Ist das iPhone 8 Plus die bessere Spiegelreflexkamera?

Unser Vergleich zwischen dem neuen Apple-Smartphone und der Canon EOS 6D Mark II

Canon EOS 6D Mark II, die Neuauflage einer beliebten Vollformatkamera für Profis, im Vergleich mit der neuen Doppelkamera des iPhone 8 Plus

Canon EOS 6D Mark II, die Neuauflage einer beliebten Vollformatkamera für Profis, im Vergleich mit der neuen Doppelkamera des iPhone 8 Plus

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Gewiss, der Vergleich ist etwas frech. Fotopuristen, Profifotografen und Bildredaktorinnen stehen die Haare zu Berge, wenn eine Smartphone-Kamera mit einer Spiegelreflex (DSLR) verglichen werden soll. Wir haben es trotzdem gewagt, weil wir glauben, dass der Vergleich mit dem neuen iPhone 8 Plus, das im Gegensatz zum ebenfalls neuen Flaggschiff iPhone X schon jetzt in den Läden ist, erstmals gerechtfertigt und hoch interessant ist. Denn was im neuen iPhone heranwächst, ist die Fotografie der Zukunft.

Diese ist kaum noch eine Sache von Sensorgrössen, Objektiven und Verschlusszeiten, sondern von Software, Prozessoren und schlauen Algorithmen. «Die Kamera der Zukunft ist eine App», schrieb das «Time Magazine» schon vor zwei Jahren. Das iPhone 8 führte das im wöchigen Test deutlich vor Augen.

Die Kontrahenten

iPhone 8 Plus: Dass die Handykamera mithalten kann, ist hauptsächlich schlauer Software und neuen, leistungsstarken Prozessoren zu verdanken. In diesem Handy (und im iPhone X) steckt Apples neuste Fototechnik. Ausser den beiden Zwölf-Megapixel-Linsen – ein Weitwinkelund ein Teleobjektiv – wurde die ganze Kamera überholt. Ein neuer Sensor, wohl aus Sonys Werkstatt, fängt mehr Licht ein, und Apple selbst hat einen schlauen Bildsignalprozessor beigetragen, der Elemente des Motivs erkennt und das Bild optimiert, noch bevor der Auslöser gedrückt wird.

Canon EOS 6D Mark II: Diese Neuauflage eines DSLR-Klassikers gehört zum Besten, was man derzeit erhält und richtet sich an ambitionierte Hobbyfotografen wie Profis. Im Plastikgehäuse steckt ein Vollformat-Sensor (36 × 24 mm) mit 26 Megapixeln. Dazu gesellt sich ein 5-facher Bildstabilisator und ein schneller Autofokus mit 45 Fokuspunkten. Die Lichtempfindlichkeit reicht bis Stufe 40 000 und ist erweiterbar bis zu ISO 102 400 – damit ist man auch für Nachtaufnahmen gut gerüstet. Für den Test haben wir das Kit-Objektiv gewählt, weil es am weitesten verbreitet sein dürfte.

Grösse

Ein grosser Vorteil der iPhone-Kamera ist, dass man sie immer dabeihat und nicht einmal spürt. Die DSLR dagegen trägt man nur ungern etwa auf Reisen mit, selbst wenn sie dank Plastikgehäuse erstaunlich leicht ist.

Bokeh

Einer der Hauptgründe, weshalb man sich eine teure Kamera mit Wechselobjektiv leistet, ist der Bokeh oder Blur-Effekt, also der verschwommene Hintergrund. Die besten Smartphone-Kameras bringen das jetzt auch – dank intelligenter Software. Sie erfasst das Hauptmotiv, zum Beispiel den Kopf, und stellt dann das Umfeld verschwommen dar. Dafür gibt es den Porträtmodus, der erstmals beim iPhone 7 verfügbar war und beim iPhone 8 nochmals deutlich verbessert ist. Noch immer passieren kleine Fehler, etwa dass bei Blumen der Stängel «geblurt» wird, weil ihn die Software nicht als dazugehörig wahrnimmt. Bei gutem Licht sind die erzielten Ergebnisse besonders bei Menschen aber ausgezeichnet.

Mit der Spiegelreflexkamera können solche Fehler indes nicht passieren. Mit dem Vollformat-Sensor, mindestens 50 mm Brennweite und möglichst offener Blende, in diesem Fall 5, lässt sich auch bei schwachem Licht selbst mit dem mittelmässigen Kit-Zoom ein wunderschönes Bokeh erzielen.

Der Hintergrund verschwimmt: Porträtmodus vom iPhone 8 Plus (oben), Canon EOS 6D Mark II (unten).

Licht und Blitz

In Sachen Lichtempfindlichkeit hat die Spiegelreflex nach wie vor die Nase vorn. Besonders bei Sternenhimmel oder Nachtaufnahmen spielt die Canon 6D ihre Stärken aus. Dennoch sind die Resultate des iPhone 8 Plus erstaunlich. In der Nacht lässt sich deutlich beobachten, wie schnell der Bildprozessor rechnet: Während das Foto auf dem Monitor vor dem Auslösen extrem pixelig ist, ist das Bildrauschen beim fertigen Foto Sekunden später fast verschwunden, einfach weggerechnet.

Im iPhone 8 Plus, und nur im Plus, lassen sich neuerdings mit der Funktion Porträtbelichtung auch fünf verschiedene Lichtsituationen simulieren. Einmal versucht der Algorithmus mittels Schatten und Kontrasten möglichst ausdrucksstarke Porträts zu schaffen. Ein anderes Mal wird das fotografierte Gesicht künstlich ins Scheinwerferlicht gesetzt, während der Hintergrund in Schwarz versinkt. Die Funktion ist in der Betaphase und derzeit erst eine spannende Spielerei. Übrigens: Um Gesichter im Gegenlicht aufzuhellen, lässt sich beim iPhone 8 der eingebaute Blitz aktivieren. Bei der DSLR muss er zugekauft werden.

Geschwindigkeit

Tempo ist von jeher die Domäne der Königsklasse, weshalb sich Sportfotografen noch immer uneingeschränkt für eine DSLR entscheiden. Allerdings überrascht das iPhone auch hier: Flügelschlagende Möwen kommen absolut scharf ins Bild; und die Serienbildgeschwindigkeit beträgt zehn Bilder pro Sekunde. Die Canon 6D bringt es in derselben Zeit auf 6,5 Fotos.

Schönes Bokeh mit der Canon EOS 6D Mark II; die Software des iPhone 8 Plus «erkennt» im Porträtmodus den Stängel nicht als zur Blume gehörend und «blurt» (unten).

Video und Soziales

Videofans dürften ihre Freude am iPhone haben. Erstmals sind Clips in 4K-Auflösung mit maximal 60 Frames pro Sekunde möglich – technisch beeindruckend. Die Videos der Canon sind dagegen nur halb so scharf. Wer seine Clips oder Schnappschüsse teilen will, hat bei der 6D Pech: Bluetooth und WLAN sind zwar eingebaut, die Verbindung via App zum iPhone ist aber umständlich aufzubauen. Anders beim Handy: Im Nu sind die Fotos auf Instagram.

Fazit

Noch kommt die Bildqualität des iPhone 8 Plus nicht an jene einer Canon 6D heran, holt aber in grossen Schritten auf. Es ist erstaunlich, was man mit dem kleinen Ding zustande bringt, insbesondere bei Sonnenschein: Porträtbilder werden unglaublich gut, der Autofokus reagiert fix, Farben und Kontraste sorgen für Tiefe. Und je besser man die Kamera kennt, desto mehr lässt sich auch hier aus ihr herausholen. Die Vollformatkamera dagegen spielt das Handy nach wie vor bei Nachtaufnahmen und sich bewegenden Motiven an die Wand, hinkt aber beim Teilen immer noch sträflich hinterher. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.11.2017, 14:04 Uhr

Die Kontrahenten

Canon EOS 6D Mark II Die Neuauflage einer beliebten Vollformatkamera: 26 MP, ISO 50–102 400, Video 1920 × 1080 mit 60 fps, 765 g, GPS, 6,5 Serienbilder pro Sek, 5-Achsen-Bildstabilisator, JPG- und RAW-Format, WLAN, Bluetooth.
Preis: Gehäuse ab 2000 Fr., mit 24–105-mm-Objektiv ab 2300 Fr.

iPhone 8 Plus 12-MP-Doppel-Kamera mit Weitwinkel- (f/1.8) und Teleobjektiv (f/2.8), Porträtmodus, Porträtbelichtung, Video 4K mit 60 fps, 202 g, GPS, 10 Serienbilder pro Sek., opt. Bildstabilisator, HEIF- und JPG, opt. Zoom, bis zu 10-fach digitales Zoom, Blitz.
Preis: iPhone 8 Plus ab 959 Fr.

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