Interview

«Ein Sputnik-Schock tut uns gut»

Soziologe Dirk Helbing sagt, Europa brauche ein Apollo-Projekt, um die Lufthoheit im IT-Bereich zurückzugewinnen.

«Wenn jeder verwundbar ist, leiden die Innovation und die Meinungsvielfalt», sagt Dirk Helbing. (Bild: Sabina Bobst)

«Wenn jeder verwundbar ist, leiden die Innovation und die Meinungsvielfalt», sagt Dirk Helbing. (Bild: Sabina Bobst)

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Die Enthüllungen über die NSA-Spionage haben Europa gezeigt, welche Tragweite die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie haben. Wie beurteilen Sie die Position der europäischen Staaten in diesem Bereich?
Europa hat die Entwicklungen in diesem Bereich völlig verschlafen. Fast alle IT-Giganten, mit Ausnahme von SAP, sind in den USA: Google, Apple, Microsoft, Amazon. Die Hardware wird weitgehend in Asien produziert. Ehemals innovative Unternehmen wie Skype und Nokia wurden von Microsoft übernommen. Das Zeitalter der digitalen Gesellschaft ist in vollem Gange, aber Europa ist eine einzige IT-Wüste. Es hat 6 Monate gedauert, bis die Europäer begonnen haben, die Tragweite der Snowden-Enthüllungen zu verstehen, aber es geht um noch viel mehr als die Möglichkeit der totalen Überwachung jedes vernetzten Weltbürgers. Ich glaube nicht, dass Europa sich schon bewusst ist, was die Entwicklung für unsere Zukunft bedeutet.

Worum geht es denn?
Wirtschaft und Gesellschaft und all unsere Institutionen werden sich innerhalb von ein, zwei Jahrzehnten fundamental verändern. Dabei brauchen wir oft 30 Jahre, um ein Strassenbauprojekt zu planen und umzusetzen. Manche EU-Gesetze werden fast 10 Jahre lang verhandelt, bis sie in Kraft treten. Wir laufen Gefahr, mit dem Wandel nicht Schritt zu halten. Wir befinden uns nicht einfach in einer Finanzkrise, und wenn die vorbei ist, ist alles wie vorher. Es geht um eine Transformation, die so grundsätzlich ist wie die Erfindung des Webstuhls oder der Dampfmaschine.

Wie meinen Sie das?
Bald werden die Informationssysteme allgegenwärtig sein. Wir werden das Internet der Dinge haben, d. h. Sensoren werden überall in unserer Umwelt verstreut sein und die Überwachungsmöglichkeiten noch viel dramatischer als heute. Die Frage ist, was man mit diesen Technologien Vernünftiges macht. Wie stellt man sicher, dass sie nicht missbraucht werden? Wir müssen uns zwingend mit diesen Fragen auseinandersetzen, um die richtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen für das neue digitale Zeitalter zu treffen.

Was braucht es konkret?
Erst langsam begreifen wir die Implikationen dieser technischen Entwicklung und die absolute Überlegenheit der USA in IT-Belangen. Die NSA-Affäre ist wie ein Sputnik-Schock. Der tut uns gut. Denn es braucht ein europäisches Apollo-Projekt, um die Lufthoheit im IT-Bereich zurückzuerlangen. Derzeit findet ein Wettrüsten um das Sammeln und Auswerten von Daten statt. In Amerika wird das auf der gleichen Ebene diskutiert wie die Nuklearstrategie. Cyberwar ist zu einer realen Bedrohung geworden. Im Prinzip können jetzt von jedem Ort der Welt innerhalb von Sekundenbruchteilen Angriffe gestartet werden auf die Finanzmärkte, die Infrastruktur, den Zahlungsverkehr. Ich bin mir nicht sicher, ob die Politik das realisiert. Europa muss, was die kritische Infrastruktur angeht, unabhängig sein, auch eine eigene Suchmaschine haben.

Was wird das in etwa kosten?
Wenn Sie bedenken, dass die US-Geheimdienste jedes Jahr zig Milliarden in die Informationstechnologie investieren, und das Investitionsvolumen der amerikanischen IT-Branche dazurechnen, kommt da für Europa einiges zusammen.

Wie ist der riesige Vorsprung der USA noch aufzuholen?
Wenn sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle 18 Monate verdoppelt, ist es extrem schwer, fünf oder mehr Jahre Rückstand aufzuholen. Die einzige Möglichkeit besteht meiner Meinung nach in partizipativen IT-Systemen. Es ist wie mit Lesen und Schreiben: Lange war es das Privileg weniger. Dann begannen wir öffentliche Schulen zu bauen, um jedem Lesen und Schreiben beizubringen. Schritte wie diese haben unsere moderne Gesellschaft überhaupt erst ermöglicht. Im 21. Jahrhundert ist es an der Zeit, öffentliche IT-Plattformen zu schaffen und partizipative Ansätze wie Wikipedia und Open Streetmap auf viele andere Bereiche auszuweiten. McKinsey hat in einer Studie gerade vorgerechnet, dass das Wirtschaftspotenzial von Open Data 3000 bis 5000 Milliarden Dollar pro Jahr beträgt. Das wäre auch für die vielen Arbeitslosen in Europa eine grosse Chance. Warum bieten wir ihnen nicht neue Möglichkeiten, sich selbstständig zu machen und neue Firmen zu gründen, die auf diesem Datenschatz aufbauen?

Es heisst, Computer könnten in 10 bis 15 Jahren die Rechenleistung des menschlichen Gehirns erreichen. Wird es künstliche Intelligenz geben, die derjenigen des Menschen entspricht?
Das ist durchaus möglich. Der IBM-Watson-Computer kann Fragen jetzt schon besser beantworten als ein Mensch. Er ist natürlich ans Internet angeschlossen und hat dadurch eine grosse Informationsbasis, aus der er schöpfen kann. Wenn wir nicht den Stecker ziehen, werden vielleicht auch Roboter in absehbarer Zeit intelligenter sein als Menschen. Das hört sich nach Science-Fiction an, doch in der Entwicklungsabteilung von IBM wird das kaum jemand bezweifeln. Es gibt bereits 3-D-Drucker, welche die Teile für den nächsten 3-D-Drucker ausdrucken können. Wir kommen also in den Bereich der sich selbst reproduzierenden Systeme. Das gilt auch für Roboter. Man kann sich ausserdem vorstellen, dass diese sich nicht 1:1 reproduzieren, sondern selber weiterentwickeln. Man muss also davon ausgehen, dass wir uns bald Gedanken über die künftige Stellung des Menschen im Universum machen müssen.

Wenn es keinen Zweifel daran gibt, dass die Entwicklung in diese Richtung geht – warum wird das dann nicht breiter diskutiert?
Die globalisierte und immer stärker vernetzte Welt verändert sich so schnell, dass wir uns immer weniger auf unsere Erfahrung und Intuition stützen können. Wir haben Mühe, uns komplexe neue Situationen vorzustellen. Folglich schätzen wir die Entwicklung oft falsch ein und reagieren falsch. Wir brauchen neue Instrumente, um die wachsende Komplexität zu bewältigen. Daher werden die Informationen immer wichtiger.

Wie werden Big Data und die flächendeckende Anwendung von Algorithmen unsere Gesellschaft konkret verändern?
Algorithmen machen uns einerseits vorhersagbarer, gleichzeitig wird jedes Individuum zum Spezialfall, zu einer eigenen kleinen Minderheit, die in Bedrängnis gebracht werden kann. Wenn man genug Daten hat, lassen sich immer Dinge konstruieren, um jemandem das Leben schwer zu machen. Wenn sogar ein mächtiger Mann wie General Petraeus, der ehemalige CIA-Chef, wegen einer Liebesaffäre seinen Job verliert, sind wir alle verwundbar. Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung. Wenn jeder verwundbar wird und man sich dessen auch bewusst ist, haben die Leute mehr Angst, neue Ideen zu entwickeln, Querdenker zu sein und Dinge zur Diskussion zu stellen, weil sie letzten Endes Angst haben, den Job zu verlieren oder diskriminiert zu werden. Das wäre für die Gesellschaft ein grosser Schaden, denn Meinungsvielfalt und Pluralität sind auf lange Sicht die Erfolgsgaranten von Demokratie und Innovation.

Was tun Algorithmen denn genau?
Die zentrale Frage ist, wie sie benutzt werden. Wenn man aufgrund bestimmter Kriterien nach Terroristen fahndet, kommt es zwangsläufig vor, dass einige Terroristen nicht erkannt werden und dass harmlose Bürger falsch verdächtigt werden. Das ist ein ernsthaftes Problem. Ethisch problematisch wird es auch, wenn man Menschen in verschiedene Gruppen einteilt, nach Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Gesundheitszustand. Hinzu kommt: Selbst bei einer extremen Genauigkeit der Algorithmen kommen Fehler relativ oft vor, wenn man sie auf Hunderte Millionen Menschen anwendet. Wir müssen deshalb darauf achten, dass sie nicht grundlegende gesellschaftliche Werte wie die Gerechtigkeit aushöhlen.

Wie meinen Sie das?
Wo es Daten gibt, werden sie künftig auch verwendet werden, um ökonomische Vorteile zu generieren. Zum Beispiel Krankenversicherungstarife: Es gibt bereits Algorithmen, die auszurechnen versuchen, welche Leute wahrscheinlich einmal ins Krankenhaus müssen und welche nicht. Und es gibt Unternehmen, die GPS-Mobilitätsdaten verkaufen. Wenn jemand Sport treibt, wird der Algorithmus das als gut für die Gesundheit einschätzen, wenn jemand oft Fast-Food-Restaurants besucht, wird das vielleicht als schlecht klassifiziert und die Versicherungsprämie entsprechend angepasst. In letzter Konsequenz ist das jedoch absurd: Wenn jeder genau die Kosten zahlen muss, die er verursacht, brauchen wir keine Versicherung mehr. Was im Moment als Konkurrenzvorteil für eine Versicherung aussieht, macht am Ende das Geschäftsmodell der Versicherungen kaputt. Nebenbei gesagt kann man die Parameter der Algorithmen gar nicht exakt bestimmen. Wenn man sie nur wenig verändert, kommen oft ganz andere Ergebnisse heraus. Was auf den ersten Blick als fairer, risikogerechter erscheint, birgt die Gefahr einer neuen Art von Willkür. Das ist eine Problematik, die bisher kaum öffentlich diskutiert wurde.

Wie kann man das verhindern?
Meiner Meinung nach nur durch Transparenz. Es ist zwingend notwendig, dass diese Algorithmen infrage gestellt werden können, sei das durch die Wissenschaft oder durch gut informierte Bürger. Wenn man nicht weiss, welche Algorithmen angewendet werden, nach welchen Kriterien geurteilt wird, weiss man letztlich nicht, welchen Preis gewisse Menschen dafür bezahlen müssen, dass andere Leute einen kleinen Vorteil haben. Deshalb muss man Qualitätsstandards für Algorithmen festlegen. Am besten wäre es, die Algorithmen öffentlich zu machen. Ausserdem stellt sich die Frage, wie Leute zu entschädigen sind, die ungerechtfertigte Nachteile erfahren.

Warum gibt es nicht mehr Protest gegen diese Entwicklung?
Zum einen sind die Folgen noch nicht unmittelbar spürbar. Das ist wie bei der Radioaktivität, die man ebenfalls nicht sieht, aber trotzdem Langzeitschäden verursacht. Zum anderen hat das mit der wirtschaftlichen Situation zu tun. Abgesehen von der Schweiz und Deutschland liegen in Europa die meisten Länder wirtschaftlich darnieder. Jeder muss zusehen, dass er seinen Job behält, da stellt man keine Fragen, sondern tut, was von einem verlangt wird. Damit mangelt es aber an neuen Ideen, die zu den erforderlichen Reformen führen. Demokratien brauchen keine Untertanen, sondern selbstbestimmte Bürger, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Erstellt: 09.11.2013, 09:14 Uhr

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Der 48-Jährige ist seit 2007 Professor für Soziologie an der ETH Zürich. Der promovierte Physiker befasst sich mit komplexen Systemen, deren Modellierung und Simulation. Helbing war wissenschaftlicher Koordinator des Forschungsprojekts Futur ICT, wobei ICT für «Information and Communication Technologies» steht. Das Grossprojekt erhielt EU-Flagship-Förderung. (TA)

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