Die letzte Bastion des Alex Jones

Der Verschwörungstheoretiker hat immer weniger Plattformen für seine wirren Thesen. Nur Twitter gebietet ihm noch keinen Einhalt.

Darf auf Facebook und Youtube nicht mehr senden: Der rechte Verschwörungstheoretiker und Radiomoderator Alex Jones.

Darf auf Facebook und Youtube nicht mehr senden: Der rechte Verschwörungstheoretiker und Radiomoderator Alex Jones. Bild: Tamir Kalifa/Keystone

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Es wird eng für Alex Jones: Nachdem Apple, Spotify, Facebook und Pinterest (!) den Verschwörungstheoretiker und Betreiber der Website Infowars teilweise oder ganz von ihren Plattformen verbannt haben, steht ihm nur noch ein grosses Medium neben seiner eigenen Website zur Verfügung – Twitter.

Der Kurznachrichtendienst hat sich bislang geweigert, Jones die Sendelizenz zu entziehen, mit dem Hinweis darauf, dass er ja nicht gegen die eigenen Nutzungsbedingungen verstossen habe.

Twitters CEO Jack Dorsey räsonierte am Mittwoch zu seinen rund vier Millionen Followern: Man werde Jones behandeln wie jeden anderen Nutzer auch und man wolle nicht durch irgendwelche Schnellschüsse weitere Verschwörungstheorien befeuern. Weiter sagte Dorsey, dass sein Unternehmen nicht auf Druck von aussen nachgeben könne, weil es damit seine Prinzipien verrate und nach persönlichen Ansichten agiere.

Twitter schiebt die Verantwortung ab

Aufhorchen liess folgender Tweet des 41-jährigen Firmenchefs: Journalisten seien dafür verantwortlich, Aussagen wie die von Jones zu prüfen und zu widerlegen, sodass sich jeder seine Meinung bilden könne. Dies wäre dem öffentlichen Diskurs am zuträglichsten.

Der Aufschrei der Presse liess nicht lange auf sich warten: Twitter weigere sich, Verantwortung zu übernehmen und (wie Facebook im Übrigen auch) zu akzeptieren, dass es ein mächtiges Medium sei, das die öffentliche Meinung mitforme.

Auch von Twitter-Usern erfuhr Dorsey für seine Haltung Gegenwind. Seine Aussagen seien eine Carte Blanche, einfach haltlose Anschuldigungen auf Twitter verbreiten zu können, ohne dafür belangt zu werden, suggeriert dieser Nutzer.

Einzelne Twitter-Mitarbeiter kritisierten ihren obersten Vorgesetzten öffentlich: Es sei nicht ehrenvoll, einem Druck nicht nachzugeben, und man dürfe den Schaden, den Menschen wie Jones anrichteten, nicht einfach ignorieren, schreibt die Ingenieurin Marina Zhao. Ein anderer Ingenieur, Mike Cvet, twittert: Man solle sich nicht zufriedengeben mit den bestehenden Richtlinien, und sagt weiter, mit bestimmten Akteuren könne man einfach keinen vernünftigen Dialog führen. Er erhält sogar Antwort von Jack Dorsey, der ihm beipflichtet: «[Ich bin] definitiv nicht zufrieden mit dem jetzigen Zustand unserer Richtlinien. [...] Wir arbeiten dran.»

Im Übrigen scheint Dorsey mit seiner Einschätzung, Jones habe nicht gegen die Richtlinien von Twitter verstossen, falsch zu liegen. CNN hat den Stream des 44-jährigen Texaners unter die Lupe genommen und dabei zahlreiche Tweets gefunden, die laut Twitters Nutzungsbedingungen nicht online sein dürften. Damit konfrontiert, versprach das Unternehmen nach anfänglichem Zögern, die fraglichen Nachrichten genauer anzusehen. Mittlerweile sind alle Tweets, die CNN anführt, nicht mehr online verfügbar. Twitter hat sie nicht gelöscht, vermutet aber, dass sie Jones selbst oder jemand mit Zugang zu seinem Nutzerkonto gelöscht haben könnte.

Kurzfristig scheint Jones zu profitieren

Del Harvey, bei Twitter zuständig für die Sicherheit, hatte ebenfalls behauptet, Jones habe nicht gegen Twitters Richtlinien verstossen. In einem Mail an ihre Mitarbeitenden schrieb sie allerdings auch, dass die Nutzungsbedingungen laufend angepasst würden und aktuell im Hinblick auf «Hate Speech», wie sie Jones betreibt, und die Entmenschlichung anderer überarbeitet würden.

Für Alex Jones scheint sich das Vorgehen der Tech-Giganten kurzfristig auszuzahlen – zumindest behauptet er das. Dem britischen Boulevardblatt «The Daily Mail» sagte er, in den 48 Stunden seit seiner Sperrung auf Apple, Youtube und Facebook hätten über 5,6 Millionen seinen Newsletter neu abonniert. Ob das der Wahrheit entspricht, bleibt fraglich.

Die «Daily Mail» bemerkt übrigens auch, dass Amazon anscheinend ebenfalls auf Distanz zu Jones geht: Im Infowars-Store auf Amazon kann man Ernährungs-Supplements kaufen, die bislang vom Versandriesen empfohlen wurden – neuerdings ist das nicht mehr der Fall.

Verstummt nun also die Stimme von Alex Jones, wenn Twitter sich doch noch entscheiden sollte, ihn zu sperren? Wohl kaum.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels sind sowohl in Apples Appstore als auch in Google Play noch die Infowars-Apps erhältlich. Wer auf Youtube nach Alex Jones sucht, findet nach wie vor genug Videos, in denen er zu Wort kommt. Eigenen Angaben zufolge übertragen über 160 Radiostationen in den USA seine Sendungen. Das rechte Nachrichtennetzwerk Gab unterstützt Alex Jones und ruft seine Anhänger dazu auf, zu ihrer Plattform zu wechseln. Und die eigene Website erfährt derzeit gemäss des Website-Ranking-Dienstes Alexa regen Zulauf. Auch die Trendkurve bei Google zeigt für die Suchbegriffe «Infowars» und «Alex Jones» momentan steil nach oben. Wie heisst es doch so schön? So etwas wie schlechte Publicity gibt es nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2018, 16:32 Uhr

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