Nintendos Odyssee ist zu Ende

Der japanische Spielkonsolenhersteller hats geschafft. Die neue Switch ist ein Renner.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gamescom, erster Publikumstag: Der Nintendo-Stand ist rappelvoll. Jung und Alt stehen geduldig in Warteschlangen vor Dutzenden von Bildschirmen, kein Quadratzentimeter Boden ist mehr frei. Alle wollen sie die neuesten Nintendo-Games anspielen. Seit die Switch-Konsole auf dem Markt ist, sind die Fans wieder zurück. Die Wende ist geschafft.

Das bestätigen auch die Zahlen. Im ersten Monat nach der Markteinführung im März 2017 wurden weltweit 2,7 Millionen Switch-Konsolen verkauft, fast so viele, wie von der Erfolgskonsole Wii im ersten Verkaufsquartal über den Ladentisch gingen. Im Juli war die Switch gemäss den Marktforschern von NPD sogar die meistverkaufte Konsole in den USA und ist drauf und dran, die PS4 einzuholen.

Das lässt die Kassen klingeln. Die Switch fuhr im letzten Quartal einen Gewinn von rund 21,3 Milliarden Yen (184,7 Millionen Franken) ein, während die Vorgänger-Konsole Wii-U im selben Vorjahresquartal einen Verlust von über 24,5 Milliarden Yen machte.

Die grosse Nachfrage scheint auch den Hersteller überrascht zu haben. Wer «switchen» wollte, musste lange warten, und noch heute ist die Konsole nicht in allen Läden an Lager. Beim Elektronikhändler Brack.ch etwa ist sie momentan verfügbar und bei Manor ab nächster Woche wieder lieferbar, nicht aber bei Mediamarkt oder Digitec: «Wir sind seit dem Launch laufend ausverkauft. Wenn Ware reinkommt, wird gleich alles wieder leer gekauft», heisst es bei der Migros-Tochter.

Nintendo verspricht Besserung und hat angekündigt, bis Ende März 2018 weitere zehn Millionen Stück auszuliefern. «Wir sind froh darüber, dass die Konsole mittlerweile wieder im Handel sichtbar ist und wir der hohen Nachfrage allmählich nachkommen können", sagt Ettore Trento von Nintendo Schweiz. Um das Weihnachtsgeschäft nicht zu verpassen, wolle man vorher in mehreren Schüben nachliefern. Kurzum: Nintendo hat einmal mehr ins Schwarze getroffen.

Selbst das Switch-Ladegerät ist einfach zu transportieren

Dabei hatten viele die japanische Traditionsfirma bereits abgeschrieben. Die Vorgänger-Konsole Wii-U war ein Flop. Seit dem Start 2012 wurde sie nur 13 Millionen Mal verkauft. Mit der Spielefirma ging es bergab, eine neue Konsole musste her. Es ging um alles oder nichts.

Beherzt präsentierte das Traditionshaus dann im März dieses Jahres mit der Switch ein völlig neues, eigenständiges Spielkonzept, fernab von Trends wie virtueller Realität, Mobile Gaming oder immer besserer Grafikleistung. Die Switch ist ein Hybrid. Mit ihr kann man daheim wie mit einer PS4 oder Xbox vor dem TV zocken, aber auch unterwegs weiterspielen, nahtlos, immer, überall.

Den Spielern scheint diese Flexibilität zu passen. Die Switch lässt sich auch bequem mit in die Ferien nehmen, mit Ladestation ist sie nicht grösser als ein Buch. Unterwegs kann man die Steuerknüppel auf der Seite auch abnehmen und gegeneinander im Rennspiel «Mario Kart» um die Wette fahren – auf langen Autofahrten für Kids ideal. Die Flexibilität bietet auch den Spieldesignern neue, ungeahnte Möglichkeiten, die sie nur zu gern nutzen. Während bei der Wii-U kaum noch Spielestudios bereit waren, für die Plattform zu entwickeln, springen sie jetzt wieder auf. Gespannt wartet die Gemeinde etwa auf die erste Ankündigung der Abenteuerspiele-Schmiede Telltale. Ende September bringt Electronic Arts das Fussballspiel «Fifa 18» in den Handel, und anspielen konnten wir das grafisch anspruchsvolle, epische Action-Rollenspiel «The Elder Scrolls V: Skyrim» von Bethesda. Es kommt auch auf der kleinen, im Vergleich zu einer PS4 oder Xbox One leistungsschwachen Konsole überraschend gut und ruckelfrei rüber.

Die erste Retro-Konsole war sofort ausverkauft

Das Highlight heisst aber «Super Mario Odyssey» und kommt am 27. Oktober in den Handel. Es dürfte für viele ein gutes Argument sein, sich zu Weihnachten die kleine Konsole zu schenken. Zwei Welten konnten wir an der Gamescom antesten: Mario in der Wüste und, eine ganz neue Erfahrung für den Sanitär, in der Grossstadt. In dieser offenen Spielwelt umherzuspringen, sich von Motorhauben in luftige Höhen katapultieren zu lassen oder Vespa zu fahren, macht einfach gute Laune. Und für strategiehungrige Fans ist mit «Mario + Rabbids Kingdom Battle» erstmals ein rundenbasiertes Mario-Game in der Pipeline.

Weiterhin nicht forcieren will man indes das Geschäft mit mobilen Spielen. Nach dem ersten eigenen Handytitel «Super Mario Run» Ende 2016, der nicht zum erhofften Kracher wurde, und zwei anderen Titeln sind bis Ende März lediglich zwei bis drei weitere Handy-Spiele geplant. Viel mehr als von mobilen Games lebt Nintendo ohnehin von der Nostalgie, weshalb im Juni eine Wiederauflage des Nintendo Classic Mini: Super Nintendo Entertainment System, kurz SNES, angekündigt wurde. Die Konsole der 1990er-Jahre wird im Mini-Format am 29. September mit 21 vorinstallierten Klassikern in die Läden kommen. In Köln konnten wir sie ausprobieren.

Die Controller-Kabel sind etwas länger geworden als bei der ersten Retro-Konsole NES Classic Mini, sodass man bei Spielen mehr Abstand vom TV nehmen kann. Wermutstropfen: In den USA startete der Vorverkauf vor wenigen Tagen, und die Konsole war laut Medienberichten innert 20 Minuten bereits ausverkauft. Die Fans sind frustriert, weil es beim Start der NES Classic Mini im November 2016 ähnlich war. Nintendo gerät in den Verdacht, bewusst für Verknappung zu sorgen, um das Interesse so künstlich hoch zu halten.

Nichtsdestotrotz: Die Rechnung des Traditionshauses geht auf. Mut und Eigensinn haben sich ausgezahlt. Nintendo hat seinen Weg abseits ausgetrampelter Pfade gesucht und gefunden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.08.2017, 17:51 Uhr

Artikel zum Thema

Nintendo Switch – etwas für Mutige

Getestet Über weite Strecken gefällt die neue Konsole. Es gibt aber auch ein paar Wermutstropfen. Mehr...

Angespielt: Nintendo Switch

Die neue Spielkonsole der Japaner ist mobiler Handheld und stationäre Konsole in einem. Bringt es das? Mehr...

Gemeinsam zocken mit Sonys Spielereihe Playlink

Wenig VR, mehr Familienspass

An der Gamescom, die gestern zu Ende ging, konnten viele an der E3 im Juni angekündigte Titel erstmals angespielt werden. Das macht die Messe beim Publikum so beliebt. Auch Games mit virtueller Realität liessen sich ausprobieren, allerdings war VR heuer nur am Rand ein Thema. Die Headsets sind nach wie vor schwer und die Ausstattung teuer. Und vielen wird beim Spielen einfach schlecht. Massentauglicher und familienfreundlicher ist dagegen Sonys neue Spielereihe Playlink. Dabei geht es darum, zusammen am TV (oder online) eine Runde zu zocken und Spass zu haben. Als Eingabegerät dient das Smartphone oder Tablet, das man via WLAN mit Sonys PS4-Konsole verbindet und dann zum Steuern schüttelt, dreht, drüberwischt oder draufklickt. Die angespielten Titel waren allesamt witzig, unterhaltsam und machten Lust auf mehr. Die Bandbreite reichte von einem Wissenquiz über den fesselnden Psychokrimi «Hidden Agenda» bis hin zu Minispielen in Frantics, wo es etwa darum geht, die Figuren der Mitspieler von einer glitschigen Eisfläche zu schubsen. (luc) (Sony)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Blogs

Mamablog Die Angst vor dem dritten Kind

Von Kopf bis Fuss Eiweiss ist kein Wundermittel

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Hauslieferung: Der Weihnachtsbaum wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron Trump ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...