Die Nerds bleiben unter sich

Google+, der Konkurrent von Facebook, zieht vor allem Studenten an. Das ist zu wenig für den Giganten.

«Geisterstadt»: Viele der Google+ Mitglieder verbirngen nur wenig Zeit auf der Seite.

«Geisterstadt»: Viele der Google+ Mitglieder verbirngen nur wenig Zeit auf der Seite. Bild: Keystone

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90 Millionen Nutzer haben sich seit vergangenem Sommer auf Google+ angemeldet – eine beeindruckende Zahl. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Viele Nutzer melden sich zwar an, schauen anschliessend aber kaum vorbei. Gerade einmal drei Minuten im Monat verbringen sie auf Google+, hat das US-Webstatistik-Unternehmen Comscore gemessen. Zum Vergleich: Auf Twitter (500 Millionen Nutzer) verbringen die Leute siebenmal mehr Zeit, auf Facebook (850 Millionen Nutzer) sogar 135-mal mehr. Das «Wall Street Journal» hat Google+ deshalb jüngst als Geisterstadt bezeichnet.

Google reagiert darauf pikiert, weigert sich aber, den Befund mit aussagekräftigen Zahlen zu widerlegen. Vielmehr nährt sich der Verdacht, dass Google Nutzer anderer Dienste dazuzählt, die mit demselben Google-Konto verknüpft sind wie Google+ – etwa Google Maps oder G-Mail.

Virtuelle Freundeskreise

Dass Google+ vergleichsweise unpopulär ist, hat diverse Gründe. Erstens hat es Google nicht geschafft, der breiten Masse von Anwendern verständlich zu machen, was Google+ überhaupt ist und warum es eine attraktive Alternative zu bestehenden Social Networks sein könnte.

Beim Start wurde vor allem die Circle-Funktion angepriesen, mit der sich der Freundeskreis in diverse Unterkreise aufteilen lässt – wie im richtigen Leben, in dem man schliesslich auch nicht alle, die man kennt, in einen Topf wirft. Doch für den Anwender bedeutet dies zunächst einmal mehr Aufwand. Facebook hat nicht lange auf sich warten lassen und bietet jetzt mit den Freundeslisten nicht nur dieselbe Funktionalität an, sondern ist erst noch besser darin, den Nutzern mit automatischen Vorschlägen die Arbeit zu erleichtern.

Eine geschlossene Gesellschaft

Zweitens ist Google+ eine geschlossene Gesellschaft, ein «Walled Garden» – also genau das, was die Firma dem Smartphone-Konkurrenten Apple so gerne vorwirft. Drittanbieter können für Google+ nämlich mit ganz wenigen Ausnahmen keine Apps entwickeln. Man wolle vermeiden, dass «der Newsstream der Anwender zugepflastert werde», sagt Google. Das ist durchaus löblich, für ein Social Network jedoch fatal: Das populärste Facebook-Spiel, «City Ville», hat mehr als 46 Millionen Spieler. Von der Version auf Google+ ist der Anbieter Zynga derart enttäuscht, dass er keine Zahlen bekannt gibt.

Google+ zieht nicht nur weniger Leute an als Facebook, es hat auch ein einseitig zusammengesetztes Publikum. Der Löwenanteil sind junge, technisch versierte, männliche Studenten, nur ein Drittel der Nutzer sind Frauen. Die Nerds bleiben also weitgehend unter sich, und das ist der Kern des Problems. Trotzdem finden sogar Technologiefirmen wie Intel auf Facebook eher ihr Publikum. Dort verfolgen 9 Millionen die Updates des Chip-Herstellers, auf Google+ sind es verhältnismässig wenige, rund 360'000.

Die Frauen sind bei Facebook

Dass Frauen grundsätzlich Social-Media-Muffel wären, widerlegen die Zahlen sowohl bei Facebook, wo sie die Mehrheit stellen, als auch neue Plattformen wie Pinterest, dessen vorwiegend weibliches Publikum dort rund 90 Minuten monatlich verbringt.

Nicht zuletzt wollen die Leute einfach da sein, wo die anderen auch schon sind – und dieser Ort ist nun einmal Facebook.

Ein Teil des Problems dürfte in der Selbstüberschätzung von Google liegen. Dort denkt man weiterhin: Was intern gut ankommt – schliesslich arbeiten beim Suchgiganten die gescheitesten Köpfe –, ist auch für den Rest der Welt von Interesse. Das funktioniert jedoch bei den Endanwendern längst nicht immer, wie weitere, ins Stocken geratene Projekte belegen: etwa Google Music oder die Chrome-Books.Google liefert dann starke Lösungen, wenn ein schlauer Algorithmus die Arbeit übernimmt: Websuche, Onlinewerbung, Karten und Navigation oder G-Mail. Ihre Nutzer aber auch auf einer menschlichen, emotionalen Ebene anzusprechen – das fällt den Google-Ingenieuren weiterhin schwer.

Erstellt: 16.03.2012, 11:18 Uhr

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