Nach der Darmspiegelung muss der Nanobot in Therapie

Joanne Pransky nennt sich selbst die erste «Roboter-Psychiaterin» der Welt. Ein Gespräch darüber, wie wir mit der Technik verschmelzen und was das für uns bedeutet.

Sieht er glücklich aus? Oder stressen ihn die vielen Menschen? Ein Roboter auf der Viva-Technology-Konferenz in Paris.

Sieht er glücklich aus? Oder stressen ihn die vielen Menschen? Ein Roboter auf der Viva-Technology-Konferenz in Paris. Bild: Reuters

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Fürchtet euch nicht, lautet Joanne Pranskys Botschaft. Fürchtet euch nicht vor technologischer Entwicklung und vor allem nicht vor Robotern oder Künstlicher Intelligenz (KI). 1986 gab sich Pransky selbst den Titel der "weltersten Roboter-Psychiaterin", den sie bis heute verwendet und als Marke registriert hat. Zwar therapiert sie Roboter nicht wirklich, aber sie möchte zwischen Menschen und Maschinen vermitteln. Zu einem Vortrag auf der Republica in Berlin erscheint sie selbstverständlich nicht persönlich, sondern spricht durch einen Roboter auf der Bühne. Auch für ein Interview bekommt man sie nur digital zu Gesicht - via Skype.

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Roboter auf Ihrer Couch sitzen hatten?
Das war für ein Video, das ich mit dem Double Robot gemacht habe...

... einem Roboter, der im Prinzip aus einem iPad besteht, das auf einer Stange mit Rädern sitzt. Man kann ihn verwenden, um mit anderen zu kommunizieren, wenn man nicht persönlich an einem Ort sein kann...
In dem Fall waren es die Grosseltern, die nicht zur Bar Mizwa ihres Enkels von Israel nach Kalifornien kommen konnten. Dank des Double Robots nahmen sie an der kompletten Feier von ihrem Haus in der Wüste Negev aus teil. Danach setzten wir den Roboter auf meine Couch, weil er von der Feier aufgewühlt war.

Warum müssen Roboter therapiert werden?
Ich sage scherzhaft, dass nicht die Roboter die Probleme per se haben. Es sind die Menschen. Es ist, also ob ein Kind oder ein Haustier Therapie braucht.

Sie meinen, wie bei einem Hundetherapeuten, der nicht wirklich den Hund behandelt, sondern vielmehr sein Herrchen.
Genau. Und ich vergleiche damit nicht eine biologische mit einer nicht-biologischen Entität. Ich vergleiche nur, wie Menschen sie wahrnehmen. Wir denken, unser Hund oder unsere Katze ist einsam oder depressiv und holen einen Experten. Aber man kann nicht wirklich einen Hund ohne seinen Besitzer behandeln. Ich bin nicht besorgt über die Probleme der Roboter; es sind die Menschen, die Probleme mit den Robotern haben. Allerdings glaube ich fest an eine Zukunft, wie sie der Science-Fiction-Autor und "Vater der Robotik" Isaac Asimov vorhergesagt hat. Eine Zukunft, in der Roboter und KI wirklich kommunizieren können - so wie wir beide es gerade tun. Es könnte also sein, dass Roboter mich anrufen oder mit ihren Problemen zu mir in die Praxis kommen.

Sie nennen sich selbst «die erste Roboter-Psychiaterin der Welt» - seit mehr als 30 Jahren. Wie kamen Sie auf den Titel?
Als ich vor 40 Jahren «Child and Human Development» am College studiert habe, begriff ich, dass wir Menschen nicht auf die exponentiell fortschreitende Verbreitung und Entwicklung von Technologie vorbereitet sein würden. Damals gab es allerdings keine Studien, die das beweisen konnten. Also habe ich es erstmal dabei belassen. Etwa 10 Jahre später begann ich, Computersysteme an kleine Unternehmen zu verkaufen. Ich klopfte an die Türen von Anwaltskanzleien, Arztpraxen, und so weiter. Sie alle waren nicht im geringsten auf Technologie vorbereitet. Asimov hatte in den Fünfzigern einen Charakter namens Susan Calvin erschaffen, der er den fiktiven Beruf der «Robopsychologin» gab. Ich wollte noch einen Schritt weitergehen, den Begriff für die Mitte der 80er Jahre modernisieren. Deshalb nannte ich mich Roboter-Psychiaterin.

Warum braucht die Welt eine Roboter-Psychiaterin?
Ich sehe mich als Vermittlerin zwischen Ingenieuren, Herstellern und Öffentlichkeit. Ich bemühe mich, die Technologie zu humanisieren; die Welt auf sie vorzubereiten. Ich mache die Erwartungen realistischer. Also: Roboter sind weder wie RoboCop, noch wie Rosie aus der Zeichentrickserie "The Jetsons". Ich sehe mich als Botschafterin, die die Lücke zwischen Science-Fiction und Realität überbrückt. Der erste Schritt ist es, die Menschen auf die Existenz der Technologie aufmerksam zu machen. Ich hoffe, den Menschen ihre Bedenken oder Ängste zu nehmen und so ein erhöhtes Bewusstsein und Akzeptanz zu schaffen, damit Robotertechnologie für Positives verwendet werden kann.

Wird es eine Zeit geben, in der wir Menschen überflüssig sein werden?
Nein, ich glaube, es wird immer ein menschliches Element benötigt werden. Die Frage wird in der Zukunft nicht lauten: Welchem Geschlecht oder welcher Rasse gehört jemand an, sondern welcher Teil eines Menschen ist biologisch und welcher nicht-biologisch? In den Sechzigern hatten viele die Sorge, dass Computer die Welt übernehmen. Sie haben heute nicht die Welt erobert, aber wir sind völlig von ihnen abhängig. Ich glaube, so wird es auch mit der Roboter-Technik sein. Irgendwann werden wir uns fragen: «Wie sind wir jemals ohne Roboter ausgekommen? Menschen mussten für eine Operation ins Krankenhaus?» Es wird Nanobots geben, die Arterien reinigen oder eine Darmspiegelung durchführen. Technischer Fortschritt wird von allen akzeptiert, solange er Leben rettet. Das beste Beispiel: das autonome Auto, das eigentlich ebenfalls ein Roboter ist. Ohne einen gelegentlichen Unfall wird es nicht gehen. Aber autonome Fahrzeuge sind besser als die vielen Menschenleben zu verlieren, die aktuell wegen menschlichen Versagens im Verkehr auf dem Spiel stehen.

In solchen Fällen wird sich immer eine Frage stellen: Wer ist schuld? Der Roboter oder der Mensch?
Ich habe vor 30 Jahren vorausgesagt, dass Roboter-Recht irgendwann das grösste Rechtsgebiet sein wird. Sicherheit muss stets die erste Priorität haben. Aber ich denke, dieses Thema haben Organisationen weltweit auf dem Schirm. Hier in den USA investieren die führenden Technologie-Unternehmen Milliarden von Dollar in Non-Profit-Organisationen, um künstlicher Intelligenz und ihrer Auswirkungen auf die Menschheit zu begegnen. Die Diskussion darüber weiter zu führen und entsprechende Gesetze zu entwerfen, wird unsere beste Verteidigung gegen Unfälle oder schädliche Folgen von KI und Robotik sein.

Viele berühmte Roboter sind entweder männlich oder weiblich. Nehmen wir C3PO aus Star Wars oder Amazon Alexa zum Beispiel. Warum projizieren wir menschliche Eigenschaften, wie das Geschlecht, auf Roboter?
Wir Menschen brauchen einen Weg, um sie zu identifizieren. An sich braucht es das nicht. Humanoide könnten völlig neue Eigenschaften haben, ohne männlich oder weiblich zu sein. Aber es wird auch das Bedürfnis nach Gemeinschaft geben. Einige Menschen werden vielleicht eine sexuelle Beziehung mit einem männlichen oder weiblichen Roboter ihrer Wahl eingehen wollen. Vorstellbar wäre auch folgendes Szenario: Für eine Frau, die keine eigenen Kinder kriegen kann, könnte ein Gebärmutter-Roboter als Ersatzmutter dienen. Vermutlich würden wir diesen Roboter weiblich nennen wollen. Fünfzig Jahre später kommt dieser Roboter zu mir in Therapie, weil er das menschliche Baby behalten will, das er ausgetragen hat.

Und was ist mit psychischen Erkrankungen? In dem Klassiker «Per Anhalter durch die Galaxis» gibt es zum Beispiel Marvin, eine schwer depressiven Androiden. Warum projizieren wir so etwas auf Maschinen?
Ich glaube nicht, dass wir projizieren. Vielmehr gibt es bestimmte Verhaltensweisen bei Menschen, die wir in unseren Tieren und Maschinen wiedererkennen, denen wir dann einen bekannten Namen geben. Ich sage nur im Scherz, dass ich denke, Roboter hätten eine Form von Depression, Paranoia oder Schizophrenie. Der Roboter von der Bar Mizwa im Video kam mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung zu mir. Jeder wollte ihn anfassen, jeder wollte ihn fernsteuern.

Und Marvins Depression?
Seine Depressionen muss nicht unbedingt seine Schuld sein. Ich müsste wissen: Wo kommt seine sogenannte Depression her? Wurde er vielleicht programmiert, traurig und deprimiert zu sein? Der Entwickler könnte ihn nach seinem Vorbild geschaffen haben. Es könnte ein Konstruktionsfehler sein. Oder ein traumatisches Ereignis hat etwas verursacht, was wir für eine Depression halten. Wie Kinder lernen auch Roboter von ihrer menschlichen Umgebung. Nehmen wir zum Beispiel einen Roboter, der in einem Kriegsgebiet eingesetzt wird: Er sieht alles, was dort passiert, und muss damit interagieren. Irgendwann reagiert der Roboter nicht mehr auf Situationen, in denen es um Leben und Tod geht - weil er gelernt hat, dass er sie nicht verhindern kann. Oder der Roboter agiert nur noch im Verteidigungsmodus, in dem er alles erschiesst, was sich auf ihn zubewegt.

Aber könnte man in so einem Extremfall nicht einfach die Festplatte des Roboters löschen?
Vielleicht. Aber die Dinge, die ein Roboter jeden Tag oder jede Sekunde lernt, werden in die Cloud hochgeladen, damit andere Roboter davon lernen. Wir wollen sofort in der Lage sein, wertvolle Informationen zur Verfügung zu haben - Daten, die Menschenleben oder die Welt retten können. Aber wie verhindern wir, dass die 'schlechten' Daten nicht übertragen werden? Das wird nicht in jedem Einzelfall so einfach sein. Hier könnte die Roboter-Psychiatrie helfen.

Erstellt: 06.07.2017, 09:53 Uhr

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Joanne Pransky nennt sich selbst seit 1986 die welterste Roboter-Psychiaterin. (Foto: PD)

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