Hintergrund

Der Schwindel von Greenpeace

Weil Shell in der Arktis Ölbohrungen plant, inszenierte Greenpeace einen PR-Skandal. Die Kampagne könnte zum Bumerang werden.

Ist die Umweltorganisation diesmal auf der bösen Seite? Greenpeace-Aktivist hängt in Prag ein Plakat auf. 
Bild: Reuters

Ist die Umweltorganisation diesmal auf der bösen Seite? Greenpeace-Aktivist hängt in Prag ein Plakat auf. Bild: Reuters

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Als der Energiekonzern Shell 1995 den Öltank Brent Spar in der Nordsee versenken wollte, besetzte Greenpeace die Plattform. Es war die Stunde der Öko-Weltverbesserer, denn für Shell entwickelte sich die Sache zum absoluten Image-Desaster. Das Ansehen von Greenpeace stieg in der Öffentlichkeit. In Umfragen belegt die Organisation in Sachen Glaubwürdigkeit regelmässig den Spitzenplatz.

Shell und Greenpeace, das ist eine sonderbare Beziehung, was die letzten Wochen einmal mehr beweisen. Derzeit versuchen die Umweltschützer, weltweit möglichst viele Menschen gegen Shell zu mobilisieren (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Der Grund: Shell plant in der Arktis Ölbohrungen, die nicht ganz ungefährlich sind.

Inszenierter Skandal

Um die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, ist Greenpeace offenbar jedes Mittel recht. Geopfert wird im Kampf gegen den Ölkonzern auch die Wahrheit. Das dokumentiert eine fast schon bösartige Netzkampagne. Begonnen hat alles mit einem Film auf Youtube, der einen vermeintlichen Event des Energiekonzerns zeigt. Shell informierte über seine Pläne in der Arktis. Als auflockerndes Element des Anlasses konnten Teilnehmer aus einer Miniförderungsanlage ein Getränk beziehen. Dabei leckte das Modell, was als Sinnbild der Gefährlichkeit von Bohrungen ausgelegt wurde.

Über den Fauxpas wurde in den Medien unter dem Stichwort «Shell Fail» berichtet. Innert weniger Tage verbreitete sich das Video (Stand heute: rund 800'000 Views). Brisant an der Sache: Das Video war ein sogenannter Hoax – ein inszenierter Schwindel –, der von Greenpeace in Zusammenarbeit mit den Netzaktivisten Yes Men ausgeheckt wurde (Kampagnenbeschrieb zu finden auf greenpeace.org).

Um die Aktion im Netz zusätzlich anzuheizen, gingen die Aktivisten aber noch weiter. Jene Journalisten und Blogger, die über die Aktion berichteten, bekamen eine Mail, in der sie von Shell auf den «Fake» aufmerksam gemacht wurden. Shell drohte mit juristischen Folgen, sollte weiter über das Video berichtet werden. Die Berichterstattung ging allerdings – was von Greenpeace geplant war – nicht zurück. Im Gegenteil.

Gefälschte Website mit zynischen Inhalten

An diesem Punkt wurde die «richtige» Shell aktiv (Anmerkung der Redaktion: Der ursprünglich an dieser Stelle erwähnte Twitter-Account @ShellisPrepared ist ebenfalls ein Fake) und versuchte den Schaden des Medienwirbels einzugrenzen. Die Lüge wurde von Greenpeace allerdings geschickt weitergezogen: Unter der Domain Arcticready.com wurde eine Website ins Netz gestellt, die mit dem Logo von Shell versehen war. Zynisch stellte Greenpeace den Ölkonzern ins Licht des Klimaschützers, der sich für den Schutz der Umwelt starkmacht.

Als Fälschung entpuppte sich die Website, wenn man sich die Plakate der Werbekampagne genauer anschaute, die auf Website hinterlegt waren. Die Sujets mit Bildern aus der Arktis, die alle mit dem Shell-Logo und dem Slogan des Konzerns, «Let's Go», versehen wurden, waren alle mit Anti-Shell-Inhalten versehen. So war das Bild eines schwimmenden Eisbären mit folgender Schlagzeile zu sehen: «In order to survive, we all have to push our limits.»

Shell hat sich von der Kampagne distanziert. (Anmerkung der Redaktion: Der ursprünglich an dieser Stelle zitierte Tweet «Our team is working overtime to remove inappropriate ads. Please stop sharing them» von @ShellisPrepared ist ebenfalls nicht von Shell). Wie die US-Onlinezeitung «Huffington Post» schreibt, will Shell aber auf eine Klage gegen Greenpeace verzichten.

Journalisten kritisieren Aktion

Die Reaktionen der Kampagne sind bei Experten denn auch einstimmig. Wie PR-Experte Ryan Holiday in einer Analyse im Magazin «Forbes» schreibt, könnten solche Aktion einen negativen Effekt für die Umweltschützer haben: «Greenpeace mag aus einem noblen Motiv gehandelt haben. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Verantwortlichen bewusst die Medien täuschten und eine Lüge verbreiteten, um so mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.» Auf lange Sicht könne Greenpeace den Kampf gegen solche Konzerne nur dann gewinnen, wenn man ehrlich und fair argumentiere. Die Aktion habe dem Ansehen der Organisation geschadet.

Auch Journalist Martin Robbins von der britischen Politwochenzeitung «New Statesman» kritisiert die PR-Lüge: «Der eigentliche Bösewicht ist Greenpeace. Wenn eine Organisation Blogger und Journalisten anlügt und die Autoren danach mit E-Mails einschüchtert, dann ist das keinesfalls in Ordnung.» Weiter schreibt Robbins, dass die Methode von Greenpeace betrügerisch sei und zeige, dass die Organisation die Öffentlichkeit im Grunde verachte.

Seit Bekanntwerden des Schwindels hat die Aktion im Netz an Dynamik verloren. Derweil konzentriert sich die Umweltschutzorganisation europaweit auf Proteste gegen Shell. In vielen Städten bekleben Aktivisten Zapfsäulen und Zapfpistolen mit Protest-Labeln und informieren Kunden über die Pläne von Shell. Gleichzeitig sammelten sie Unterschriften zum Schutz der Arktis. Shell hat in der Arktis noch nicht mit den bereits vor einer Woche geplanten Bohrungen nach Erdöl begonnen. Das Eis ziehe sich in diesem Jahr später zurück, der Eisgang an der Küste sei stärker als üblich.

Erstellt: 25.07.2012, 15:36 Uhr

Fakevideo von Greenpeace

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