernsehers wird immer komplizierter. Soll ein 3D-Gerät her? Muss der Fernseher internetfähig sein? Sollte man lieber warten, bis Google und Apple ihre TV-Pläne auf den Tisch gelegt und die ersten Geräte auf den Markt gebracht haben? Oder ist die Settop-Box Horizon, die Cablecom im nächsten Jahr auf den Markt bringt, ausreichend? Die Antwort ist so kompliziert wie einfach: Es hängt ganz davon ab, wie man die Medien Fernsehen und Internet nutzt und wie viel man wofür zu zahlen bereit ist.

Bei aller Konvergenz der Medien gilt nämlich weiterhin, dass es sich um unterschiedliche Technologien handelt – und dass es ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle gibt.

Auf der Suche nach einem einheitlichen Standard

Ob die Settop-Box nun ein separates Gerät ist oder in den Fernseher integriert wird (wie Google-Verwaltungsrat Eric Schmidt es für Google TV verspricht): Der Zugang zum Internet wird über spezielle Apps oder einen Browser geschaffen. Die Standards für die Apps sind allerdings derzeit noch nicht vereinheitlicht – was etwa auf einem Gerät von Samsung läuft, funktioniert nicht unbedingt auf einem von Panasonic.

Will man Internetinhalte aber per Browser auf den Fernsehbildschirm holen, stellt man schnell fest, dass der sich mit der herkömmlichen Fernbedienung nur schlecht steuern lässt. Und: Natürlich zahlt man in dieser Konstruktion sowohl für Internetzugang als auch für das, was man sich als Fernsehprogramm klassisch durch das Kabel liefern lässt.

Die Fernsehzukunft hat in den USA schon begonnen

Das allerdings könnte sich ändern, denn auch die Mediennutzung selbst befindet sich im Umbruch, vor allem bei jüngeren und bei ausgesprochen internetaffinen Zielgruppen. Deren Bedürfnissen soll exemplarisch das Angebot Mytvlink gerecht werden, bei dem der Spiess sozusagen umgedreht wird. Inspiriert wurde die Idee dahinter von Entwicklungen in den USA, wie Christian Miessner, Mitgründer des deutschen Start-Ups Mytvlink erläutert. «Was dort passiert, erkennt man am besten an der User-Gruppe der sogenannten 'Cord Cutters', die auf Kabel-TV verzichten und sich nahezu alles an Content aus dem Internet holen.» Gezahlt wird dann in der Regel nur für den Internetzugang und ein Abonnement für eine Digital-Videothek wie Netflix, die Filme sowohl über Kabel als auch via Internet ausliefert.

Aber es ist nicht nur dieser Aspekt, der das Nutzerverhalten verändert. «Der lineare Fernsehkonsum, wie wir es nennen, ist bereits auf dem Rückzug – das Programm der Fernsehsender wird zunehmend nach Bedarf abgerufen», sagt Miessner.

Fernseher wird zum Monitor

Das bestätigen auch die Zahlen, die das Schweizer Fernsehen in seinem letzten Leistungsbericht für das Jahr 2010 veröffentlicht hat. Da haben die Abrufe des Video-on-Demand-Angebots – erfasst wurde die durchschnittliche Zahl der Videostarts pro Monat – 2009 bis 2010 von rund 3,952 Millionen auf 7,02 Millionen zugelegt. Das bedeutet eine Steigerung um fast 78 Prozent.

Der Fernseher wird dabei zum vergrösserten, luxuriöseren Monitor des Computers, über den die Internetinhalte abgerufen werden – das aber ermöglicht auch ganz andere Angebote für den Nutzer. Christian Miessner sagt: «Wir arbeiten an einer Benutzeroberfläche, die man zum Beispiel über den Chrome-Browser von Google ansteuert. Diese Oberfläche wird dann personalisiert den Zugriff auf das bieten, was der Nutzer an Bewegtbild aus dem Internet sehen will. Facebook zum Beispiel wird nicht so dargestellt, wie man es auf dem PC-Bildschirm sieht, sondern in einer speziell angepassten Version, die nur Videos herausfiltert, etwa die, die Freunde produziert oder selbst angesehen haben.»

«In erster Linie ein Fernseher»

Das allerdings ist eine Herausforderung, denn eine gewöhnliche Internet-Seite auf dem Fernseher will Mytvlink nicht sein, wie Miessner präzisiert. «Geplant ist eine Organisation in thematische Kanäle, wobei die Quellen nicht das Entscheidende sind. Wir stellen uns vor, dass beispielsweise ein User, der sich für eine bestimmte Show oder Fernsehserie interessiert, alles bekommt, was dazu im Internet zu finden ist - das wird dann aus Youtube, Mediatheken oder anderen Quellen geholt.»

Live- oder lineares Fernsehen wird es aber weiterhin geben, glaubt Miessner: «Schliesslich bleibt der Fernseher immer noch in erster Linie ein Fernseher». Ob dann aber zum Beispiel für den Zugriff auf die «Tagesschau» direkt zum Zeitpunkt der Ausstrahlung tatsächlich das teure Kabelfernseh-Abonnement genutzt wird oder ob dann nicht doch einfach auf DBTV oder auf einen Satelliten-Receiver zurückgegriffen wird, wird sich zeigen.

Tipps für den TV-Käufer

Und was ist nach Miessners Meinung beim Fernsehkauf zu berücksichtigen? «Er sollte einfach nach klassischen Kriterien wie Bildqualität, Design und ähnlichem ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten – wenn man nicht unbedingt der Meinung ist, dass eine Settop-Box, die man eventuell später nutzen möchte, unbedingt im Gehäuse versteckt sein muss, stehen eigentlich alle Optionen für die Nutzung von TV und Internet offen, wenn man die entsprechende Hardware dazukauft und anschliesst».

Mytvlink steht in einer Gratis-Beta-Version unter Mytvlink.de zur Verfügung. Sie kann derzeit allerdings nur via PC respektive anhand eines an den Fernseher angeschlossenen Computers genutzt werden. Geplant ist, die Plattform zunächst für den Chrome-Browser von Google zu optimieren.

Erstellt: 19.12.2011, 10:05 Uhr

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Einem Bericht des «Wall Street Journal» zufolge haben sich Apple-Manager mit Vertretern amerikanischer TV-Unternehmen getroffen. Unter anderem soll es dabei um Streaming-Inhalte gegangen sein, die der Nutzer via iPad und iPhone steuern kann.

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