Wie kindergerecht ist Youtube Kids?

Von Googles Video-App gibt es nun eine Variante speziell für Kinder. Wir haben sie vorab ausprobiert.

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Just dieses Wochenende lag unser älterer Junior (3) krank im Bett. Beruhigen konnte ihn einzig diese eine Kinderlieder-CD, die er in der Krippe gerne hört, die wir aber nicht haben und die es auch nicht bei Spotify gibt. Zum Glück fand sich die komplette CD bei Youtube. Also Play gedrückt und schnell in die Küche frischen Tee holen gegangen.

Auf dem Rückweg hört man schon von weitem eine Explosion nach der anderen, quietschende Autoreifen und ein wildes Geballere. Hat der Frechdachs etwa ein anderes Filmchen gewählt?

Nein, es war eine Werbung für einen Actionfilm, die Youtube reichlich unpässlich zwischen die Kinderlieder einstreute. Der Sohnemann hat davon zum Glück nichts mitbekommen. Der war wohl schon nach den ersten Klängen der geliebten CD eingeschlafen.

Rettung mit der Maus

Ehe uns der Kollege Matthias Schüssler vor ein paar Monaten die «Die Sendung mit der Maus»-App empfohlen hat, haben Junior und ich jeweils zusammen auf Youtube Lernfilmchen aus der didaktisch wertvollen ARD-Sendung geschaut. Dabei sind wir auch auf allerhand unpässliche Werbung gestossen. Mit ein Grund, warum Junior auch nie alleine Filmchen schauen darf. Immerhin hat er so schon früh gelernt, was Werbung ist und dass man sie besser wegklickt.

Doch nun soll alles besser werden. Youtube Kids kommt in die Schweiz. Die App sei speziell auf Kinder zugeschnitten, Eltern hätten ganz viele Kontrollmöglichkeiten, und die Werbung sei garantiert kinderfreundlich (Werbung für Esswaren und Getränke seien komplett verboten), verspricht eine Google-Mitarbeiterin bei der Präsentation im Video-Chat.

Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll und nach einer guten Lösung, um den Videodienst, der reich an unglaublich tollen, aber auch unglaublich blöden Inhalten ist, einem jüngeren Publikum zugänglich zu machen. Doch wie schlägt sich die App im Alltag, und was hält der Junior davon?

Der ist auf jeden Fall hell begeistert vom quietschbunten Intro, das jedes Mal abgespielt wird, wenn man die App neu startet, und das man auch nicht abbrechen kann. Der Papa findet das alles etwas zu bunt und lärmig. Aber man muss ja der Jungmannschaft nicht jeden Spass verderben.

Kopfrechnen ist gefragt

Die Installation klappt einfach. Eltern müssen sich jeweils mit einer Kopfrechenaufgabe als Erziehungsberechtigte zu erkennen geben. Dann kann man die App mit dem eigenen Google-Konto verbinden und Profile für mehrere Kinder anlegen. Wir erstellen eines für ein dreijähriges Kind namens Jean-Luc und erlauben ihm, zusätzlich die Suchfunktion zu nutzen. Die Nutzungszeit schränken wir erst mal nicht ein. Also los.

Die ersten Videos sehen alle quietschbunt aus und wirken irgendwie zu babyhaft für einen Dreijährigen. Selbst in der Kategorie «Lernen» kann er sich weder für ein Lied übers Händewaschen noch für Lastwagen, die Trampolin springen, noch für ein Filmchen zum deutschen Alphabet mit dem scharfen S begeistern. Apropos Sprache, da finden sich auch mehrere Videos in Französisch und Italienisch. Das ist toll für den Zusammenhalt der Sprachregionen, aber für unseren Junior doch noch etwas früh.

Zufällig und etwas billig

Nebst der Kategorie «Lernen» gibt es noch «Musik», «Serien» und «Entdecken». Auch in den Kategorien wirken die Empfehlungen eher zufällig und wenig hochwertig. Gut möglich, dass sich Ersteres bessert, wenn man die App über längere Zeit nutzt. Bei der Qualität dürften die Gratisfilmchen aber nur schwer an die Qualität von Bezahldiensten herankommen. Bei Youtube gibt es zwar auch eine Bezahloption, doch damit lässt man bloss die Werbung verschwinden. Und mit 20 Franken pro Monat ist sie teurer als unser Netflix-Abo.

Zwei perfide Details am Rande: Wenn man in einer Kategorie zwei-, dreimal weiterwischt kommt man automatisch in die nächste. So ist der Übergang zwischen Lernfilmchen und Zeichentrickfilmchen fliessend. Auch ändert die Reihenfolge der Kategorien ständig. So ist das Risiko gross, dass man auch als erwachsener schneller, als einem lieb ist, in der falschen Kategorie landet.

Fliessende Übergänge

Da die Vorschläge zu wenig spannend für uns waren, erstellen wir noch ein zweites Nutzerprofil. Dieses Mal für einen 5-Jährigen. Wir nennen ihn Jean-Claude. Nun tauchen erste Filmchen aus der Sendung mit der Maus auf. Junior entscheidet sich für eins zum Thema Wasser. Das Filmchen startet dann aber nicht etwa im Vollbildmodus, sondern unten am Video sieht man erst mal noch weitere Vorschläge, die man auch schauen könnte.

Erst ein zweiter Klick lässt die verschwinden. Aus Elternperspektive auch nicht besonders erfreulich: Ist das Video fertig, fängt umgehend ein nächstes an. Die Abmachung «Nur ein Filmchen, dann ist Schluss!» funktioniert bei Youtube Kids nur mit viel Selbstdisziplin und Medienkompetenz.

Nach fünf Minuten ist Schluss!

Auf den Mangel angesprochen, weist die Google-Mitarbeiterin im Video-Chat darauf hin, dass man ja einen Timer setzen könne. Aber erklären Sie mal einem Dreijährigen, er dürfe jetzt fünf Minuten Filmchen schauen, und dann ist just im besten Moment Schluss.

Übrigens: Während des kurzen Tests der App habe ich nicht einmal eine Werbung gesehen. Obwohl ich, nachdem der Junior längst im Bett war, noch zahlreiche Videos abgespielt habe.

Fazit: Youtube Kids ist ein löblicher Ansatz voller guter und sehr guter Ideen. Aber ganz ausgereift wirkt es nicht. Zu oft hat man das Gefühl, Google wolle mit nicht ganz sauberen Tricks die nächste Generation an den eigenen Videodienst heranführen und zu immer noch einem Filmchen mehr verführen. Für uns ist die Sache auf jeden Fall klar: Wir bleiben bei der «Die Sendung mit der Maus»-App. Da ist alles etwas ruhiger, die Auswahl grösser und vor allem nach einem Filmchen auch wirklich Schluss.

Erstellt: 05.02.2019, 09:30 Uhr

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