Nicht nur Klicks zählen, sondern auch das Urteil der Leser

In eigener Sache: «Tages-Anzeiger online» lässt neu Artikel durch die Userinnen und User bewerten. Das Ziel: Mehr Qualität und mehr Lesernähe.

Eine differenzierte Metrik für das Messen des Erfolgs von journalistischen Angeboten ist überfällig: Smartphone-Benützerinnen. (Getty Image)

Eine differenzierte Metrik für das Messen des Erfolgs von journalistischen Angeboten ist überfällig: Smartphone-Benützerinnen. (Getty Image)

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Die Frage ist knapp und kurz: «Ist dieser Artikel lesenswert?» Dies steht seit kurzem am Ende der Artikel von «Tages-Anzeiger online» und mit einem Klick auf den Ja- oder Nein-Knopf können Userinnen und User ihr Urteil fällen. Und sofort ist zu sehen, wie das Ergebnis der Gesamtleserschaft ausfällt: Zwei blaue Balken zeigen den Anteil der Ja- und Nein-Stimmen, wie zufrieden also die Leserschaft mit dem betreffenden Beitrag ist.

«Ist der Artikel lesenswert?»: Bei dieser Neuerung geht es um mehr als eine schlichte Frage. Sie ist vielmehr Ausdruck der Überzeugung, dass das qualitative Feedback entscheidend ist, um journalistische Qualität zu bestimmen oder die Zufriedenheit unserer Leserinnen und Leser zu messen. Denn: Wie oft ein Artikel angeklickt wird, erzählt nur die halbe Geschichte. Wir wissen damit zwar, wie attraktiv das Thema ist, wie schnittig die Headline, wie zugkräftig das Bild. Aber ob unsere Leserinnen und Leser nach dem ersten Klick, nach der Lektüre des Artikels zufrieden sind mit der redaktionellen Leistung, ob sie den Text für «lesenswert» befinden, dies lässt sich aus den Klicks alleine nicht ableiten.

Berechtigte Kritik an eindimensionaler Metrik

Eine eindimensionale Orientierung an der Reichweite wird mit guten Argumenten immer wieder angefochten. Von der Medienkritik etwa, wenn sie gewissen Onlinetiteln gar ein sogenanntes Clickbaiting (zu Deutsch «Klickködern») vorwirft, das sich von journalistischen Kriterien löst und ausschliesslich auf höhere Zugriffszahlen und damit mehr Werbeeinnahmen aus ist. Aber auch viele Journalistinnen und Journalisten fürchten sich vor einer Entwicklung, an deren Ende ihre Arbeit nur noch nach der Zahl der erreichten Klicks beurteilt wird. Dabei gilt gerade für Bezahltitel wie den Tages-Anzeiger: Ja, Reichweite ist wichtig. Aber zufriedene Leserinnen und Leser genauso.

Eine differenzierte, mehrdimensionale Metrik für journalistische Produkte ist also überfällig. Umso mehr, als Fremdplattformen wie Facebook, Google oder Twitter journalistische Texte schon lange bewerten – ob sichtbar mit Likes oder im Verborgenen durch Algorithmen, welche das Ranking von Inhalten in Suchprozessen definieren.

Sagen Sie uns die Meinung! Seit kurzem ist bei Artikeln von «Tages-Anzeiger online» eine Feedback-Funktion aufgeschaltet, die es den Nutzern erlaubt, die Texte zu bewerten.

Die Ergebnisse, die im Folgenden ausgeführt werden, basieren auf den Leserreaktionen zu 1192 Onlineartikeln, die die Redaktion in den letzten Wochen auf Tagesanzeiger.ch veröffentlichte. Die Feedback-Funktion ist in diesem Zeitraum intensiv benützt worden, rund 500'000-mal gaben Leserinnen und Leser von «Tages-Anzeiger online» eine Antwort auf die Frage: «Ist dieser Artikel lesenswert?» Das heisst, durchschnittlich sind es rund 450 Antworten pro Artikel. Es gibt einzelne Artikel, die über 4000 Bewertungen erhalten haben.

Aber wie fällt das Urteil der Leserinnen und Leser aus? Die Texte des «Tages-Anzeigers» kommen gut an. Die durchschnittliche Wertung von 1200 Artikeln beträgt 80 Prozent, das heisst: Im Durchschnitt beurteilen 80 von 100 Userinnen und Usern einen Artikel auf Tagesanzeiger.ch als «lesenswert». Einzelne Beiträge indessen kommen ganz schlecht weg (zum Beispiel «63-Jährige ziert ‹Sports Illustrated›-Cover», ein Panorama-Artikel, den nur 23 Prozent der Nutzer als lesenswert taxierten), andere verzeichnen Spitzenwerte (etwa: «Saddams Warnungen», ein Beitrag, den bis heute 3900 User bewerteten, 99 Prozent davon als «lesenswert»).

Selbstverständlich befreien einen alle Daten nie vom Gebrauch des guten Menschenverstandes: Kontroverse Meinungsstücke etwa, die polarisieren, verzeichnen oft eine polarisierte Wertung, also eine vergleichsweise tiefe Wertung. Indessen zeichnet gerade diese Texte oft eine sehr hohe Zahl von Feedbacks aus, bis zu mehrere Tausend Ja- und Nein-Stimmen sogar; sie lösen also ein starkes Engagement aus – und das ist ja eine Qualität. Ebenfalls gilt: Artikelbewertungen auf Basis von weniger als 200 Feedbacks sind als Einzelergebnisse kaum zuverlässig und werden herausgefiltert.

Das sind alles erste Resultate, die sich bestätigen müssen. Jedoch scheinen diese Feedbacks viele Anstrengungen der «Tages-Anzeiger»-Redaktion zu stützen. Grosse Unterschiede in der Leserbewertung lassen sich feststellen, wenn Artikel aufgrund ihrer Quelle verglichen werden. Agenturmeldungen, in erster Linie News-Artikel also, wie sie ähnlich oder gar identisch auch auf anderen Nachrichten-Sites zu finden sind, schneiden gegenüber den eigenrecherchierten und analytischen Texten aus der Redaktion schlechter ab. Die grössten Unterschiede sind erkennbar in den Ressorts Zürich (Differenz 14 Prozent) und Wissen (16 Prozent). Eine Ressourcen intensive und qualitätsorientierte Berichterstattung führt zu einer höheren Zufriedenheit der Leserinnen und Leser.

Die Bewertungsfunktion, die nun auf «Tages-Anzeiger online» angeboten wird, ist in der 12-App von Tamedia seit deren Lancierung im Oktober 2015 in Betrieb. Die Nutzer-Bewertungen, ein grosser und wertvoller Datensatz mittlerweile, zeigten dem 12-App-Redaktionsteam auf, was auch im Digitalen die Leserschaft wertschätzt und einfordert («AHV schlägt Sex»). Die positiven Erfahrungen daraus fliessen nun auch beim «Tages-Anzeiger online» mit ein. Und sollte sich das System bewähren, ist ein Rollout auf andere Newsnet-Titel möglich.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das alles bedeutet mitnichten, dass eine Redaktion sich nicht mehr um die Reichweite, um die Klicks, zu kümmern braucht. Damit ein Artikel überhaupt erst gelesen wird, um allenfalls dann für lesenswert befunden zu werden, muss er attraktiv genug präsentiert sein.

Das Geschäft wird in Wahrheit noch anspruchsvoller. In einer Zeit, in der Redaktionen unter hohem Konkurrenzdruck stehen, müssen Journalistinnen und Journalisten möglichst viele Artikel publizieren, die beide Kriterien erfüllen: ein hohes Qualitätsrating und eine hohe Reichweite. Für Bezahltitel wie den «Tages-Anzeiger» ist die Leserzufriedenheit ganz besonders wichtig, an Paid Content werden naturgemäss höhere Ansprüche gestellt. Umgekehrt kann es sich eine Redaktion nicht mehr leisten, Beiträge zu publizieren, die wenige Leser erreichen und obendrein tief geratet werden.

Wie profitieren unsere Leser noch von der Neuerung? Wir werden künftig unseren Userinnen und Usern präziser den besten und relevantesten Content empfehlen können. Derzeit steht prominent eine Liste mit den meistgelesenen Artikeln auf unserer Desksite – diese muss baldmöglichst ergänzt werden mit den Top Ten der bestbewerteten Beiträge. Oder ein zweites Beispiel: Wir werden bald in der Lage sein, wiederkehrenden Nutzern eine Artikel-Empfehlung abzugeben im Sinne von «Während Sie weg waren». Wenn wir hierzu auch Bewertungsgwerte integrieren können, dann werden unsere Nutzer relevantere Artikel vorgeschlagen bekommen, als dies bei «Meistgelesen» der Fall wäre.

Die Userinnen und User gestalten das Produkt mit

Die Feedback-Daten, die wir von Ihnen erhalten, lassen uns gemeinsam unser Produkt verbessern und zeigen den Weg auf, auf dem wir uns erfolgreich bewegen können. Die Entscheidung, welche Richtung genau wir einschlagen, werden die Daten den Journalistinnen und Journalisten indessen nicht abnehmen.

Datenerfassung und -Auswertung: Dinja Plattner, Janine Lee, Jasmine Brönimann.

Erstellt: 11.04.2017, 07:11 Uhr

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