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140 Zeichen Poesie

Der Limerick ist eine archaische Reimform – und rettet sich auf Twitter ins 21. Jahrhundert.

Schauspielerin Jodie Whittaker verkörpert den ersten weiblichen Doctor Who. Ihre Nominierung hat Mick Hodgkin zu seinem bis dato erfolgreichsten Limerick inspiriert.
Schauspielerin Jodie Whittaker verkörpert den ersten weiblichen Doctor Who. Ihre Nominierung hat Mick Hodgkin zu seinem bis dato erfolgreichsten Limerick inspiriert.
Facebook / Doctor Who Fanpage

Einst hatte der König der Britenmit Königin Anne gestritten.Hiess Heinrich VIII.Das Henkerbeil krachte,die Ehe war nicht mehr zu kitten.

Werner Hadulla

Eigentlich dürfte es den Limerick gar nicht mehr geben: Das kurze Gedicht hat ein starres Korsett – fünf Zeilen, Reimform aabba, ein festes Versmass – und ist oft recht derb. In den Siebzigerjahren war der ambitionierte Schüttelreim auch im deutschsprachigen Raum noch populär (sogar Mani Matter versuchte sich daran). Aber wer macht so was noch im 21. Jahrhundert?

Mick Twister zum Beispiel. Er sorgt seit 2011 dafür, dass die althergebrachte Reimkunst eine Renaissance erlebt. Ironischerweise in einem Medium, das alles andere als angestaubt ist: auf Twitter. Twister, der im bürgerlichen Leben auch Mick, zum Nachnamen aber Hodgkin heisst, ist Journalist und arbeitet in Grossbritannien fürs Fernsehen. Wortspiele haben ihn immer schon begeistert. So schreibt er neben seinem Beruf Kreuzworträtsel für diverse Zeitungen – einst sogar mit Hinweisen in Limerick-Form.

Dr Sidi Abdel Assar vo El Hamahet mal am Morge früeh no im Pyjamair Strass vor der Moscheezwöi schöni Auge gsehdas isch dr Afang worde vo sym Drama.

Mani Matter

Wie der Zufall es will, erstellte Twister just am 199. Geburtstag Edward Lears, dem Vater des Limericks (s. Box rechts), 2011 ein Twitter-Konto mit dem Namen @twitmericks. Und machte sich daran, ein Jahr lang täglich die Nachrichten des Tages in Limerick-Form abzuhandeln. Nach einem Jahr konnte Mick Twister (dessen Name ein Anagram des Twitter-Namens @twitmericks ist) natürlich nicht mehr aufhören und blieb dabei, bis heute.

Nicht nur Polemisches

Damals, 2011, war der gebürtige Londoner einer der ersten, die überhaupt Limericks auf Twitter veröffentlichten. Es habe ihn gereizt, sich auf 140 Zeichen beschränken zu müssen, sagt er. Mittlerweile hat er zahlreiche Nachahmer gefunden. So gebe es einige amerikanische Kollegen, die täglich Anti-Trump-Limericks verfassten. Die fände er zwar durchaus gut, möchte sich selbst aber nicht auf ein Thema festlegen: «Ich versuche immer, ein bisschen Humor einzubringen, nicht nur Polemisches.»

Auch mit dichtenden Kanadiern, Iren und Belgiern steht Twister regelmässig in Kontakt, der mittlerweile zwei Bücher mit Limericks veröffentlicht hat. Er ist der Meinung, dass die Verdopplung der Zeichenzahl bei Twitter auf 280 Zeichen zur Entwicklung beigetragen hat. Mehr Leute würden sich jetzt an der Reimform ausprobieren.

Dass Twister ein Meister seines Fachs ist, zeigt sich in Krisenzeiten. Als Anders Breivik im Juli 2011 77 Menschen ermordete, rang er sich zu folgendem Tweet durch – präzise, klar, empathisch und auch ohne Humor elegant (er veröffentlichte den Tweet erst am Tag von Breiviks Verurteilung durch ein norwegisches Gericht am 24. August 2012).

Ebenfalls ein heikles Sujet: sexueller Missbrauch. «Man muss den Täter hochnehmen, ohne die Opfer zu verhöhnen», erklärt Twister. Zu Harvey Weinsteins Übergriffen und der #metoo-Debatte erfindet er einen Film-Plot.

Sein bislang populärster Tweet befasst sich mit britischer TV-Kultur. Als die Macher der Kult-Serie «Doctor Who» im Juli dieses Jahres ankündigten, der nächste Doctor sei eine Frau (gespielt von Jodie Whittaker, bekannt aus der TV-Serie «Broadchurch»), rief sein Gedicht dazu fast 6000 Reaktionen hervor.

Und Donald Trump? Der ist natürlich auch regelmässig das Objekt von Twisters Ergüssen. «Es gibt viele Themen, die zu düster sind, um gute Limericks daraus zu machen – aber dann ist da ja noch Trump, der uns endlos mit Humor versorgt, auch wenn er die Welt in Angst und Schrecken versetzt.»

Mnangagwa – eine besonders harte Nuss

Der Name des US-Präsidenten dürfte dabei noch relativ einfach zu reimen sein. Auf die Frage nach dem Politikernamen, der ihm bisher am meisten Schwierigkeiten bereitet habe, wartet der Twitter-Poet mit dem zimbabwischen Präsidenten auf. Der heisst seit November ja nicht mehr Robert Mugabe, sondern Emmerson Mnangagwa. Damit man seinen Tweet dazu versteht, muss Twister ausholen: «Ich musste mich hier auf den umgangsprachlichen Ausdruck für ‹in Schwierigkeiten stecken› stützen: ‹stuck up Shit Creek without a paddle in a barbed wire canoe› – und die Tatsache, dass es ein Kanu gibt, das Piragua heisst.» Herausforderung gemeistert.

Die Limericks von Mick Twister finden sich auf Twitter und in seinem Blog. Seine Bücher heissen «There Was an Old Geezer Called Caesar» und «There Once Was a Man With Six Wives». Weitere Dichter auf Twitter finden sich mit @Limericking aus Kanada und @Limerick_News. @potuslimericks konzentriert sich ausschliesslich auf den US-Präsidenten.

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