Das Silicon Valley probt den Aufstand gegen Trump

In einem offenen Brief greifen US-Digitalunternehmer den Präsidentschaftskandidaten an. Er wäre eine «Katastrophe» für Wirtschaft und Innovation.

Angriff der Digital-Avantgarde: Fotografierende Handynutzer an einer Trump-Wahlveranstaltung.

Angriff der Digital-Avantgarde: Fotografierende Handynutzer an einer Trump-Wahlveranstaltung. Bild: Marcio Jose Sanchez/Keystone

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Über 140 Technologieunternehmer haben einen Protestbrief gegen den Präsidentschaftskandidaten unterzeichnet. In vernichtendem Tonfall kritisieren prominente Silicon-Valley-Grössen wie Apple-Mitgründer Steve Wozniak oder Twitter-Mitgründer Evan Williams den Kandidaten Donald Trump. Dieser glaube nicht an ein Amerika der Chancengleichheit, was eine «Katastrophe» für die Innovationfähigkeit des Landes sei. «Er betreibt Wahlkampf mit Zorn, Engstirnigkeit und Angst vor neuen Ideen und neuen Menschen.» Und Trump zeige ein «schlechtes Urteilsvermögen und Ignoranz», was Technologie angehe.

Der Brief ist eine Kriegserklärung im schon länger schwelenden Konflikt zwischen der digitalen Avantgarde des Landes und dem Politiker. Als sich Apple im Februar gegen das Knacken eines verschlüsselten iPhones durch das FBI wehrte, hatte Trump zu einem Boykott von Apple-Produkten aufgerufen. Um dann von seinem privaten iPhone weiterzutwittern. Apple schneidet den Republikanischen Kandidaten seither und unterliess die Unterstützung in Form von Computern, die der Konzern den Parteien in der Vergangenheit stellte. Auch dem Parteitag der Republikaner blieb der Konzern fern. Apple ist nicht allein, weitere Techunternehmen haben branchenübliche Spenden reduziert oder fehlten an seinen Wahlveranstaltungen, so auch Microsoft und Hewlett Packard. Die HP-Chefin Meg Whitman wurde besonders deutlich und warnte, eine Trump-Präsidentschaft würde eine Rezession nach sich ziehen.

«Selbstgerechte» und «Betrüger»

Trump hat nicht nur Apple vergrätzt, sondern schoss bei verschiedenen Gelegenheiten gegen Techunternehmen. Unter anderem bezeichnete der Hotelmilliardär Facebook-Chef Marc Zuckerberg als «selbstgerecht». Er attackierte Amazon-Chef Jeff Bezos als Steuervermeider und bezeichnete dessen Kauf der «Washington Post» als Betrug. Trump teilte auch pauschal aus, etwa mit Breitseiten gegen das kalifornische Silicon Valley als Ganzes und die dortigen IT-Unternehmen. So kritisierte er überhöhte Bewertungen von «Firmen, die nie Geld verdient haben, ein schlechtes Konzept haben und mit Milliarden von Dollars bewertet werden».

Hier kritisiert einer Techunternehmen, der es gleichzeitig versteht, mit den sozialen Medien neuste Plattformen effizient für seinen Wahlkampf zu nutzen. So besitzt Trump mit rund neun Millionen eine doppelte so grosse Facebook-Fangemeinde wie Hillary Clinton. Abgesehen von seinen Polemiken hat sich Trump aber kaum zu Technologiethemen geäussert. Während Obama während seiner Amtsdauer immer wieder die Nähe zum Silicon Valley gesucht und die Wichtigkeit von Digitalunternehmen für die US-Wirtschaft betont hatte, konzentriert sich Trump eher auf die traditionellen US-Industrien. Er sucht Wählerstimmen etwa im «Rust Belt», den im Abstieg begriffenen Industriezentren im Nordosten der USA.

«Ich mache kein E-Mail-Zeugs»

Die wenigen Äusserungen Trumps zu Digitalthemen passen schlecht zur Souveränität, mit der Trump seinen Gegnern auf den sozialen Netzwerken den Takt angibt. Zum Beispiel bei einem Kernanliegen der amerikanischen Techgemeinde, der Netzneutralität. Hier polemisierte Trump, diese sei ein Griff der Obama-Regierung nach der Macht im Internet und richte sich gegen konservative Medien. Eigentlich handelt es sich bei Netzneutralität um die Idee, dass Internetanbieter keine Datenpakete benachteiligen dürfen.

Auch bei anderer Gelegenheit fiel Trump durch technikferne Äusserungen auf. 2013 sagte er in einer Gerichtsverhandlung: «Ich mache kein E-Mail-Zeugs.» Auf Nachfrage präzisierte er: «Ich nutze es sehr selten.» Unabhängig davon, wie Trumps eigene Technologienutzung ausfällt, seine Haltung ist keine liberale. In einer Vorwahldebatte fiel er durch Pläne auf, das Netz einzuschränken: «Wir müssen Teile des Internets dichtmachen», um der IS-Terrormiliz die Rekrutierung zu erschweren. Bill Gates und andere Technologieexperten sollten sich darum kümmern. «Manche werden sagen ‹Oh, freie Meinungsäusserung, freie Meinungsäusserung›. Das sind dumme Leute», so Trump.

«Trump handelt mit Stereotypen»

Während Trump so die US-Wähler spaltet, eint er das Silicon Valley. Wie die Protestbriefautoren ist auch Facebook-Verwaltungsrat Marc Andreessen ein Trump-Kritiker und unterstützt offen Hillary Clinton, dabei hatte er 2012 noch für den republikanischen Kandidaten Mitt Romney gespendet. Der prominente IT-Investor wirft Trump vor allem Ausländerfeindlichkeit vor. Das Silicon Valley wäre für Andreessen ohne Einwanderung nicht möglich gewesen: «Bei Gedanken, das abzuwürgen, wird mir schlecht», sagte Andreessen an einer Technologiekonferenz in San Francisco mit Blick auf Trumps Pläne, Migration zu drosseln.

Diese Kritik teilen auch die Unterzeichner des offenen Briefs gegen Trump. Sie schreiben, dass 40 Prozent der führenden 500 Unternehmen des Landes von Einwanderern oder deren Kindern gegründet worden seien: «Gleichzeitig handelt Trump mit ethnischen und rassischen Stereotypen».

Es ist klar: Nach zwei Amtszeiten Obama, der immer wieder seine Sympathie für die digitale Ökonomie bekundete, ist Donald Trump für das weltoffene, erzliberale Silicon Valley der Schreckkandidat schlechthin – und macht darum mobil. Der «New York Times» sagte ein republikanischer Stratege: «Das Silicon Valley muss lernen, dass es nicht mehr ausschliesslich als wohlmeinender Akteur wahrgenommen wird – und sich darauf vorbereiten.» Mit dem offenen Brief geht die IT-Industrie erstmals zum Angriff über und zeigt Zähne.

Erstellt: 16.07.2016, 17:05 Uhr

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